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Zwiespältige Gefühle vor dem letzten Spiel gegen Serbien: Deutschlands Trainer Christian Prokop (l.) und Torhüter Andreas Wolff.

DHB-Team

Träume aus Ferndorf

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Nach der Bravourleistung gegen Frankreich glauben die deutschen Handballer wieder fest ans Halbfinale bei der Heim-WM. Dem Spiel gegen Serbien kommt da eine untergeordnete Bedeutung zu.

Mehr als acht Millionen Menschen sahen das dramatische 25:25-Unentschieden zwischen Deutschland und Frankreich bei der Handball-Weltmeisterschaft vor den TV-Bildschirmen. Die Nation hat Notiz von der WM im eigenen Land genommen und gesehen, dass die eigene Mannschaft ins Halbfinale kommen kann. Viel wichtiger war aber, dass es die 16 Akteure im Nationaltrikot ebenfalls spürten. Die Partie gegen den Titelverteidiger brachte deshalb einen Zähler für die Tabelle und entfachte den Glauben an die eigenen Möglichkeiten.

„Gestern waren wir die traurigsten Spieler bei diesem Turnier und heute sieht das ganz anders aus“, sagte Hendrik Pekeler nach einem Match, dass sich im Gedächtnis aller verfangen wird, die es live miterlebt haben. Nach dem Remis gegen Russland 24 Stunden vorher waren die Deutschen – Spieler und Fans – konsterniert, drohte doch das schnelle Aus der Medaillenambitionen. 60 intensive Minuten gegen den amtierenden Weltmeister später hatte sich das Blatt nicht nur tabellarisch, sondern viel mehr emotional gedreht.

„Es sah ja danach aus, dass wir 1:3-Punkte in die Hauptrunde mitnehmen, jetzt werden es wahrscheinlich 3:1“, sagte Abwehrchef Pekeler – und sein stechender Blick verriet die Entschlossenheit, diese Chance jetzt auch zu nutzen. Eine Hälfte der verbesserten Situation hatten die Deutschen selbst durch das Remis gegen die Franzosen geschaffen, die andere Hälfte steuerten die Brasilianer bei, die vermutlich ebenfalls in die Hauptrunde einziehen, womit das Remis der DHB-Auswahl gegen Russland keine Folgen haben wird.

Manchmal wird man zu seinem eigenen Glück auch ein Stück weit getragen. „Mir hat das einen riesigen Kick gegeben, als die Brasilianer die Russen geschlagen haben“, berichtete Andreas Wolff. Der Torwart des THW Kiel brennt ohnehin immer, wenn er auf dem Feld steht, diesmal sorgte die unerwartete Hilfe der Südamerikaner für noch mehr Funkenflug beim Keeper.

Wie ihm erging es vielen Akteuren, Kapitän Uwe Gensheimer hatte seine Freude mit lauten Schreien über den Flur des Teamhotels hinweg kundgetan. Brasilien half dem WM-Gastgeber, den Glauben an das Halbfinale zurückzugewinnen – der Sport ist immer wieder herrlich verrückt.

Martin Strobel ist das Gehirn 

Eine besondere Form der Zusatzmotivation benötigte Martin Strobel nicht. Der Spielmacher der deutschen Mannschaft gehört nicht zu der Gruppe der extrovertierten Menschen innerhalb der Nationalmannschaft. Strobel ist nicht der Muskel der Deutschen, auch nicht das Herz – Martin Strobel ist das Gehirn.

Und im Kopf von Strobel, der bei der Europameisterschaft vor drei Jahren Anteil am überraschenden Titelgewinn hatte, hatten sich die Meinungen von vielen Beobachtern festgesetzt, die ihm die Fähigkeit abgesprochen hatten, bei der WM im eigenen Land ein gewinnbringender Faktor für das Spiele des Gastgebers werden zu können. 

Aus der zweiten Reihe in den Fokus  

Seit dem Abstieg der HBW Balingen-Weilstetten im Sommer 2017 spielt Strobel in der zweiten Liga, die Gegner heißen dort TuS Ferndorf oder DJK Rimpar Wölfe. In der Szene runzelten viele die Stirn, als Bundestrainer Christian Prokop den unaufgeregten Spiellenker im Oktober reaktivierte. Spätestens seit der Partie gegen Frankreich und den vier Toren (bei vier Versuchen) sind die Kritiker verstummt. Es folgen jetzt Lobeshymnen, in die DHB-Vizepräsident Bob Hanning einstimmte. „Großartig, um es einem Wort zu sagen“, sei die Leistung des 32-Jährigen gewesen.

Martin Strobel hat es vor der tosenden Menge in der Arena am Ostbahnhof geschafft, Frankreich und Ferndorf in seiner Person zusammenzuführen. Das war in dieser Form nicht zu erwarten und ist natürlich eine einmalige Geschichte. „Martin hat sich bewusst für Balingen und seine Heimat entschieden, er könnte ja noch locker in der Bundesliga spielen“, sagte Pekeler über seinen Mitspieler. 

Spiel gegen Serbien ohne Relevanz 

Wenn es keine mittelschwere Sensation gibt, hat das abschließende Vorrundenspiel gegen Serbien am Donnerstag (18.15 Uhr, ARD) beim Anwurf keine sportliche Relevanz mehr. Wenn die Brasilianer vorher gegen Außenseiter Korea gewinnen, stehen die Hauptrundenteilnehmer aus der deutschen Gruppe fest.

„Wir wollen im Rhythmus bleiben, um den Spannungsbogen bis zur Hauptrunde nicht zu verlieren“, sagte Torhüter Wolff auf der Pressekonferenz in Berlin am Mittwoch. Für die Partie gegen Serbien wird Steffen Weinhold wegen einer Zerrung im Adduktorenbereich ausfallen. Deshalb stieß am Mittwoch Europameister Kai Häfner zum Team. Die Spielzeit der Akteure wird verteilt werden Aber abgeschenkt wird die Begegnung nicht, schließlich wollen die deutschen Handballer das aufkeimende Gefühl, große Träume wahr werden lassen zu können, mit weiteren positiven Erlebnissen unterfüttern. Ehe es dann weitergeht nach Köln, wo die Hauptrunde stattfindet. Vermutlich wird dann Island oder Mazedonien am Samstag der erste Gegner sein, ehe dann mit Spanien und Kroatien Gegner warten, in denen es eine Bravourleistung wie gegen Frankreich braucht.

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