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IPA team refugee swimmer Ibrahim Al Hussein competes in Heat 1 of the Men's 50m Freestyle - S9 Swimming at the Olympic Aquatics Stadium during the Paralympic Games in Rio de Janeiro, Brazil on September 13, 2016. Handout photo by Simon Bruty for OIS/IOC via AFP. RESTRICTED TO EDITORIAL USE. In 2006 Hassim lost his right leg below the knee in a shark attack while he and his brother were training to become lifeguards. He now works as a spokesperson for the conservation of endangered shark species. In February 2016 he was named a Global Shark Guardian by the United Nations Save Our Sharks Coalition. / AFP PHOTO / OIS/IOC / Simon Bruty for OIS/IOC

Paralympics

Ungleich verteilt

Bei den Paralympics startet auch ein Flüchtingsteam, bestehend aus zwei Athleten – für mehr reicht die Unterstützung nicht.

Von Ronny Blaschke

Viele Sportler lassen gern Superlative in ihre Antworten einfließen, das mindert ihre Aussagekraft, doch im Fall von Ibrahim Al Hussein sind Zuspitzungen gerechtfertigt. „2016 war das beste Jahr meines Lebens“, sagt der syrische Schwimmer auf einer Pressekonferenz im Olympiapark von Rio. Vor zwei Jahren ist er in einem Schlauchboot auf die griechische Insel Samos geflohen. Und nun darf er am anderen Ende der Welt Sport treiben, vor tausenden Zuschauern: „Das hätte ich nie für möglich gehalten, ich bin sehr dankbar. Und ich hoffe, dass das Blutvergießen in meinem Land bald vorbei ist.“

Es sind politische Inhalte, die man bei einem labyrinthartigen Sportereignis wie den Paralympics selten aufnehmen kann. In Rio gibt es 528 Entscheidungen, irgendwo werden immer Medaillen vergeben, schnell müssen Meldungen nach Hause gesendet werden, von goldener Freude oder silberner Enttäuschung. Lebenswege wie jene von Ibrahim Al Hussein, 27, aber führen zurück zum Kern der Paralympics, einer sportlichen Bewegung, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Versehrten angeschoben wurde. Sie führen aber auch in eine Gegenwart, die überdeckt wird von Rekordserien, russischem Staatsdoping und unübersehbaren Werbebotschaften: Denn von weltweit einer Milliarde Menschen mit Behinderung leben achtzig Prozent in Entwicklungsländern. In Regionen, wo Krieg und Konflikte keine Pause machen.

Ibrahim Al Hussein lebte als Elektriker in der ostsyrischen Stadt Deir ez-Zor. Er spielte Basketball und ging zum Judo, doch seine Leidenschaft gehörte dem Schwimmen. 2012, während des Bürgerkrieges, wurde ein Freund auf der Straße durch einen Raketenangriff verletzt. Hussein eilte ihm zu Hilfe, dabei zerschmetterte eine Granate seinen rechten Unterschenkel. Während der Operation im Krankenhaus wachte Hussein zweimal auf, auch danach musste er auf Schmerzmittel verzichten. Bekannte schoben ihn auf der Flucht in die Türkei in einem klapprigen Rollstuhl, erst in Griechenland erhielt er eine Prothese.

Im Oktober 2015 nahm Hussein nach fünf Jahren wieder das Schwimmtraining auf, er zog seine Bahnen im Olympiazentrum von Athen. Ein halbes Jahr später lag seine Bestzeit über fünfzig Meter Freistil bei 28 Sekunden, ohne Behinderung hatte sie bei 25 Sekunden gelegen. Husseins Tatendrang sprach sich herum, und so durfte er zu Beginn des des olympischen Fackellaufes das Feuer durch das Flüchtlingslager „Eleonas“ tragen. Nun in Rio gehört er einem unabhängigen Team an, gemeinsam mit dem in den USA lebenden iranischen Diskuswerfer Shahrad Nasajpour. Stolz trug Hussein die paralympische Flagge bei der Eröffnung ins Maracanã. Vielleicht, sagt er mit einem Lächeln, könne er irgendwann in ein friedliches Syrien zurück schwimmen.

Es ist eine eindrucksvolle Geschichte, und doch fragt man sich, warum das Internationale Paralympische Komitee ausgerechnet jetzt auf so viel Symbolik setzt. Auch im Zeitraum der vergangenen Paralympics in London waren weltweit mehr als fünfzig Millionen Menschen auf der Flucht. Das IPC präsentiert sich gern als globale Bewegung, die behinderte Menschen am gesellschaftlichen Alltag teilhaben lässt. In Rio aber kommen 46 Prozent der rund 4300 Athleten aus zehn wohlhabenden Industriestaaten. 33 der 161 teilnehmenden Nationen sind nur mit einem Sportler vertreten.

Ein Bruchteil der IOC-Milliarden

Das IPC unterstützt Nationale Paralympische Komitees mit einer eigenen Stiftung bei der Etablierung von Sportangeboten. Doch viel Geld steht dafür nicht zur Verfügung. 2014 lagen die Gesamteinahmen des IOC bei rund 1,6 Milliarden Euro – die des IPC bei 12,5 Millionen. Gemeinsam mit den Vereinten Nationen organisiert das IPC Workshops in Entwicklungsländern und spendet günstige Rollstühle. Es verteilt Einladungen an Athleten, die sich nicht qualifizieren konnten. So wächst langsam die Leistungsdichte: In London hatten Paralympier aus 74 Ländern Medaillen gewonnen, in Rio nun schon aus 78 Nationen.

Der Leiter des zweiköpfigen Flüchtlingsteams ist übrigens Tony Sainsbury, er war zwanzig Jahre als Chef de Mission der britischen Paralympier tätig gewesen. Sainsburg möchte Ibrahim Al Hussein weiter begleiten, auch über die Paralympics hinaus. Er hat viel gelernt in diesen Wochen, doch die Arbeit ist nicht neu für ihn. Auch in Großbritannien sind immer Paralympier dabei gewesen, die von irgendwoher geflohen waren. Vor zehn, vor zwanzig und vor dreißig Jahren.

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