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Seit 2008 für die deutschen Adler zuständig: Werner Schuster.

Vierschanzentournee

Die Trainerfrage schwebt über der Tournee

Der Vertrag von Skisprung-Erfolgscoach Werner Schuster läuft aus. Stefan Horngacher und Martin Schmitt werden als potenzielle Kandidaten gehandelt.

Pünktlich vor Beginn der Vierschanzentournee hat Sven Hannawald noch ein bisschen mehr Schwung in die Trainerdiskussion bei den deutschen Skispringern gebracht. Er schlug für die Zukunft Martin Schmitt als Nachfolger von Erfolgscoach Werner Schuster vor, dessen Vertrag nach dem Saisonende ausläuft. Tatsächlich gäbe es in Deutschland kaum einen passenderen Kandidaten als Schmitt für diesen Posten, da der 40-Jährige über jede Menge Erfahrung als Springer verfügt (Olympiasieger, vier Mal Weltmeister, zwei Mal Gesamtweltcupsieger), die passende Trainer-Ausbildung (Lehrgangsbester an der Sporthochschule) mitbringt und über die nötige Intelligenz für den schwierigen Job verfügt.

„Der Trainerjob interessiert mich schon, aber dann müsste ich mich für diesen Weg entscheiden, das Trainer-Handwerk richtig lernen und mit Haut und Haaren dabei sein“, sagt Schmitt dazu. Momentan ist das nicht der Fall – bei der 67. Vierschanzentournee ist der Schwarzwälder wieder als TV-Experte für Eurosport aktiv und zudem Mitinhaber einer Vermarktungsagentur, die unter anderem Olympiasieger Severin Freund betreut. Zudem findet Schmitt, dass derzeit ganz eindeutig eine Vertragsverlängerung seines einstigen Lehrmeisters Schuster die beste Option wäre: „Der Verband sollte versuchen, Werner zu halten. Es hängt nur an ihm.“

Schuster hat einmal gescherzt, „dass ich im Fußball längst abgesägt wäre“ – schließlich sind elf Jahre auch im Skispringen fast eine Ewigkeit. Ein weiterer Grund, warum der 49-Jährige Österreicher schon seit Monaten um eine Entscheidung kämpft. „Es gibt dabei so viele Dinge zu berücksichtigen. Auf der einen Seite hat meine Familie viel verzichtet in den vergangenen Jahren, auf der anderen Seite macht es mir eine Riesenfreude, dieses Team weiterzuentwickeln. Wir haben hier perspektivisch so viel aufgebaut in den vergangenen Jahren. Es gibt wahrscheinlich kein anderes Team, in dem so eine Dynamik ist“, sagt Schuster. Am Ende werde es eine sehr persönliche Entscheidung sein. Die nicht während der Tournee, sondern wahrscheinlich in der Zeit bis zur Nordischen Ski-WM in Seefeld (18. Februar bis 3. März 2019) fallen wird.

Deshalb schwebt die Trainerfrage über der Tournee und der Ausgang des Skisprung-Grand-Slams könnte auch eine Rolle bei den Überlegungen von Schuster spielen. Schließlich ist der Tournee-Gesamtsieg der einzige Titel, den der Chefcoach in seiner Ära bislang nicht mit seinen Fliegern feiern konnte. Olympiasieger, Weltmeister, Skiflug-Weltmeister, Gesamtweltcupsieger und Nationen-Weltcup-Gewinner – all diese Titel haben Severin Freund, Andreas Wellinger und Co schon eingesammelt. Deshalb würde der DSV auch liebend gern mit dem Goldschmied verlängern.

„Inzwischen haben wir elf grandiose Jahre zusammen erlebt, eine wahnsinnige Erfolgsgeschichte. Wir sind bestrebt weiter zusammenzuarbeiten. Ich führe die Gespräche, die aber während der Tournee ausgesetzt sind“, sagt Horst Hüttel, beim DSV für die Erfolgssparten Skispringen und Nordische Kombination zuständig. Alternativen zu Schuster hat er (noch) nicht im Blick: „Einen Plan B gibt es nicht, das wäre das falsche Signal. Wir wollen ihn weiter an uns binden. Wenn, dann wäre unser Bestreben, bis Olympia 2022 in Peking zu verlängern.“ Das Thema Geld ist bei den Verhandlungen dabei nicht der entscheidende Hebel: „Werner geht es immer um Inhalte, das Gestalterische und die Freude an der Arbeit.“

Schuster gilt in der Szene als der Trainer, der die im Skispringen wichtigsten Komponenten Trainingslehre, Wissenschaft, Material und Psychologie am besten zusammenbringt. Außerdem kann er als Öffentlichkeitsarbeiter die Sportart perfekt verkaufen. „Alles, was er tut, hat einen roten Faden. Er sorgt für einen guten Spirit in der Mannschaft und schafft es, alle Sportler, Trainer, Physios und Materialexperten zu einem guten Team zusammenzufügen“, lobt sein Musterschüler Severin Freund.

Mittelmäßiger Springer, Top-Trainer

Der einst als Skispringer eher mittelmäßige Schuster hatte im März 2008 als Nachfolger von Peter Rohwein eine verunsicherte Mannschaft übernommen, in der erfahrene Flieger wie Martin Schmitt die Hauptrolle spielten. „Damals war die Verpflichtung des ersten ausländischen Chefcoachs im Skispringen ein gewagter Schritt, aber ich habe nie an seinen Qualitäten gezweifelt und nach zwei Jahren waren alle glücklich“, erinnert sich Hüttel. Schuster hat in seiner Amtszeit vier neue Flieger zu Weltcup-Siegern gemacht und zehn aufs Podest geführt – das ist in der weltweiten Skisprung-Szene einmalig. Auch in diesem Winter setzten mit Tournee-Hoffnungsträger Karl Geiger und Stephan Leyhe wieder neue Aufsteiger die Akzente.

Der ausgebildete Psychologe Schuster setzt auf eine stringente Talentausbildung vom Jugendbereich bis ins Nationalteam und auf das Zusammengehörigkeitsgefühl im Team trotz aller nötigen Konkurrenz. „In dieser hochsensiblen Sportart entscheiden Nuancen. Meine Philosophie ist, dass der emotionale Wohlfühlfaktor sehr wichtig ist. Es macht keinen Sinn, seine Kraft in Grabenkämpfen im Team zu vergeuden. Nur zusammen sind wir stark.“ Aber bleibt Schuster auch künftig Teil dieser Einheit?

Falls nicht, hat Martin Schmitt eine Idee, wer der perfekte Nachfolger wäre: Stefan Horngacher. „Es ist sicher kein Zufall, dass Stefan in Polen immer nur Jahresverträge macht.“ Der Österreicher begleitete von 2008 bis 2016 den Weg von Schuster in Deutschland als Co-Trainer und wechselte dann als Chefcoach ins skisprungverrückte Polen. Seitdem erleben die Flieger aus dem Nachbarland einen Höhenflug. Horngacher hat übrigens etwas geschafft, was Schuster (bislang) verwehrt blieb: Er führte Olympiasieger und Gesamtweltcup-Titelverteidiger Kamil Stoch zuletzt zweimal in Serie zum Triumph bei der Vierschanzentournee.

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