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Tränen aus Metall

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Eigentlich war eigentlich komplett raus aus dem Tenniszirkus, am Wochenende gewann er sein  erstes Turnier seit seiner Hüftoperation. Der Schotte genießt den Luxus der Unvernunft. Ein Kommentar.

Nach den Regeln der Vernunft hätte das nicht passieren dürfen. Die Regeln der Vernunft untersagen es, dass ein Tennisprofi im Januar mit dem Tennisspielen aufhört, um sich ein künstliches Hüftgelenk aus Metall einsetzen zu lassen. Und dann bald wieder anfängt mit dem Tennisspielen, und dann, im Oktober, ein Turnier in Antwerpen nicht nur zu spielen, was bemerkenswert genug wäre, nein: dieses Turnier auch noch zu gewinnen. Aber was hat Sport schon mit Vernunft zu tun, und Tennis, und Andy Murray. Nichts hat das damit zu tun.

Andy Murray, 32, ist also wieder da, es ist ein kleines Wunder. Als er im Januar bei den Australian Open verkündete, er werde nun aufhören, der Hüfte wegen, da sah man einen vom Schmerz durchmessenen Sportler. Und wer ihn dort sitzen sah, der wusste, dass man ihn, der den Tennissport zehn Jahre lang maßgeblich prägte, nie mehr sehen würde auf den großen Courts der Tenniswelt. Inzwischen weiß man, dass man nichts wusste. Wie das halt ist, wenn die Vernunft mit ihrem Regelwerk gescheitert ist.

Murray ist ein großer Kämpfer, und er ist ein hoch sensibler Kerl, Tränen säumen seinen Weg in den vergangenen zehn Monaten, einmal komplett raus aus dem Sport und wieder hinein. Im August 2018 saß er nach einem Match in Washington schluchzend auf der Bank, das Gesicht im Handtuch vergraben. Er hatte mit Ach und Krach gegen einen Mann namens Marius Copil gewonnen und gespürt: Lange geht das nicht mehr gut. In Melbourne weinte er, weil er dachte, er verabschiede sich vielleicht für immer; am Sonntag in Antwerpen, weil er nicht fassen konnte, dass er zurück war und der Schmerz fort, vielleicht für immer. „Eigentlich sollte das ja normal sein, ich meine, meine Hüfte ist jetzt aus Metall, und in Metall sind keine Schmerzrezeptoren“, unkte Murray nach seinem Dreisatzsieg gegen den Schweizer Stan Wawrinka, auch so ein Schmerzensmann übrigens. Der 34-Jährige hat sich nach zwei schweren Knieoperationen gerade wieder in die Weltspitze zurückgekämpft.

Vernünftig wäre gewesen, Wawrinka und Murray hätten ihre müden Knochen zusammen gesucht und dem Profisport den Rücken gekehrt, um mit prall gefülltem Bankkonto in ein neues Leben zu starten. Aber so läuft das nicht. Für Sportler dieser Güteklasse ist der Körper in erster Linie ein Werkzeug, das repariert wird, wenn es kaputt geht. Die Spätfolgen sind erst einmal egal. Boris Beckers Gelenke waren mit 50 schon durch, inzwischen ist er tausendmal operiert an Hüfte und Knöchel und allem, was dazwischen ist, und seine Ellenbogen weisen Beulen auf, groß wie Tennisbälle. Die Gicht.

So wird es vielleicht auch Andy Murray mal ergehen. Später. Fürs Erste genießt er den Luxus der Unvernunft.

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