Tischtennis

Unorthodox zu Gold

Profi Timo Boll arbeitet sich im Schongang zum EM-Titel.

Am Tag nach seiner erfolgreichen Olympia-Mission sah Timo Boll schon wieder lockerer aus. Mit einem sanften Lächeln im Gesicht nahm das Tischtennis-Ass bei den Europaspielen in Minsk den Teamwettbewerb ins Visier – zuvor hatte die medizinische Abteilung „bis spät in die Nacht“ den Oberschenkel des Düsseldorfers bearbeitet. „Ich gehe davon aus, dass ich wieder fit bin“, sagte der 38-Jährige.

Der Erfolg im Einzel und die damit gesicherte Olympia-Qualifikation hatten den EM-Rekordsieger am Mittwochabend körperlich einmal mehr an seine Grenzen gebracht. Schon beim Aufwärmen vor dem Endspiel gegen den Dänen Jonathan Groth hatte Boll einen Krampf in der Vorderseite seines rechten Oberschenkelmuskels verspürt.

Tokio-Teilnahme sicher

Später habe dieser dann komplett zugemacht, berichtete Boll, der aufgrund der physischen Probleme sein Tischtennis auf eine untypische, unorthodoxe Spielart umstellte. Bloß „nicht ans Limit“ gehen, lautete die ungewöhnliche Devise.

„Es war Jonathan gegenüber sehr unangenehm, so zu spielen. Aber ich hatte keine andere Wahl und wollte mich nicht komplett zerstören“, erklärte der Düsseldorfer. Beinahe klang es so, als wollte er sich für seinen Sieg entschuldigen. „Ich habe ganz viele Dinge probiert, die ich sonst nie mache, zum Beispiel einen Aufschlag, den ich fast nie spiele“, sagte Boll, „ich habe dauernd etwas versucht, um meinen Gegner zu verunsichern.“ Mit Erfolg.

Schon durch den Einzug ins Endspiel hatte die frühere Nummer eins der Welt das Ticket für die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio gelöst, vorbehaltlich der Nominierung durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) wohlgemerkt. Auch die zweit- und drittplatzierten des Einzel-Turniers in der weißrussischen Hauptstadt sicherten sich Plätze für die Spiele in Japan.

Boll freut sich darauf. Tokio wäre „höchstwahrscheinlich“ das letzte Highlight seiner Karriere, sagte er, schränkte jedoch ein: „Man weiß ja nie.“ Für ihn geht es in erster Linie darum, gesund zu bleiben. Sein Körper stellt ihn nach mehr als 20 Jahren Leistungssport immer wieder vor Herausforderungen. Erst im vergangenen Februar nach einer Infektion hohes Fieber bekommen und konnte nicht zu seinen Spielen im Einzel sowie Doppel bei der Weltmeisterschaft antreten Große Probleme bereiten immer wieder die Knie und der Rücken. Hinter der Teilnahme an seinen sechsten Sommerspielen steht damit zumindest anscheinend immer ein kleines Fragezeichen.

Kurzfristig liegt der Fokus nach wie vor in der weißrussischen Hauptstadt. Der Sieg im Mannschaftswettbewerb ist das erklärte Hauptziel des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB), da über den Wettbewerb ein weiterer Startplatz für das olympische Einzelturnier 2020 gesichert werden kann. (sid)

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