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Wirkt mitunter fast gleichgültig: Angelique Kerber.

US Open

Angelique Kerber: Trotzig in der Achterbahn

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Angelique Kerber sieht sich nach dem Erstrunden-Aus bei den US Open heftiger Kritik ausgesetzt.

Die US Open waren noch nicht einmal einen halben Tag alt, da saß Angelique Kerber am frühen Montagabend schon als grimmige Erstrundenverliererin in einer gut gekühlten Shuttle-Limousine Richtung Manhattan. Es gab kein Zurück mehr zum letzten Grand-Slam-Turnier der Saison, es gab auch wenig Hoffnung, dass Kerber noch irgendwelche Ausrufezeichen in diesem finsteren Tennisjahr setzen könnte. An diesem 26. August, nachmittags um Punkt Drei, war 2019 eigentlich gelaufen für die dreimalige Grand-Slam-Siegerin, in jenem Moment, als sie bei einer Dreisatz-Achterbahnfahrt auf dem Grandstand-Platz schließlich unsanft auf dem Boden gelandet war, als 5:7, 6:0, 4:6-Gescheiterte gegen die Französin Kiki Mladenovic. „Bei mir sind die Aufs und Abs halt extrem“, sagte Kerber später, als sie in einer Pressekonferenz den frustrierenden Auftritt beleuchtete, „die Enttäuschung ist schon sehr, sehr groß jetzt.“

Es war fast noch eine Untertreibung, denn vierzehn Monate nach ihrem strahlenden Wimbledon-Erfolg ist die deutsche Frontfrau im Kräfte- und Machtspiel im Frauentennis nur noch eine Randfigur. Eine Mitläuferin, die mehr mit sich selbst als mit ihren Gegnerinnen ringt. „Ich mache mir schon Sorgen um Angie, mehr noch nach diesem Spiel“, sagte DTB-Frauenchefin Barbara Rittner leicht entgeistert. Nicht nur Rittner hat den Eindruck, dass Kerber gerade selbst die ohnehin schon eigentümlichen Wege ihrer Berg- und Talreisen verlässt, und zwar nicht zum Guten. „Dringend“ brauche Kerber Impulse von außen, feurige Motivation in kritischen Spielphasen, so Rittner, „sie ist einfach nicht der Typ, der als Einzelkämpferin unterwegs sein sollte.“

Tatsächlich illustrierte der zweite Erstrunden-Knockout bei Grand Slams nacheinander das Personaldilemma bei Kerber. Nachdem Rainer Schüttler die Kommandobrücke im Team Kerber verließ, im berühmten gegenseitigen Einvernehmen, erscheint Kerber erst recht hilf- und ratlos an ihrem Arbeitsplatz – vor allem dann, wenn sich das Geschehen kritisch zuspitzt und Zeichen von außen gefragt sind, auch mal emotionale, lautstarke Unterstützung. Als die 31-jährige in den letzten Spielminuten am Montag immer mal wieder verzweifelt zu ihrer Box herüberblickte und auch „Was soll ich denn machen“ fragte, erntete sie bei den Getreuen nur banale Reaktionen: Etwas aufmunterndes Klatschen.

Aber Manager Aljoscha Thron oder auch Mutter Beata Kerber können, wollen und dürfen ja nicht einen Fachmann beziehungsweise Fachfrau ersetzen, jemanden, der die Nummer 14 der Setzliste vielleicht sogar zum Sieg geführt hätte. Mit Kerbers Selbsterkenntnis sei es offenbar nicht weit her, ließ Altmeister Boris Becker am Eurosport-Mikrofon „schockiert“ durchblicken: „Wenn jetzt nicht der Groschen gefallen ist, wann denn dann“, fragte Becker in Richtung von „Angie“, „es war schon ein großer Fehler, zu diesem Turnier ohne Coach anzureisen. Aber jetzt muss etwas passieren. Sie darf nicht noch mehr Zeit verschwenden.“ Was Kerber umgehend, in ihrem nicht unüblichen Trotz, mit der Ankündigung returnierte: „Ich lasse mich nicht unter Druck setzen. Ich werde mir Zeit nehmen, bis ich die geeignete Person gefunden habe“, so Kerber, „es kann durchaus sein, dass ich die Saison alleine durchspiele.“

Kerbers zurückliegende Tennisjahre folgten einer paradoxen Gesetzmäßigkeit. Immer wenn die Kielerin eine großartige Saisonbilanz vorzuzeigen hatte, kam es anschließend zum mehr oder minder heftigen Absturz – ganz einfach, weil Kerber einen gewissen Rechtfertigungsdruck spürte und beweisen wollte, dass ihre erfolgreichen Pokaljagden nicht etwa Zufallstreffer waren. 2017 war beispielsweise so ein Jahr, in dem Kerber alles besonders gut machen wollte, als Nummer eins der Weltrangliste, als zweimalige Grand-Slam-Königin der Vorsaison. Es kam zum tiefen Fall. Dem dann, ebenso normal für Kerber, wieder ein Aufschwung folgte. Denn nun war auf einmal kein Druck mehr da, keine Erwartungshaltung. 2018 rauschte die berechenbar Unberechenbare zum Wimbledon-Titel.

Aber 2019 ist nun schon von anderer Qualität, Kerber ist schwerer angeschlagen als zuvor. Auch schwerer, als sie selbst zugeben will. Zu oft fehlte ihr das, was ihr vorher nie fehlte: Die Kämpferinnen-Attitüde, der Anspruch, auch in der Niederlage noch passabel auszusehen. Sich nichts vorwerfen zu müssen. Fakt aber ist: Viele Spiele verlor Kerber in diesem Jahr ohne innere Beteiligung, ohne Leidenschaft und Emotion. In Wimbledon sprachen manche in der deutschen Tennisszene von Gleichgültigkeit bei Kerbers Aus, und das bei der Mission Titelverteidigung. Oft hat Kerber zuletzt gesagt, alles fange bei ihr an und nicht beim Trainer. Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner – es passt indes nicht mehr bei der Wimbledonsiegerin. Sie braucht einen Mann oder eine Frau an ihrer sportlichen Seite. Eher früher als später. Am besten sofort.

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