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Ungeliebter Emporkömmling

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Von: Frank Hellmann

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In vielen Fußballstadien kommt es zu Protesten gegen RB Leipzig, wie hier im DFB-Pokal in Dresden.
In vielen Fußballstadien kommt es zu Protesten gegen RB Leipzig, wie hier im DFB-Pokal in Dresden. © imago/Robert Michael

Viele Traditionalisten im deutschen Fußball fragen sich: Was tut der Bundesliga gut? Der Aufsteiger RB Leipzig verschärft die Debatte.

Es war gewiss der Gipfel der Geschmacklosigkeit. Ein abgetrennter Tierkopf, offenbar ein echter Bullenschädel. Er lag vergangenen Samstag beim DFB-Pokalspiel zwischen Dynamo Dresden und RB Leipzig plötzlich im Innenraum, geworfen aus dem Dresdner Block. Die Aktion bildete den unrühmlichen Höhepunkt der Anfeindungen gegen das Leipziger Konstrukt. „RB Leipzig lässt sich nicht verbiegen und geht den Weg unbeirrt weiter“, teilte der Vorstandschef Oliver Mintzlaff zwar zu Wochenanfang gewohnt schneidig mit, aber aus dem Pokal-Wettbewerb sind die Sachsen schon mal ausgeschieden – auch weil sich deren Fußballer in der aggressiven Atmosphäre nicht zu behaupten wussten.

Immerhin: Im ersten Bundesligaspiel am Sonntag bei der TSG Hoffenheim sind solch widerwärtige Willkommensgesten nicht zu erwarten. Der Dorfklub als Gastgeber ist schließlich selbst ein fremdfinanziertes Gebilde – bei den einen steckt SAP-Begründer Dietmar Hopp dahinter, bei den anderen das von Dietrich Mateschitz aus Österreich gelenkte Red-Bull-Imperium.

An Standorten wie Hamburg, Bremen, Frankfurt oder Köln werden beim Gastspiel der Roten Bullen die Fanproteste, Kommerzvorwürfe und Boykottaufrufe indes dazugehören wie Ecke oder Einwurf. Zu vieles sieht für Traditionalisten nach Retorte aus. Das beginnt beim Kürzel RB für Rasenball-Sport, womit in Wahrheit aber der Bezug zum Brausekonzern hergestellt wird. Die Existenzberechtigung des Brause-Ablegers ist vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) abgesegnet. Aber viele fremdeln nicht nur mit diesem Markenartikel, sondern fürchten ihn sogar.

Ostklub ja, Potenzprotz nein

„Dieser Klub ist nicht meine Lieblingskonstruktion und wird auch nie meine Lieblingskonstruktion werden, aber ich habe zu viel Respekt vor den Fans in Ostdeutschland, als das ich das Ganze in der Öffentlichkeit verurteilen würde“, sagte dieser Tage Hans-Joachim Watzke. Der Vorstandschef von Borussia Dortmund brachte den Zwiespalt auf den Punkt: Einen vernünftig gelenkten Neuling aus einer prosperierenden Stadt im Osten kann der deutsche Profifußball gut gebrauchen, aber muss es gleich ein so potenter Eindringling sein?

RB Leipzig ist gekommen, um zu bleiben. Es gibt bereits ein 40 Millionen Euro teures, topmodernes Trainingszentrum, in die Nachwuchsakademie werden Talente aus ganz Deutschland gelockt. Die Neuzugänge haben bislang fast 30 Millionen gekostet, weitere millionenschwere Verstärkungen sind noch im Anmarsch. Und die 42 000 Zuschauer fassende, extra zur WM 2006 gebaute Arena könnte schon bald zu klein sein – debattiert wird, ein eigenes Stadion mit 70 000 Plätzen für die Epoche nach 2020 zu errichten. RB Leipzig nimmt meist die Überholspur, seit man 2009 das Startrecht des damaligen Fünftligisten SSV Markranstädt übernahm.

Die Klubstruktur macht schnelle Entscheidungen möglich: Es gibt nur 14 stimmberechtigte Mitglieder, die allesamt in einer Geschäftsbeziehung zu Mateschitz stehen. Der mächtige Milliardär hat das Projekt gegen äußere Einflussnahme abgesichert. „Wir halten eine Bundesliga, in der die meisten Vereine investorengelenkt sind, nicht für eine Schreckensvision“, sagt Sportdirektor Ralf Rangnick. In 20, 30 Jahren werde das die Realität sein. Der 58-Jährige spricht offen aus, was bei den meisten Bundesliga-Managern nur hinter vorgehaltener Hand geäußert wird.

Zumindest bei denjenigen, die sich differenzierter mit den Finanzierungsmodellen der 18 Erstligisten auseinandersetzen, wird das Leipziger Modell längst nicht so kritisch gesehen. Ist der internationale Finanzinvestor KKR, der den Hauptstadtklub Hertha BSC aufpäppelt, besser? Oder Großspediteur Klaus-Michael Kühne, der dem zur Großmannssucht neigenden Hamburger SV immer neue Geldspritzen gewährt? Von den Werksklubs aus Wolfsburg (VW) und Leverkusen (Bayer) ganz zu schweigen.

„Wir sind in Mitteldeutschland hinter Bayern München und Borussia Dortmund mittlerweile der drittbeliebteste Klub. Zudem haben wir 20 000 Dauerkarten verkauft“, sagt Rangnick. Sicher, „wir werden auswärts nicht mit Beifallsstürmen empfangen, das haben wir allerdings nicht exklusiv.“ Nur den blutigen Bullenkopf aus Dresden, den schon.

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