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Tour ohne Gorillas:  Fokus der Etappenplaner liegt mehr und mehr auf den Bergen

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Die Gefahr in einem Sport, dessen Dopingvergangenheit stets in die Gegenwart zu stürzen droht. Ein Kommentar.

„So Dicke wie ich, welche die Berge nicht hochkommen, gibt es kaum noch“, hat André Greipel neulich gesagt, der natürlich nur in der relativen Wahrnehmung der Radsportwelt als so etwas wie dick bezeichnet werden kann. Er ist 1,84 Meter groß und wiegt 75 Kilogramm, und zwar von Kopf bis Fuß und nicht nur jeweils am Oberschenkel, wie Spötter über den Mann sagen würden, der Gorilla genannt wird aufgrund seiner kraftvollen Erscheinung. Greipel, 37, ist mit seinen Maßen zum Exoten geworden im Fahrerfeld der Tour de France. Sprinter wie er, die bei flachen Zielsprints mit unbändiger Kraft in die Pedale treten, um sich und ihr Rad auf 70 Kilometer pro Stunde zu beschleunigen, machen sich zusehends rar beim wichtigsten Radrennen der Welt. Grund: Der Fokus der Etappenplaner liegt mehr und mehr auf den Bergen.

In den Bergen findet das Spektakel statt, hier kämpfen die schlanken Kandidaten auf den Gesamtsieg um die entscheidenden Sekunden, während die Greipels ächzend versuchen, dem Besenwagen zu entkommen. Sieben reine Gebirgsetappen sind für die laufende Frankreich-Rundfahrt angesetzt, dazu fünf, die in die Kategorie hügelig fallen – und ebenfalls sieben klassische Flachetappen. Es gab Zeiten, da waren es fast doppelt so viel. Es gab Zeiten, da waren die Sprinter schillernde Gestalten, sie hießen Cipollini und Zabel, Petacchi, McEwen, Cavendish und Kittel, und sie wuchteten sich über die Pässe der Pyrenäen und Alpen, weil sie wussten: es lohnt sich. Irgendwann sind wir wieder dran.

In den Bergen findet das Spektakel statt, nicht auf der Ebene. Flachetappen sind tendenziell langweilige Ereignisse, das Fernsehen schaltet dann gerne auf die Helikopterkamera: Landschaftsaufnahmen. Und nach vier, fünf Stunden grimassiert dann in einem französischen Dorf ein „Dicker“ in engen Shorts über die Ziellinie. Jüngere Zuschauer lassen sich so eher nicht für den Radsport begeistern, die Veranstalter wissen das, auch deshalb jagen sie das Feld vermehrt über die Pässe. Die Teams stellen sich entsprechend um, die klassischen Sprinter werden im Zweifel daheim gelassen. Neben den Bergspezialisten und Klassementfahrern sind vor allem Allrounder gefragt, solche, die sich vor dem Besenwagen nicht fürchten müssen und auch am Ende anspruchsvollerer Etappen noch in der Lage sind, kraftvoll in die Pedale zu treten. Der mehrmalige Weltmeister Peter Sagan ist der Prototyp dieser Spezies und nebenbei schillernd genug, um den Cipollini-Faktor zu bedienen.

Die Gefahr dieses Trends ist klar in einem Sport, dessen Dopingvergangenheit stets in die Gegenwart zu stürzen droht: Je größer, je anstrengender das Spektakel, desto stärker auch die Versuchung verbotener Leistungssteigerung. Das ist für alle schlecht, nicht nur für dicke Gorillas.

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