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Will noch ein paar Stufen höher klettern: Anton Segner.

Rugby

Träumen erlaubt

Der 17-jährige Frankfurter Anton Segner will in Neuseeland Rugbyprofi werden.

Anton Segner ist 17 und hat einen Traum, den er träumt, seit er zwölf Jahre alt ist und der für einen Teenager aus der Fußballnation Deutschland skurril anmutet: Er möchte Rugbyprofi werden und für die beste Mannschaft der Welt spielen. Ersteres, nun gut. Das lässt sich in der Nähe der Heimat in Frankreich, England, Irland oder Italien verwirklichen. Aber Nummer eins der Welt? Das sind seit neun Jahren die All Blacks, die Nationalmannschaft Neuseelands. Lage: am anderen Ende der Welt, weit weg von Familie und Freunden. Problem: Staatsbürgerschaft. Doch für den jungen Mann aus dem Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen sind das keine Hinderungsgründe. Vor zwei Jahren ist er nach Nelson, die Sonnenhauptstadt an der Nordküste der Südinsel Neuseelands, gezogen und besucht dort das Nelson College, das eine große Tradition im Rugbysport hat. Und es hat nicht lange gedauert, bis der talentierte Hesse, 1,90 Meter groß und 110 Kilo schwer, auf sich aufmerksam machte: Im September war er Mitglied der neuseeländischen Schulauswahl, die in Australien drei Länderspiele bestritt. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum großen Ziel.

Der Countdown kann allerdings erst beginnen, wenn Anton Segner im neuen Jahr vom Familienurlaub aus Deutschland zurückkehrt. Es ist ein Fünfjahresplan, denn ohne Ausnahmegenehmigung bekommt er erst in fünf Jahren einen neuseeländischen Pass. Grund: In den beiden Jahren, seit er im Land der Kiwis lebt, war er jeweils länger als sechs Wochen außer Landes – von August 2017 bis März 2018, um in Deutschland die Mittlere Reife zu machen. Ein kleiner Stolperstein, der ihn die Nominierung für die U20 der All Blacks kosten wird, aber kein Beinbruch. Peter Grigg, sein Trainer am Nelson College, bescheinigt dem fröhlichen Blondschopf enormes Potenzial: „Er hat eine großartige Arbeitsmoral, eine tolle Physis und gute Ballbehandlung.“ Grigg kann die Zukunftschancen gut einschätzen, denn seit 18 Jahren ist er Rugbycoach an dieser Privatschule, die am 14. Mai 1870 gegen den Nelson Football Club das erste offizielle Rugbyspiel in Neuseeland bestritten und 21 All Blacks hervorgebracht hat.

Jede renommierte Schule in Neuseeland hält sich eine Rugby-Mannschaft als Aushängeschild; zurzeit werden die unlauteren Abwerbepraktiken des St. Kentigern-Colleges in Auckland angeprangert. Das Nelson College bot dem Deutschen auf Vermittlung seines neuseeländischen Klubtrainers Tim Manawatu beim SC Frankfurt 1880 ein Vollstipendium an, doch seine Familie entschied, die Hälfte der Kosten zu tragen. Vom Internat ist Segner, der durch einen englischen Freund an der internationalen Strothoff-Schule in Dreieich als Neunjähriger mit Rugby in Berührung kam, vor einem halben Jahr zur Familie eines englischen Freundes gezogen – „weniger Regeln, mehr Freiheit“. Die Disziplin leidet darunter nicht. „Ich habe alles dem Ziel Rugbyprofi untergeordnet“, sagt Segner. „Seit fünf Jahren habe ich nur Wasser getrunken, nie Alkohol, nie Drogen genommen, nie geraucht, keine Süßigkeiten gegessen.“ Seit er in Neuseeland ist, hat er mit hartem Training im Kraftraum 15 Kilo an Muskelmasse zugelegt.

Dennoch wurde der Modellathlet kürzlich bei einer Körperfettmessung an der Crusaders Academy in Nelson für zu fett befunden. Seitdem gibt’s zum Frühstück keine leeren Kohlehydrate mehr, sondern sechs Rühreier mit Spinat, Hähnchenspeck und Obst. „Ich werde zur professionellen Lebensweise erzogen“, sagt der Frankfurter, der am College noch ein Jahr Schule vor sich hat und hofft, danach für den Nelson Rugby Club zu spielen, dann für die Regionalauswahl, die Tasman Makos, in der nationalen Meisterschaft und schließlich im Profiteam der Crusaders in der internationalen Super-Rugby-Liga. Das Sprungbrett zu den All Blacks.

Nationalmannschaft ist kein Reiz für Segner

Die deutsche Nationalmannschaft, die vor einigen Wochen in den Playoffs die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2019 in Japan verpasste, übt keinen Reiz auf Anton Segner aus. „Erst will ich’s hier probieren“, sagt er. „Wenn ich’s nicht schaffe, kann ich studieren oder im Geschäft meines Vaters arbeiten und für Deutschland spielen.“ Für immer in Neuseeland zu bleiben, kann er sich nicht vorstellen, so wohl er sich in Nelson auch fühlt. „Ich habe durch das Rugby gute Freunde gefunden und eine Ersatzfamilie, die auf mich aufpasst.“

Die Eltern Eva und Tim, der eine Firma für Immobilienverwaltung betreibt, unterstützen ihren Sohn zwar in seinen Ambitionen, aber bis zum Besuch einiger WM-Spiele 2015 in England war die Begeisterung eher gedämpft. „In Frankfurt gucken wir immer zusammen die Eintracht, aber mein Vater kennt jetzt immerhin auch die Rugbyregeln und ist ein Fan geworden“, sagt Anton Segner, „meiner Mutter wäre es allerdings am liebsten, ich würde körperlichen Kontakt vermeiden.“

Nicht von ungefähr. Schon zwei Mal musste er wegen Gehirnerschütterungen 21-tägige Schutzsperren absitzen. Kopfschutz trägt er nicht, auch wenn „die Ohren manchmal ein bisschen durchgerissen“ werden. Aber natürlich ist die Familie mächtig stolz auf ihn. Als Anton Segner sein Debüt in Neuseelands Schulauswahl gab, jetteten die Eltern und beide Brüder nach Australien. In der Hoffnung, dass es in den nächsten Jahren auch in Neuseeland Meilensteine für das Rugbytalent aus Deutschland zu feiern gibt.

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