+
Hat seinen Platz auf der Tribüne gefunden: Tommy Haas.

Tennis in Corona-Zeiten

Tommy Haas, der Krisenmanager

  • schließen

Als Turnierdirektor von Indian Wells hat der Ex-Tennisprofi früh eine einschneidende Entscheidung treffen müssen. Von den Auswirkungen des Coronavirus ist er gleich doppelt betroffen.

Zum 42. Geburtstag gab es für Tommy Haas ein Stück deutsche Heimat, mitten in Los Angeles. Seine neunjährige Tochter Valentina servierte dem ehemaligen Tennisprofi selbst gebackenen Erdbeerkuchen. Haas feierte seinen Geburtstag vergangene Woche mit seiner Familie in Kalifornien unter noch strengeren Corona-Einschränkungen als hierzulande. Der Bundesstaat Kalifornien hat bereits vor gut vier Wochen eine Ausgangssperre verhängt. So verbringt die ehemalige Nummer zwei der Tenniswelt die Pandemie mit Ehefrau Sara sowie Geburtstagsbäckerin Valentina und ihrer vier Jahre alten Schwester Josephine. Aber auch in der Sondersituation lässt ihn seine Liebe zum Tennis nicht los – und der Deutsche hat Glück: „Nachbarn haben einen Platz mit Ballwand im Garten. Da kann ich ab und zu mal rüber und gegen die Ballwand spielen“, erzählt der Familienvater.

Seine Trainingseinheiten teilt er gerne auf Instagram. Wer ihn dabei ohne Shirt beobachtet, kann auf den ersten Blick nicht erkennen, ob ein aktiver Athlet oder ein Tennisrentner auf dem Platz steht. Vor knapp drei Jahren absolvierte Haas sein letztes Match auf der Tour. Mit 39 Jahren streikte der Körper endgültig – vor allem die rechte Schulter. Dass er in diesem Alter überhaupt noch auf Top-Niveau agieren konnte, ist die wohl beeindruckendste Karriereleistung des gebürtigen Hamburgers.

Hüft-, Schulter- und Ellbogenoperationen. Die Liste seiner Verletzungen und Eingriffe sprengt manche Zeitungsseite. Dennoch kämpfte sich der Tennisästhet mit der einhändigen Rückhand immer wieder zurück. „Seit der Geburt meiner ersten Tochter wollte ich unbedingt, dass sie mich noch einmal auf einem großen Platz Tennis spielen sieht. Am Ende konnte ich meinen beiden Töchtern zeigen, dass Papa ein passabler Tennisspieler ist. Das macht mich stolz“, so Haas, der seine Laufbahn gerne 2017 nach den US Open beendet hätte. Die Veranstalter verweigerten ihm, der auch die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, aber eine Wildcard. Dieser Abgang schmerzt bis heute.

Dennoch ist er dem Tennis treu geblieben. Inzwischen als Turnierdirektor des Masters-Turniers von Indian Wells. In dieser Funktion stand er vor wenigen Wochen mitten in einer der ersten Virus-Wellen. Das Turnier in der Wüste Kaliforniens ist eine der wichtigsten Veranstaltungen im Tenniskalender und wird von Spielern regelmäßig zum beliebtesten Event des Jahres gewählt. Vom 11. bis 22. März sollte es stattfinden. Haas reiste zwei Wochen vorher aus dem knapp 200 Kilometer entfernten Los Angeles an. Just die Tage, in denen das Coronavirus endgültig zu einer globalen Bedrohung mutierte.

„Wir hatten eine Krisensitzung nach der anderen“, erinnert sich Haas, „die US-Profiligen spielten noch in vollen Hallen. Es war eine schwierige Situation.“ Viele Spieler trainierten bereits auf der Anlage. Doch am 9. März, zwei Tage vor Turnierbeginn, wird ein Corona-Fall rund um den Nobelort in der Wüste publik. Die Bezirksregierung ruft den Notstand aus. Haas wird zum unliebsamen Vorreiter: Als einer der ersten Verantwortlichen sagt er wegen Covid-19 eine Sport-Großveranstaltung ab. „Heute erscheint die Entscheidung selbstverständlich. Damals wusste man aber noch nicht, wie sich die Situation entwickelt“, sagt der viermalige Grand-Slam-Halbfinalist. Erst 2021 wird wieder zwischen Palmen und Dünen aufgeschlagen – hoffentlich.

Bis dahin vollzieht Haas weiter den Übergang von der aktiven Profikarriere zu einem erfüllten Leben danach. Er taucht immer wieder erfolgreich auf der Champions Tour auf und geht gegen die Stars von früher regelmäßig als Sieger vom Platz. Auch in München hätte er diesen Sommer wieder gerne sein Können gezeigt. 2019 lief Haas für den TC Dachau in der Bundesliga Herren 30 (spielberechtigt sind 30 Jahre oder ältere Tennisspieler) auf und triumphierte im Einzel gegen TC Großhesselohe, für den er als 18-Jähriger sein Bundesligadebüt feierte. Eine Wiederholung war für 2020 geplant, wird es aber nicht geben. Alle Bundesligen sind abgesagt. So wurde Haas vom Coronavirus gleich doppelt getroffen. Als Aktiver und als Funktionär. Ein passendes Bild für den ehemaligen Tennisprofi Tommy Haas, der eine Bühne Stück für Stück verlässt, um eine andere zu erobern.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare