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Dagur Sigurdsson, gefeiert.

Dagur Sigurdsson

Der Vater des Erfolgs

Bundestrainer Dagur Sigurdsson ist für den deutschen Handball ein Glücksfall. Mit dem EM-Titel schrieb der Isländer deutsche Sport-Geschichte und könnte für eine zuletzt darbende Sportart eine goldene Ära einleiten.

Vorbild, Motivator, Taktik-Tüftler: Dagur Sigurdsson ist der Baumeister des deutschen Handball-Wunders. Innerhalb kürzester Zeit formte der Bundestrainer aus einem Team der Nobodys einen Europameister und führte eine darbende Sportart zurück ins Rampenlicht. Mit der Endspiel-Demontage Spaniens lieferte der Isländer sein ganz persönliches Meisterstück ab.

"Dagur ist ein taktisches Genie", sagte Finn Lemke nach dem imposanten 24:17-Erfolg gegen die Iberer: "Wir haben nur das umgesetzt, was Dagur uns vorgegeben hat." Weniger Gegentore hatte zuvor noch keine Mannschaft in einem EM-Finale zugelassen - doch der deutsche Abwehrchef klang so, als sei gerade die normalste Sache der Welt geschehen.

Auch die Verbandsspitze huldigte ihrem Meistermacher. "Dagur ist der Vater des Erfolgs", sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning und bezeichnete Sigurdsson als den "Schlüssel zum Europameistertitel". Nach den Nackenschlägen der verpassten Olympia-Quali 2012 und der EM 2014 ohne deutsche Beteiligung gehört die DHB-Auswahl plötzlich wieder zur Weltspitze - Sigurdsson sei Dank.

Mit isländischer Akribie und seiner durch und durch unaufgeregten Art führte Sigurdsson das deutsche Team in den letzten anderthalb Jahren wieder in die Spur. Als viele Experten die deutsche Mannschaft aufgrund der vielen Verletzten vor der EM schon abgeschrieben hatten, blieb er erstaunlich cool. Den Druck, Platz sieben bei der Wüsten-WM vor Jahresfrist in Katar nun vor einem Millionenpublikum bei ARD und ZDF bestätigen zu müssen, ließ sich Sigurdsson nie anmerken.

Sigurdsson ruht in sich selbst. Seine Akkus lädt der frühere Jugend-Nationalspieler im Fußball, der in seiner Heimat als Unternehmer unter anderem ein Hostel mit 215 Betten betreibt, beim Gitarrespielen, Motorradfahren oder Joggen auf - Hobbys, für die er in Polen allerdings keine Zeit hatte. Stattdessen sorgte er mit seinem Team für eine wahre Renaissance des deutschen Handballs - und für den größten Erfolg seit dem goldenen Wintermärchen 2007 im eigenen Land.

Verblüffende Aufstellungen

Sigurdsson gab dem DHB-Team eine neue Spielidee und sorgte für eine taktische Variabilität, die es so noch nie gab. Immer wieder verwirrte er die Gegner mit neuen Taktik-Varianten, wechselte ständig zwischen den Abwehrformationen und sorgte so für allgemeine Verunsicherung. Auch im Angriff verblüffte er mit Aufstellungen, die in dieser Form noch nie zusammen gespielt hatten.

Die größtenteils blutjungen Spieler hängen förmlich an Sigurdssons Lippen. In einem Klima des bedingungslosen Vertrauens wuchs bei den deutschen Grünschnäbeln auch das Vertrauen in die eigene Stärke - mit jeder Minute, von Tag zu Tag. "Wir vertrauen ihm blind", sagte Kreisläufer Erik Schmidt.

Dabei ist Sigurdsson kein Mann der großen und auch nicht der vielen Worte. Mit kurzen, klaren Ansagen gibt der "isländische Eisblock" (O-Ton Carsten Lichtlein) die Richtung vor. Am Spielfeldrand strahlt der 42-Jährige im Gegensatz zu seinen Vorgängern stets Gelassenheit aus, die Ruhe überträgt sich auf seine Spieler. Auf dem Weg ins Finale wurden vier Spiele erst in den letzten Minuten, der sogenannten Crunch-Time, entschieden - vier Mal gewann Deutschland, das jüngste aller EM-Teams.

Selbst die verletzungsbedingten Ausfälle von sechs Stammkräften konnten den charismatischen Coach vor und während des Turniers nicht aus dem Konzept bringen. Jammern? Das ist nicht Sigurdssons Sache. Ohne zu lamentieren, machte er aus der (Personal-)Not eine Tugend und impfte seiner jungen Mannschaft in Rekordzeit das Sieger-Gen ein. Von den 36 Länderspielen unter Sigurdsson gewann Deutschland 28, eine überragende Quote. Sieg Nummer 28, das Endspiel von Krakau, wird nicht nur Sigurdsson und seinen Jungs für immer in Erinnerung bleiben. (sid)

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