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Mitfavorit Richie Porte stürzte auf der Abfahrt vom Mont du Chat schwer.

Tour de France

Tour brutal

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Radsportler leben gefährlich. Die zahlreichen Stürze bei der diesjährigen Tour de France entfachen hitzige Diskussionen über die Sicherheit der Fahrer. Ein Kommentar.

Wer den Berg hinauffährt, der muss auch wieder runter. Eine Gleichung, die jeder Radfahrer kennt. Da muss er nicht mal Profi sein. Es ist alles eine Frage des Tempos. Und genau darin liegt das Problem. Das hat 2004 bereits Altprofi Rolf Aldag in Pepe Danquarts preisgekröntem Dokumentarfilm „Höllentour“ rhetorisch bemerkt: „Ich weiß nicht, ob es wirklich schlau ist, mit 90 Sachen auf 21 Millimeter breiten Reifen mit einer klassischen Seilzugbremse einen Berg runterzufahren.“ Ist es nicht. Egal mit welcher Bremse.

Radsportler leben gefährlich, das dokumentiert ein unumstößlicher Fakt: Auf zwei Rädern sterben mehr Profis als Rennfahrer in der Formel 1. In der Königsklasse des Motorsports sind bei Rennen oder Tests bis heute 51 Piloten ums Leben gekommen. In Radrennen sind es mittlerweile mehr als 130.

Der gewaltige Sturz von Richie Porte am Sonntag auf der rasanten Abfahrt vom Mont du Chat, den die Fernsehzuschauer live ins Wohnzimmer geliefert bekamen und in dessen Folge der Australier mit gebrochenem Schlüsselbein und Becken ins Hospital eingeliefert worden war, entfachte am Ruhetag der Tour de France hitzige Diskussionen über die Sicherheit. Natürlich zeigten sich viele Kollegen bestürzt über die vielen Stürze auf der neunten Etappe. Sie wissen um das Risiko, das sie Tag für Tag eingehen. Jeder von ihnen ist selbst schon unzählige Male zu Fall gekommen, mal mehr, mal weniger schlimm.

Die Profis kennen das Risiko

So ist es auch dem Iren Daniel Martin ergangen, der am Sonntag von Porte mitgerissen worden war, dann aber sofort wieder aufsprang und sich der Regel Nummer eins aller Radsportler besann: Wer fällt, muss auch wieder aufstehen – und weiterfahren. Allen blutenden Wunden oder gestauchten Rippen zum Trotz.

Radprofis sind bekanntlich hart im Nehmen, haben es über die Jahre gelernt, Schmerzen zu unterdrücken. Im Ziel übte Martin dann Kritik an der Tour brutal. „Es war sehr rutschig, und ich denke, die Veranstalter haben bekommen, was sie wollten.“ Noch mehr Spektakel? Noch mehr Nervenkitzel? Noch mehr Blut? Sein Namensvetter Tony Martin sprang ihm bei: „Wenn die Organisatoren ein bisschen an die Gesundheit der Fahrer denken würden, dann könnte man sich solche Abfahrten sparen.“

Bei allem Verständnis für die Berufsradfahrer, ist das nicht etwas zu kurz gesprungen? Natürlich ist jeder Verletzte einer zu viel. Von Toten ganz zu schweigen. Aber was kann der Veranstalter dafür, wenn es regnet und der Asphalt rutschig wird? Die kleinste Unaufmerksamkeit, ein Verbremser oder ein Platten können die Katastrophe auslösen. Übrigens nicht nur bei Nässe. Die Profis wissen darum. Zu guter Letzt entscheiden sie aber immer selbst, „wie viel Risiko sie eingehen“, sagte der deutsche Meister Marcus Burghardt am Ruhetag. „Wenn Du auf das Gesamtklassement fährst und dein Hauptkonkurrent attackiert, musst du halt entscheiden, ob du mitgehst oder nicht.“ Porte ist mitgegangen und bekam die Kurve nicht. Vermutlich war er für einen Moment unkonzentriert. Mit Sicherheitsmängeln oder einer fehlerhaften Planung hat all das aber nichts zu tun.

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