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Tränen flossen reichlich: Andreas Wellinger.

Skispringen

Ungebremst ins Glück

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Andreas Wellinger braucht lange, bis er realisiert, was ihm da auf der kleinen Olympiaschanze in Pyeongchang gelungen ist.

Es gibt jetzt viele Fotos des jubelnden Andreas Wellinger: Gleich nach der Landung, bei der Zeremonie am Fuß der Schanze, im Deutschen Haus – da hat er sich besonders ausgelassen gefreut, erst recht über das eine oder andere Weißbier –, und schließlich noch vom Sonntag, bei der Siegerehrung für seinen famosen Sprung im zweiten Durchgang, der ihn zum Olympiasieger von der Normalschanze machte.

Am schönsten zu beobachten aber war die ehrliche Fassungslosigkeit, mit der sich Wellinger freute, als nach kurzem Warten feststand, dass er diesmal der beste Skispringer von allen war. Er fiel auf den Boden der kleinen Box, die für den Führenden reserviert ist. Tränen flossen – alles nicht zu glauben, wenn der Moment da ist, auf den jeder für Olympia qualifizierte Sportler wartet: Der Beste sein. Sieg. Goldmedaille.

Auch Stunden später noch war Wellinger aufgewühlt, so richtig angekommen war die Botschaft von seinem neuen Status noch nicht bei ihm: „Meine Nerven liegen immer noch blank. Es wird noch ein bisschen dauern, bis ich zur Ruhe komme und das Ganze realisieren kann“, sagte er im Deutschen Haus.

Andreas Wellinger (22) ist ein verdienter Olympiasieger. Drei Weltcupsiege hat er in seiner Karriere bisher erst gesammelt, was angesichts seines Talents und seiner Fähigkeiten sehr wenig ist. Doch Wellinger hatte im vergangenen Winter eben auch eine großartige Phase mit vielen Podestplatzierungen und zweiten Plätzen auf der Groß- und Kleinschanze bei der WM in Lahti, Finnland. Geschlagen jeweils von Stefan Kraft aus Österreich, der sich im letzten Saisondrittel 2017 irgendwie immer vor Wellinger schob und ihn noch ein bisschen bremste in seinem Drang nach vorn. Immerhin blieb Wellinger in Lahti der WM-Titel im Mixed.

Am Samstagabend, nach zähem, fast dreistündigem und oft unterbrochenem Wettkampf mit starken Winden von vorn, hat Wellinger sich aber von niemandem mehr bremsen lassen. Er war der Favorit, weil er schon die Qualifikation gewonnen und auch im Training geglänzt hatte. Insofern war Rang fünf nach dem ersten Durchgang zwar keine Enttäuschung, aber auch nicht das, was Wellinger sich selbst zugetraut hatte. Allerdings: Der Abstand zu Rang zwei war marginal, zu Platz eins und dem Polen Stefan Hula schon deutlicher, aber nicht zu groß.

Es folgte der zweite Sprung, der beim sonst so zurückhaltenden Bundestrainer Werner Schuster einen Gefühlsausbruch auf seinem Coachingturm auslöste, begleitet von dem Wort „Yes“. Wellinger selbst freute sich nach der Landung ebenfalls sehr, er wusste, dass ihm da eine Traumleistung gelungen war: Absprung voll getroffen, hohe Luftfahrt, viel Geschwindigkeit unter den Skiern, Luft von vorne, die ihn auf 113,5 Meter trug, Schanzenrekord. Dazu eine perfekte Landung, hohe Noten, Platz eins. Und niemand konnte ihn mehr überholen. Hula wurde Fünfter, dessen Landsmann Kamil Stoch Vierter, die beiden Norweger Johann-André Forfang und Robert Johansson (der auch 113,5 Meter schaffte, aber nach dem ersten Durchgang zu großen Rückstand aufwies) gewannen Silber und Bronze. 

Schuster jubelte, Wellinger ist sein erster Einzel-Olympiasieger: „Der heutige Tag ist absolut bewegend. Absolut fantastisch. Ich habe eigentlich immer an den Andi geglaubt. Er hatte guten Wind und einen perfekten Sprung gezeigt.“

Der Zollbeamte Wellinger ist ein entspannter junger Mann, geboren in Ruhpolding, Oberbayern, er wohnt jetzt in München, studiert an der Fachhochschule Ismaning BWL und reist gerne. Im vergangenen April war er auf den Philippinen: surfen, seine zweite große Leidenschaft, die ihm seinen naheliegenden Spitznamen einbrachte: Welle. Er versuchte sich zunächst als Kombinierer, entschied sich aber bald schon für das Skispringen, wurde von Bundestrainer Werner Schuster vor der Saison 2012/2013 entdeckt und belegte gleich bei seinem ersten Weltcupspringen Rang fünf – nach dem ersten Durchgang hatte er sogar geführt. Da war Wellinger 17 Jahre jung.

chuster hatte einen Diamanten gefunden, und er begann, ihn zu bearbeiten, um ihn noch mehr zum Glänzen zu bringen. Was auch ganz gut gelang, Wellinger wurde 2014 Team-Olympiasieger.

Doch es gab auch einen großen Rückschlag: Ein schwerer Sturz Ende November 2014 in Kuusamo, Finnland, mit vielen Prellungen und einer Schlüsselbeinluxation hatte eine lange Pause zur Folge, auch psychische Wunden mussten heilen. Die Rückkehr gelang ihm mit Rang zwei bei der Junioren-WM 2015, vor allem aber in der vergangenen und in dieser Saison, in der er schon Rang zwei bei der Vierschanzentournee erreichte. Wellinger ist derzeit Dritter der Weltcupgesamtwertung, es führt Stoch vor dem Sachsen Richard Freitag, der eigentlich der derzeit konstanteste deutsche Springer ist. Doch Wellinger kam in Pyeongchang bisher deutlich besser zurecht.

Jetzt also olympisches Einzelgold. „Die Bedingungen waren heute leicht, ich habe sie ausgenutzt“, sagt Wellinger. Und er weiß, wer ihm neben Schuster zu all dem verholfen hat, dem Triumph, dem Rampenlicht, dem Gold: „Dass es wirklich an so einem Tag funktioniert, ist aber ganz, ganz viel Arbeit, da muss ich meinem Heimtrainer Christian Winkler einfach nur Danke sagen. Der tritt mir jede Woche in den Arsch, dass ich da einfach mein Zeug mache und vorwärts komme. Ohne ihn würde ich hier jetzt nicht stehen.“

Wellinger ist bereits ein Markenbotschafter, normalerweise trägt er als Nachfolger von Martin Schmitt nun den lila Helm eines Schokoladenherstellers. Den darf er wegen des persönlichen Werbeverbots bei Olympia nicht benutzen, er setzt nun auf die Farbe Gold. Passt ja auch. Zumal es noch zwei Wettbewerbe gibt in Pyeongchang: den Teamwettkampf mit Medaillenchance. Und das Einzel von der Großschanze. Favorit dort ist: Andreas Wellinger.

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