Superstar: Michael Jordan von den Chicago Bulls. dpa
+
Superstar: Michael Jordan von den Chicago Bulls. 

Doku-Serie bei Netflix

Tyrannischer Basketball-Gott

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
    schließen

Die zehnteilige Doku-Serie über das letzte Jahr von Michael Jordan bei den Chicago Bulls zeigt den Megastar der 1990er Jahre als fehlerhaften, sturen, aber faszinierenden Siegertypen.

Jeden Abend standen sich Michael und Larry Jordan im Garten des Elternhauses in Wilmington, im US-Bundesstaat North Carolina gegenüber. Ein Korb, ein Basketball, los ging es. Stundenlang spielten die Brüder, und meistens gewann der elf Monate alte Larry, was Michael verrückt machte. „Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass ich mich gegen Larry behaupten muss, um die Aufmerksamkeit meines Vaters zu bekommen“, sagt der Michael Jordan von heute in der Doku-Serie „the last dance“ - der letzte Tanz, die am Sonntag bei ESPN in den USA und am Montag in Deutschland auf Netflix gestartet ist.

Für Michael Jordan ging es in seinem Leben immer nur um eines: gewinnen – um jeden Preis und ohne Rücksicht auf andere. „Es kann schon sein, dass Leute nach Ansicht dieser Doku über mich sagen: ‚Wow, ein netter Kerl war der aber nicht – eher ein Tyrann‘",sagt Jordan. Aber: „Das ist die Meinung derer, die selbst nie irgendwas gewonnen haben.“

Über 100 Interviewpartner

Und er hat gewonnen. Sechs Mal wurde er NBA-Champion (1991, 1992, 1993, 1996, 1997 und 1998), zwei Mal Olympiasieger (1984 und 1992). Er war Werbeträger, Filmstar (Space Jam) und der perfekte Athlet. Die zehnteilige Dokumentation von Regisseur Jason Hehir ist aufgehängt an der letzten Meistersaison der Bulls von Michael Jordan.

Das Team wurde damals vom Sender ESPN begleitet, das 500 Stunden Videomaterial sammelte. Besonders spannende Innenansichten liefern die neuen Bilder nicht, sie umrahmen das größte Pfund dieser Serie: Die über 100 Interviewpartner – darunter die Ex-US-Präsidenten Barack Obama und Bill Clinton. Sie porträtieren nicht nur Michael Jordan sondern auch seine Co-Stars Scottie Pippen und Dennis Rodman sowie Chefcoach Phil Jackson und Geschäftsführer Jerry Krause und beschreiben, wie sich das Team aus wilden Charakteren für den Erfolg zusammenraufte – trotz etlicher Probleme. Der gewiefte Krause wollte das Team verjüngen und machte Jackson klar, dass es seine letzte Saison als Trainer in Chicago sein würde. Jordan machte sich über Krauses Figur (klein und dick) lustig, Pippen verachtete ihn, weil er seinen Vertrag nicht erneuern wollte. Krause verstarb im Jahr 2017 und kommt als einziger Hauptprotagonist nur mit Videomaterial aus Archiven zu Wort.

Sechs Monate nach Krauses Tod bekam Hehir das Einverständnis von Jordan, das Videomaterial von ESPN zu benutzen. Herausgekommen ist eine facettenreiche Dokumentation, die eigentlich erst am 2. Juni hätte an den Start gehen sollte. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie – zur Freude der Basketballfans – jedoch vorgezogen wurde. Es sind die vielen Storys und Anekdoten, die den letzten Tanz der Bulls so besonders machen. Jordan erzählt, wie er in der Vorbereitung auf seine erste NBA-Saison als Rookie seine gesamten Mannschaftskollegen im Hotel mit Kokain, Marijuana und Prostituierten erwischte. „Ich bin raus. Keine Drogen, kein Alkohol – nur Basketball.“ Nach nur zwei Wochen wird klar, dass Jordan der beste Spieler im Team ist und die Liga im Sturm erobert.

In der zweiten Folge berichtet Danny Ainge von den Boston Celtics, wie er zwischen Spiel eins und zwei der Payoffs in der Saison 1985/1986 mit Jordan Golf spielte – das war tatsächlich möglich. „Ich hab ihm ein paar Kröten abgenommen und wir haben Trash-Talk gemacht. Das war wohl ein Fehler.“ In Spiel zwei machte Jordan 63 Punkte, was immer noch NBA-Rekord in einem Playoff-Spiel ist. Die Bulls verloren, doch der Mann mit der Nummer 23 war in aller Munde. „Das war nicht Michael Jordan. Das war Gott verkleidet als Michael Jordan“, sagt Celtics-Legende Larry Bird.

Das Bild vom charismatischen Superstar bekommt ein paar Risse wenn er seine Mitspieler hart angeht und fertigmacht, wenn sie nicht so spielen, wie er es will. Und nach Niederlagen wurde er erst recht wütend. Dieser Zorn hat ihn sein gesamtes Leben angetrieben. Ob im Garten gegen Bruder Larry oder auf der größten Basketballbühne der Welt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare