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Die Elf aus der Traumfabrik

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Spaniens Stil erscheint wie ein letzter Tribut an die Romantik und gleichzeitig ein Gruß an die Moderne.

Von RONALD RENG

Vor der Europameisterschaft brachte Trainer Luis Aragonés der spanischen Nationalelf Besuch ins Trainingslager. Marcelino, der 1964 im EM-Finale das Siegtor bei Spaniens einzigem Triumph der Fußballgeschichte erzielte hatte, war da und sollte erzählen, wie man das macht, Europameister werden. Als er Marcelinos Baseballkappe aus schwarzem Samt sah, rief Aragonés: "Mit dieser Mütze kommen wir nach Hollywood!" Ganz so weit hat es Spanien dann nicht gebracht. Aber sie haben Hollywood nach Österreich gebracht. Als Elf aus der Traumfabrik erschien Aragonés' Spanien bei dieser EM. Als sie 44 Jahre nach dem einzigen Triumph einer großen Fußballnation mit dem 1:0 im Finale über Deutschland endlich wieder eine Meisterschaft gewannen, konnte es niemand mehr verkennen: Im Fußball, der so sehr für seine vermeintliche Unberechenbarkeit geliebt wird, gewinnt in Wahrheit meistens einfach der Beste.

Ewige Passkombinationen

Sie spielten Fußball mit ewigen Passkombinationen und permanenten Tempowechseln, schnell, langsam, schnell, und dann wieder langsam; anmutig. Ihr Stil erschien wie ein letzter Tribut an die Romantik und gleichzeitiger Gruß an die Moderne; er mischte die langsame Schönheit des brasilianischen Kombinationsfußball der Achtziger mit der brachialen Schnelligkeit der Gegenwart. Das Finale war sicher nicht ihre beste Werbung, aber Endspiele haben nur einen Zweck: sie zu gewinnen. Spanien tat es mit einigen Farbtupfern des schönen Spiels. .

"Wir haben in den vier Jahren unter Luis gute, schlechte und sehr schlechte Momente erlebt", sagte Mittelfeldspieler Xabi Alonso, "aber die Basis unseres Spiel blieb immer dieselbe: Wir wollen den Ball, immer, in jedem Moment des Spiels. Was wir in den zwei Jahren vor der EM gelernt haben, ist, das Spiel im Detail zu variieren". Sie offenbarten es auch im Finale: Ihr Passspiel, das sich im Halbfinale gegen Russland zum Angriffsstrudel gesteigert hatte, diente diesmal hauptsächlich der Defensive; den Ball vor dem Gegner zu verstecken, war ihre Idee. Von den fahrigen Deutschen zum Vorspielen eingeladen, erzielten sie, die den Ball die ganze Zeit im Mittelfeld hin und herlaufen ließen, das 1:0 durch Fernando Torres nach einem schlichten, eiskalten Konter. Früher, als die Sportsprache bei Militär in Anleihe ging, nannte man Pässe, wie ihn Spielmacher Xavi beim Tor auf Torres schickte, tödlich. Man kann es auch anders ausdrücken: Xavis Pässe sind das blitzende Leben.

"Mir reicht es!", hatte Trainer Aragonés vor einigen Wochen einmal gerufen, als er auf Xavi angesprochen wurde. "Ich verstehe nicht, warum niemand seine Klasse würdigt! Iniesta kriegt Lob, Fàbregas wird gehuldigt, und niemand redet von Xavi. Dabei war er bei mir immer ein Einser-Schüler."

Um den blitzenden Passmeister vom FC Barcelona hatte Aragonés dieses Spanien gebaut, und während im bisherigen Turnier langsam, aber sicher das Xavi-Double Fàbregas den Originaldarsteller überboten hatte, war die erste Halbzeit eine Erinnerung: Große Spieler zeigen sich in großen Spielen. Xavi war wieder da. Es blieb allerdings auch noch Zeit, ihre Schwäche zu begutachten. Ohne Ball leiden sie zu sehr; für zu lange Momente verloren sie in der zweiten Halbzeit die Kontrolle. Doch es blieb eine Anekdote.

Trainer Aragonés wird nun zu Fenerbahce nach Istanbul wechseln, mit 69 zum ersten Mal ins Ausland nach fünf Jahrzehnten als Profispieler und Trainer. Diese Mannschaft wurde aus Aragonés' Gedanken geboren, und weil jeder Trainer seine eigenen Ideen hat, muss man Angst haben, dass der Zauber unter seinem Nachfolger Vicente del Bosque verwässert wird. Als sie aus dem Stadion in die Nacht verschwanden, schlich sich der Schmerz eines Abschieds schon heran. Ein Wort zum Ende war noch gewünscht, und Luis Aragonés sagte es wie immer auf seine eigene, eigentümliche Weise: "Es war es Wert und so."

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