+
Auf Julian Alaphilippe lastet die Hoffnung einer Nation.

Kommentar

Wundersame Wandlung

  • schließen

Frankreich hofft auf den ersten Toursieger seit 1985 aus den eigenen Reihen. Unser Kommentar.

Er ist die Nummer eins der Welt. Ein Spezialist für die Frühjahrsklassiker. Ein Mann der Attacke. Julian Alaphilippe hat sich in den zurückliegenden Jahren einen Namen als angriffslustiger Pedaleur gemacht. Einer, der mit dem Herzen fährt und nicht mit dem Blick auf seinen Wattzähler. Explosive Antritte sind das Markenzeichen des Franzosen, seine Ausreißattacken in schweren Finals wie etwa beim Radsportmonument Mailand-Sanremo und dem Wallonischen Pfeil sind legendär. Der 27 Jahre alte Radprofis aus dem belgischen Team Deceuninck-Quickstep mag es schwer, dass er im vergangenen Jahr das Bergtrikot der Tour de France bis nach Paris brachte, ist dafür ein eindrucksvoller Beleg. Aber ein Rundfahrer? Nein, hat David Brailsford, der Teamchef von Ineos, während der ersten Tour-Woche noch posaunt, ein wirklicher Herausforderer für seinen Kapitän und Vorjahressieger Geraint Thomas sei der 62 Kilogramm leichte Profi mit dem markanten Spitzbart eines Musketiers aber nicht. „Er ist brillant, absolut fantastisch. Er ist der Beste in der Welt in den Dingen, die er kann“, sagte Brailsford. Keiner rast die giftigen kleinen Anstiege schneller hinauf als der zurzeit Führende der Tour de France. Eine Woche später aber wissen wir, er kann auch anders. Im Zeitfahren hängte er alle Spezialisten ab, am ersten Tag der Pyrenäen-Überquerung fuhr er seine Konkurrenten aus den Schuhen und gab zu guter Letzt den Gentleman, als er seinem Landsmann Thibaut Pinot den Tageserfolg gönnte.

Seine Dominanz versetzt die Grande Nation in kollektiven Freudentaumel. Seit 1985 warten die Franzosen nun schon auf einen Toursieger aus ihren eigenen Reihen. Vor 34 Jahren war es Bernhard Hinault – danach herrschte großes Schweigen, wenn es ums Gelbe Trikot in Paris ging.

Es ist nun an Julian Alaphilippe die Volksseele zu befriedigen. Die Masse tobt, in unserem Nachbarland grassiert das Gelbfieber. Frankreich im Ausnahmezustand. Und mittendrin der neue Rockstar der Frankreich-Rundfahrt, dem eine große mentale Stärke nachgesagt wird und ebenso gut Schlagzeug spielen soll wie er dieser Tage Rad fährt.

Die Franzosen preisen ihren neuen Liebling, sehen in ihm einen neuen Richard Virenque oder Laurant Jalabert. Große Namen mit einer dunklen Vergangenheit. An ihren Hinterrädern lutschte die Radsportgeißel Doping. Sie stehen namentlich für ein dunkles Kapitel der Spritztour 1998. Im Jahr darauf trat bekanntlich Lance Armstrong ins Rampenlicht der Tour. Der Mann, der den Krebs besiegte. Ein Wunder auf zwei Rädern. Heute wissen wir: Eine tolle Geschichte, aber zu schön, um wahr zu sein.

Auch 20 Jahre nach Lance Armstrongs erstem von sieben Toursiegen fährt auch heute noch der Zweifel im Peloton mit. Bei aller Begeisterung um den schmächtigen Pedaleur aus Saint-Amand-Montrond im Zentrum Frankreichs werden auch leise Zweifel laut. Julian Alaphilippe wusste spätestens nach seinem brachialem Sieg beim Rennen gegen die Uhr was die Zeit geschlagen hat. „Wenn man gut fährt, macht man sich offenbar verdächtig“, konterte er am Freitag erste Fragen, ob der Glaubwürdigkeit seiner Leistung. Er wisse, was er zu leisten im Stande sei, dafür habe er all die Jahre gearbeitet. „Ich fahre Rad, über den Rest muss ich schmunzeln.“

Um es an dieser Stelle klar zu sagen: Julian Alaphilippe ist nichts vorzuwerfen. Es gibt keine positive Dopingprobe. Nur ungläubiges Staunen, ob seiner Wandlung vom Klassikerspezialisten zum Klassementfahrer einer Grand Tour.

Der Sport aber steht unter Generalverdacht. Wo es um große Siege und noch mehr Geld geht, ist der Griff in den Giftschrank der Sportmedizin nichts Ungewöhnliches. Das ist zu beklagen, aber wohl nie ganz zu verhindern.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion