1. Startseite
  2. Sport
  3. Sport A-Z

Unter dem Druck großer Erwartungen

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Hält sich gerne für den Größten: Cristiano Ronaldo.
Hält sich gerne für den Größten: Cristiano Ronaldo. © rtr

Portugiesen hoffen nach einer lausigen Saison in der Liga bei der EM auf den großen Wurf.

Von TILO WAGNER

Vor großen Fußballturnieren geben sich Fernsehanstalten und Großunternehmen gerne patriotisch. Der neueste Coup in Portugal: die Mitgliedschaft in der Nationalmannschaft für Fans. Bis zum Wochenende haben sich 130 000 Portugiesen einen Ausweis ausstellen lassen, der - ähnlich wie eine Kundenkarte - Rabatte auf Spiele und Merchandisingprodukte verspricht.

Der Boom der Nationalmannschaft ist nicht nur der weltweiten Beliebtheit von Stars wie Cristiano Ronaldo geschuldet. Es ist auch ein Zeichen, dass portugiesische Fußballfans nach einer ernüchternden Saison ihre Hoffnungen auf das Nationalteam setzen. Vier Jahre nach der Ausrichtung der Europameisterschaft im eigenen Land ist Portugals Ligafußball an einem Tiefpunkt angelangt. Fast die Hälfte der ehemaligen EM-Stadien sind zu Schauplätzen gespenstischer Spiele geworden, in denen auf jeden Zuschauer 60 freie Sitzplätze kommen. Boavista Porto, ein Verein, der noch vor fünf Jahren im Uefa-Cup Halbfinalist war, ist wegen seiner Verstrickung in den Schiedsrichterbestechungsskandal "Goldenes Pfeifen" zwangsabgestiegen. Und einer der erfolgreichsten Vereinspräsidenten, Pinto da Costa vom FC Porto, wurde deshalb für zwei Jahre vom Verband suspendiert.

Ob die Nationalmannschaft die leidgeprüften Fußballfans in den kommenden Wochen versöhnen kann, hängt von Luiz Felipe Scolaris Fähigkeiten ab, aus einer Menge herausragender Individualfußballer eine Mannschaft zu formen. Nach der schwierigen EM-Qualifikation, in der Portugal gegen keinen seiner direkten Widersacher gewinnen konnte, gab Scolari zu, dass die Seleção den Rücktritt von Führungspersönlichkeiten wie Figo nach der WM in Deutschland nicht gut verkraftet hat.

Aus dieser Not ist auch Scolaris Schritt zu verstehen, den 31-jährigen Stürmer Nuno Gomes, zum Kapitän zu ernennen. Gomes ist zwar mit 68 Einsätzen der erfahrenste Feldspieler im Aufgebot. Die Kapitänsbinde gibt jedoch einem Mittelstürmer eine Auflaufgarantie, der in der Rückrunde in der portugiesischen Liga allein wegen seiner Torflaute auffiel.

Auch im Mittelfeld hat Scolari eine Baustelle aufgerissen, nachdem er auf die Nominierung von Maniche verzichtete, der bei den vergangenen beiden Turnieren Portugals erfolgreichster Torschütze war. Deco hat sich derweilen in Barcelona lieber mit Vereinsfunktionären angelegt, als seinen präzisen Kurzpassfußball zu praktizieren. Und mit Jungstar João Mountinho von Sporting Lissabon, der ebenfalls im offensiveren Mittelfeld agieren wird, hat der gebürtige Brasilianer so gut wie nie zusammengespielt.

Unterdessen bemüht sich Scolari, die hohen Erwartungen herunterzuschrauben, die nach einer herausragenden Saison auf den Schultern von Cristiano Ronaldo lasten. "Cristiano hat in Manchester eine andere Rolle als im Nationalteam," sagt der 59-jährige brasilianische Erfolgstrainer. Ronaldo selbst verspürt keinen Druck: "Wer hat in Scolaris Amtszeit die meisten Tore geschossen? Das war ich." Portugal hofft darauf, dass der ManU-Star auch im Nationalteam eine Tendenz umkehrt, die ihn bisher immer verfolgte: Gegen kleine Teams schoss Ronaldo viele Tore, gegen große Mannschaften tut er sich dagegen oftmals sehr schwer.

Auch interessant

Kommentare