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Handballer Tolga Durmaz.

Integration im Handball

Tolga Durmaz: „Das Gute am Sport ist, dass Nationalität keine Rolle spielt“

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Tolga Durmaz, der erste Jugendnationalspieler mit türkischen Wurzeln, über Identität.

Tolga Durmaz, 19, fiel als Kreisläufer früh im bayerischen Auswahlsystem auf. Seit seiner Kindheit spielte er in der höchsten Jugendliga, mit 15 Jahren wechselte er zum TV Großwallstadt. Mehrere Titel gewann Durmaz bei den Jugendmannschaften der Füchsen Berlin. In der kommenden Saison spielt er für die Berliner in der dritten Herren-Bundesliga.

Herr Durmaz, wie sind Sie zum Handball gekommen sind?
Mein Vater ist Handball-Schiedsrichter und Trainer und hat mich immer mitgenommen. Ich bin quasi in der Halle aufgewachsen. Ich wollte immer unbedingt selbst spielen. Als ich mit fünf Jahren alt genug war für die Minis, habe ich endlich selbst in einer Mannschaft angefangen.

Und Ihr Vater, wie ist der zum Handball gekommen?
In seiner Jugend war mein Vater Fußball-Schiedsrichter. Ein Lehrer hat ihm empfohlen, dass er zum Handball wechseln könnte. Er hat dann Handball gespielt und gepfiffen. Schiedsrichter ist er bis heute. Er ist Einteiler in Bayern und jedes Wochenende in der obersten bayerischen Liga mit seinem Schiedsrichter-Partner unterwegs.

Sie spielen seit der B-Jugend bei den Füchsen Berlin. Wie kam es dazu?
Ich wollte immer mehr erreichen im Handball. Ich war ein Jahr beim TV Großwallstadt und habe mich nicht besonders wohl gefühlt. Volker Zerbe (ehemaliger Nationalspieler, die Red.) hat damals meinem Vater den Tipp gegeben, dass die Jungfüchse in Berlin für die B-Jugend einen Kreisläufer suchen. Ich wurde zum Probetraining eingeladen und war sofort begeistert. Die Rahmenbedingungen sind perfekt für den Leistungssport in Berlin. Das Schul- und Leistungssportzentrum ist nur 20 Meter von der Halle entfernt, es gibt einen enorm guten Kraftraum. Für mich war das ein No-Brainer hierher zu wechseln, als ich das Angebot bekam.

Die Füchse sind sehr ehrgeizig im Jugendsport. Wie kann man da bestehen, wenn man aus einem bayerischen Dorf in ein Internat in der Hauptstadt wechselt?
Die Füchse haben die beste Jugendarbeit in Deutschland, vielleicht sogar in Europa. Wenn du hier bestehen willst, musst du dich wirklich dafür hingeben, komplett auf den Leistungssport konzentrieren. Mit dem Wechsel nach Berlin habe ich zum ersten Mal daran gedacht, mal Bundesliga spielen zu wollen. Vorher war das ein Traum, der sich in Berlin zur Vorstellung und dann zum konkreten Ziel entwickelt hat. Ab da war es nur noch eine Frage der Einstellung, ob ich bereit bin, die Schritte zu gehen, um das auch zu realisieren. Ich habe nie daran gedacht, dass ich keine Freizeit habe oder Opfer bringen muss, weil ich zigmal am Tag trainiere oder jedes Wochenende spiele, ich wollte ohnehin nur Handball spielen.

Das klingt sehr konzentriert für einen 19-Jährigen. Hatten Sie einen Mental-Coach?
Ein wichtiger Schritt war, als ich in die A-Jugend-Mannschaft von Bob Hanning (Manager Füchse Berlin, DHB-Vizepräsident für Leistungssport, die Red.) gewechselt bin. Bob hat sich meiner angenommen. Ihn nur als Trainer zu bezeichnen, wäre eine extreme Untertreibung. Er hat mich komplett auf den Leistungssport fokussiert.

Sie sind der einzige Handballspieler mit erkennbarem türkischen Namen. Würden Sie sagen, dass Sie Türke sind?
Das ist schwer zu sagen. Ich sehe mich nicht als jemand mit Migrationshintergrund. Wir sind jetzt in der vierten Generation in Deutschland, wir sind hier geboren und aufgewachsen. Es bleibt etwas von der Kultur und der Sprache, die wir auch noch zu Hause sprechen. Aber mein Migrationshintergrund liegt in der Vergangenheit.

Hat es mal eine Rolle gespielt, dass Sie einen türkischen Namen tragen?
Das Gute an meinem Namen ist, dass man ihn sich leicht merken kann. Sonst habe ich nie einen Unterschied gespürt. Das Gute am Sport ist, dass Nationalität keine Rolle spielt. Es geht um Leistung, um Charakter, um Mentalität. Im Fußball und Basketball ist das normal, das habe ich auch im Handball nur so erlebt.

Im Fußball gab es Image-Kampagnen mit Spielern wie Mesut Özil oder Sami Khedira. Könnten Sie sich vorstellen, auch mal als Vorbild zu fungieren?
Das würde mich sehr freuen, wenn ich unseren Sport den türkischen Jugendlichen näherbringen kann. Wenn die erst mal in die Halle kommen, merken sie, wie grandios Handball ist.

Interview: Thomas Kaspar

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