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"Usain Bolt ist wie ein Bruder für mich"

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Von: Frank Hellmann

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Vivian Jepkemoi Cheruiyot bei ihrem Sieg in Rio de Janeiro.
Vivian Jepkemoi Cheruiyot bei ihrem Sieg in Rio de Janeiro. © Imago

Die Olympiasiegerin und mehrfache Weltmeisterin Vivan Cheruiyot will jetzt auf der Marathonstrecke Maßstäbe setzen. Und auch zum Dopingthema hat die Kenianerin eine Meinung.

Gewichtsprobleme kennen viele. Bei Vivian Jepkemoi Cheruiyot spielen sie sich allerdings in anderen Dimensionen ab. Der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) gibt ihr Wettkampfgewicht mit 38 Kilo an, was die kenianische Ausnahmeläuferin während einer Presserunde in einem Hotel an der Frankfurter Festhalle leicht nach oben korrigierte. „Zwischen 38 und 40 passt eher“, sagte die 34-Jährige lachend, die als 5000-Meter Olympiasiegerin und mehrfache Weltmeisterin beim 36. Frankfurt Marathon alles mitbringt, um sogar den schnellsten Männern die Show zu stellen.

Renndirektor Jo Schindler platzt immer noch vor Stolz, dass der Coup gelang. Dabei half die Messe Frankfurt, die im Falle eines Streckenrekords – zu schlagen sind die 2:21:01 Stunden der Äthiopierin Meselech Melkamu von 2011 – eine Prämie von 30 000 Euro zahlt. „Wir wollen ihr den nächsten Schritt ihrer Marathon-Karriere ermöglichen“, sagte Christoph Kopp, der Sportliche Leiter. Von einem „Sprungbrett“ sprach Schindler.

Ihr Star ist eine der Protagonisten, die aus der ostafrikanischen Läuferinnen-Armada mit ihrer Profession wirklich reich geworden sind; sie besitzt Häuser an ihren zwei Wohnorten in Kaplagat und Nairobi und hat es zu Ansehen und fast präsidialer Berühmtheit gebracht. Millionen Landsleute werden am Sonntag bei der Live-Übertragung mitfiebern, heißt es.

Nur passt in die schöne Geschichte von Ruhm und Reichtum nicht, dass wiederholt kenianische Athleten mit positiven Dopingtests auffielen. Ausgerechnet die aktuelle Olympiasiegerin Jemima Sumgong, die 2016 das erste Gold über die längste olympische Strecke für die stolze Läufer-Nation gewann, flog nach Epo-Doping auf. Dasselbe war zuvor bei der früheren Boston-Siegerin Rita Jeptoo passiert, die noch immer gesperrt ist. Auch hier hatte Epo für einen langen Atem gesorgt. Das Vertrauen ist seitdem massiv angeschlagen, zumal die ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping“ schwere Versäumnisse in Kenias Antidopingkampf aufdeckte.

Vivian Cheruiyot schien auf das delikate Thema gut vorbereitet. „It is bad“ (es ist schlecht), antwortete sie auf FR-Anfrage. Ihr Versprechen: Gute Athleten könnten sauber laufen. Ihr schaudere bei der Vorstellung, dass „ich meine Energie einbringe und meine Läuferin neben mir andere Mittel“. Eine generelle Abrechnung mit der heimischen Läuferszene kam ihr allerdings nicht über die Lippen. Gab es bei ihr regelmäßige Trainingskontrollen? „Zwei-, dreimal im Monat. Und gerade letzte Woche.“ Aber es braucht wohl noch mehr, um dauerhaft den angekratzten Ruf der kenianischen Läuferszene wieder aufzupolieren.

Betreut wird die 1,55 Meter große Läuferin, die nach der WM 2011 im südkoreanischen Daegu mit ihrem Doppelsieg über 5000 und 10 000 Meter zur dominierenden Ausdauerspezialistin aufstieg, von Pace Sports Management und deren Topmanager Ricky Simms.

Die britische Agentur hat neben dem Briten Mo Farah auch den Jamaikaner Usain Bolt unter Vertrag, was erklärt, warum auf der Tartanbahn in Rio de Janeiro die putzigen Bilden mit dem hünenhaften Sprintstar und einem dagegen zwergenhaft wirkenden Ausdauerwunder entstanden. Vivian Cheruiyot betonte gestern, sie verbinde ein besonderes Verhältnis mit der abgetretenen Ikone. „Er ist wie ein Bruder für mich.“

Die gefühlte Bolt-Schwester will am Sonntag auf der bekannten Ost-West-Achse des Mainufers zu einer neuen Bestzeit über die 42,195 Kilometer rennen. Und nicht zu viel nach rechts und links gucken. Erst das zweite Mal startet sie bei einem Marathon, nachdem sie beim Frühjahrsklassiker in London in 2:23:50 als Vierte debütierte. Dennoch war sie nicht zufrieden, weil sie mit einer 67er-Halbmarathonzeit viel zu schnell anging. Sie habe aus alter Gewohnheit von der Bahn keine Lücke lassen wollen, was ein Fehler gewesen sei: „Diese Lektion ist gelernt. Marathon ist Marathon.“ Und nicht jeder Zwischenspurt muss auf der Straße sofort gekontert werden.

Mit Frankline Kemei wird ein Landsmann und Trainingspartner ihr persönlicher Tempomacher sein. Von der schnellen Strecke beim ältesten Stadtmarathon der Welt erhofft sie sich „das beste Rennen für mich – ich werde das beste rausholen.“ Drei Monate lang hat sie sich auf den Frankfurt-Auftritt vorbereitet, zwei extra lange Läufe über 40 Kilometer bestritten. Und weil ihr vierjähriger Sohn Allan eine Ganztagsschule besuchen kann, war auch das kein Problem, ihr enormes Pensum abzuspulen.

Ihrer Trainingsgruppe im Läufer-Eldorado Eldoret gehören übrigens fast ausnahmslos Männer an. Frauen ihrer Tempoklasse gibt es selbst in der laufbegeisterten Heimat nicht so viele. Vor ihrem zweiten Start auf deutschem Boden – bei der WM 2009 in Berlin siegte sie über 5000 Meter – ist im Grunde nur noch relaxen angesagt. „Viel Wasser trinken, locker 40, 50 Minuten laufen, ansonsten schlafen und essen“, erzählte sie. Und wenn der sehr schmale Körper noch ein paar Gramm ansetzt, macht das auch nichts.

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