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Startet bei der Para-EM in drei Disziplinen: Ronny Ziesmer.

Ronny Ziesmer Para-EM

Tüftler und Aufklärer

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Der Para-Leichtathlet Ronny Ziesmer probiert viele Sportarten aus und engagiert sich bei der Erforschung zur Querschnittslähmung.

An die körperlichen Grenzen gehen, das ist im Sport leicht dahin gesagt. Doch in den Schilderungen von Ronny Ziesmer erhält dieser Satz eine tiefere Bedeutung. Er ist ab dem Hals abwärts gelähmt, kann seine Finger nicht einzeln bewegen und nur zu Fäusten ballen. Er braucht manchmal acht Minuten, um in ein Auto einzusteigen, ist meist auf Betreuung angewiesen. Und doch vollbringt er Leistungen, die für nichtbehinderte Menschen meist unerreichbar sind.

Der Leichtathlet Ronny Ziesmer, 39, aus Cottbus ist einer bekanntesten Teilnehmer der Para-Europameisterschaften, die bis Sonntag im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark stattfinden. Er nimmt am Keulenwurf teil und startet im Rennrollstuhl über 100 und 200 Meter. Im Interview spricht er weniger über Medaillen, Bestzeiten oder andere Gradmesser für den Leistungssport. Er beschreibt ein Wechselspiel: zwischen Neugier, Ehrgeiz und Körperbewusstsein. Er ist ein Tüftler geblieben.

Mehr als 18 Jahre ist Ronny Ziesmer Kunstturner gewesen. 2003 wurde er Deutscher Meister im Mehrkampf, für die Olympischen Spiele 2004 in Athen machte er sich Hoffnungen auf eine Medaille. Wenige Wochen vor den Spielen stürzte er beim Training im brandenburgischen Kienbaum. Nach einem Doppelsalto schlug er mit dem Kopf auf den Boden und brach sich die Halswirbelsäule zwischen dem fünften und sechsten Wirbel. Eine schwere Form der Querschnittslähmung.

 Ronny Ziesmer studierte Biotechnologie 

Über Monate war Ziesmer in den Medien, er erhielt Solidarität und Spenden, aber auch Mitleid und Bevormundung. Er sträubte sich gegen Begriffe wie „Schicksalsschlag“, wollte nicht an den „Rollstuhl gefesselt“ sein. Es wurde vieles anders, das gibt er zu, es blieb aber auch einiges gleich.

Ronny Ziesmer konnte Restnerven reaktivieren, trotz der starken Schädigung seines Rückenmarks. Die Ärzte sahen Ursachen dafür auch in seiner Zeit als Leistungssportler, in der Willensstärke und der Beobachtungsgabe für Stärken und Schwächen. „Als Turner ging es nie nur um körperliche Anstrengung“, sagt Ziesmer. „Ich musste immer auch meinen Kopf anstrengen. So ist es auch jetzt noch.“

Schon wenige Monate nach seinem Unfall widmete sich Ronny Ziesmer wieder dem Sport. Er machte täglich Gymnastik, um die letzten verbliebenen Reflexe in seinen Armen zu erhalten. Er las Bücher, wollte seinen Körper besser verstehen. Es ging nicht mehr darum, spektakulär über die Turnmatte zu wirbeln. Es ging darum, wieder einzelne Muskeln zu aktivieren. Für einen geregelten Alltag musste er vieles neu lernen, er gönnte sich dabei kaum Pausen. 2005 nahm er ein Studium der Biotechnologie auf, das er 2011 abschließen sollte. Er sammelte Wissen, das er in die Tat umsetzen wollte.

Ronny Ziesmer überlegte, in welchem Leistungssport er sich wohl fühlen könnte und entschied sich fürs Handbike. Bei seinem ersten Workshop half ihm der viermalige Paralympics-Sieger Heinrich Köberle. Ziesmer kann mit seinen Armen den Spezialgriff am Gerät ziehen, aber nicht strecken und schieben. Er benötigte für eine Stadionrunde von 400 Metern mehr als 15 Minuten. Er erforschte den Sport, kurbelte bald geschmeidig über den Asphalt, bestritt nach hunderten Trainingskilometern den Berlin-Marathon, mit einer Streckenzeit von knapp über zwei Stunden. Doch wegen seiner schweren Behinderung hätte er es in seiner Startklasse auch nach Jahren des Trainings wohl nicht zu den Paralympics geschafft.

Ziesmer wechselte auf den Rennrollstuhl und auf kürzere Distanzen, das Tempo wurde höher, wieder musste er sich umstellen. Als Turner wusste er, wie er seine Konzentration fokussieren konnte und wann es Zeit für eine Pause war. Da er als Tetraplegiker nicht mehr schwitzt, muss er besonders auf seinen Wärmehaushalt achten. Wenn es auf der Bahn zur Sache geht, hat sich das tägliche Training gelohnt: „Es ist immer wieder toll, die Umwelt vorbei rasen zu sehen.“

Ronny Ziesmer kann etwas Komplexes verständlich erklären, für dieses Talent wird er in Politik und Wissenschaft geschätzt. Er hat die Gründung einer Stiftung auf den Weg gebracht, die „Allianz der Hoffnung“, überdies das „Zentrum für neuronale Regeneration“ in Düsseldorf. Dort bündeln Wissenschaftler Forschungen und Therapieansätze für verletzte Nervensysteme. Ziesmer gewann Angela Merkel als Schirmherrin, denn das Thema hat eine politische Dimension, zumal in einer alternden Gesellschaft. Für Menschen mit einer Querschnittslähmung entstehen zeitlebens mitunter Pflegekosten von zwei Millionen Euro. „Es gibt noch viel Unwissen in der Gesellschaft“, sagt Ziesmer. „Für viele Menschen sind Rollstuhlfahrer alle gleich. Diesem Eindruck möchten wir durch Aufklärung entgegen wirken.“

Großer Traum Paralympics

Auch dafür möchte Ronny Ziesmer im Gespräch bleiben, seit kurzem im Keulenwurf. Diese Disziplin wurde für Sportler geschaffen, die wegen ihrer Behinderung keinen Diskus oder Speer greifen können. Also klemmt Ziesmer sich die Keule zwischen seine Finger und schleudert sie regelmäßig weiter als zwanzig Meter. 10 000 Würfe benötigt man, so heißt es, um alle Feinheiten für die internationale Klasse zu verinnerlichen. Ziesmer ist nun bei etwa 6000. Er kann sich vorstellen, noch mit 45 oder 50 Leistungssport zu betreiben. Mindestens einmal möchte er zu den Paralympics. Er nennt das Lebensgestaltung.

Wieder so ein Wort, das durch ihn eine ganz andere Bedeutung erhält.

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