Ehrung für Zehnkämpfer Andreas Bechmann. 
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Ehrung für Zehnkämpfer Andreas Bechmann. 

Leichtathletik

Tokio oder Paris, Hauptsache dabei

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
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Zehnkämpfer Andreas Bechmann von der LG Eintracht Frankfurt verteidigt am Wochenende seinen Titel bei den deutschen Mehrkampfmeisterschaften und will zu Olympia oder zur EM.

Andreas Bechmann wollte das direkte Duell über die 60 Meter Hürden mit Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul unbedingt. „Wir haben alles dafür getan, um in einen Lauf zu kommen“, berichtet der Athlet der LG Eintracht Frankfurt. Die Organisatoren der Rheinland-Pfalz-Hallenmeisterschaft in Ludwigshafen hatten am Samstag jedoch andere Pläne. Der Sportler des Jahres kam beim ersten Wettkampf, um den Trainingsstand zu testen, auf solide 8,43 Sekunden und wurde Dritter. Bechmann, der als Hesse außer Konkurrenz startete, lief 8,37 Sekunden – eine neue Bestzeit für den 20-Jährigen. „Eine kleine Genugtuung“ sei es gewesen, den ein Jahr älteren Mainzer zu schlagen.

Kaul, der außerdem noch im Stabhochsprung an den Start ging, ist seit der WM in Doha das neue Maß der Dinge im deutschen Zehnkampf. Neid verspürt Bechmann deshalb nicht, im Gegenteil: „Zehnkampf ist kein Populärsport, der medial stark präsent ist. Umso schöner ist es, dass wir jemanden haben, der so eloquent diesen Sport vertritt. Das wertet unsere ganze Sportart auf“, sagt der 1,98-Meter große und 87 Kilogramm schwere Schlacks. Während Kaul schon immer als Riesentalent galt, das Weltrekorde in der U18 und U20 gebrochen hat, weiß Bechmann, dass sein Weg zum Spitzen-Zehnkämpfer länger dauern wird.

In Ludwigshafen hat er sich bewiesen, dass er auf einem guten Weg ist. Im Weitsprung kam der gebürtige Frankfurter auf starke 7,36 Meter und fährt jetzt „völlig entspannt und positiv“ zu den Deutschen Mehrkampfhallenmeisterschaften an diesem Wochenende nach Leverkusen, um seinen Titel zu verteidigen. Und er will den U-23-Rekord des Saarländers Luca Wieland knacken, der mit 6089 Punkten nur 72 Zähler von seiner eigenen Bestleistung entfernt ist. „Es ist ein kleiner Punkt, den ich mir auf meine Autogrammkarte schreiben kann. Ein nice to have“, sagt Bechmann. Ihm kommt entgegen, dass seine schwächeren Disziplinen, nämlich Speer- und Diskuswurf sowie die 400 Meter, herausfallen. Statt 1500 Meter wie im Zehnkampf werden 1000 Meter zum Abschluss gelaufen.

Andreas Bechmann startet seit einem Jahr bei den Senioren. Bei seinem Zehnkampf-Debüt wurde er im März 2019 Fünfter bei der Hallen-Europameisterschaft in Glasgow. Dann musste er wegen einer Schambeinentzündung pausieren. Dank der Spezialisten bei den Fußballern der Eintracht währte die Auszeit nur sechs Monate. „Eine Wunderheilung“, wie er es selbst nennt. Im September stieß er dann beim Thorpe Cup in Bernhausen in die Riege der 8000er Athleten vor. Mit gleich sechs Bestleistungen sammelte er 8132 Punkte. Unter anderem steigerte er seine Weite im Speerwurf um mehr als zehn Meter auf 61,43 Meter.

Bechmann trainiert seit Ende 2017 bei Jürgen Sammert in der Trainingsgruppe mit den Weitspringern Maryse Luzolo, Julia Gerter und Gianluca Puglisi. Fast zwei Jahre lang auch mit Carolin Schäfer, ehe die Siebenkampf-Vize-Weltmeisterin von 2017 vor wenigen Monaten in die Trainingsgruppe zu Niklas Kaul wechselte. Von ihr hat er sich vor allem sehr viel von der Professionalität im Training abgeschaut.

„Wir haben das Pensum in dieser Saison erhöht“, sagt Bechmann. Neben den Schwächen beim Diskuswurf – „36,93 Meter sind indiskutabel“ – und bei den Hürden (Bestleistung 15,34 Sekunden), gibt es viele kleine Schrauben, an denen gedreht werden. „Ich erwarte nicht, dass es jetzt perfekt klappt in der Halle. Das ist mittelfristig angelegt. Da nehme ich ein paar weniger Zentimeter in Kauf, wenn ich mich dafür auf lange Sicht nicht in der Leistung limitiere“, erklärt der 20-Jährige. Seine großen Stärken liegen in Schnelligkeit und Schnellkraft. Die 100 Meter ist er in Bernhausen in 10,76 Sekunden gerannt, in Glasgow ist er mit dem Staab 5,20 Meter gesprungen und in Okriftel hat er die 2,08 Meter im Hochsprung überquert.

Dieses Jahr soll der nächste Schritt folgen, auch wenn er nichts überhasten will. „Alles kann, nichts muss“, sagt Bechmann, der General Management an der Accadis Hochschule in Bad Homburg studiert, zu seinen Zielen. Ihm fehlen 218 Punkte für die direkte Olympia-Norm. In Götzis will er die 8350 Zähler am 30. und 31. Mai angehen. „Wenn man vom normaltypischen Verlauf ausgeht, dann ist die Punktzahl erreichbar. Vorausgesetzt ich bleibe verletzungsfrei, das Wetter spielt mit und die Umstände stimmen einfach“, betont er. Drei Zehnkämpfer kann der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) für die Olympischen Spiele in Tokio (24. Juli bis 9. August) nominieren. Neben der Erfüllung der Norm gilt die Weltrangliste des Internationalen Leichtathletikverbandes IAAF.

„Nach Götzis sehen wir, ob es nach Tokio oder Paris geht“, sagt Bechmann. Denn sollte es nicht mit dem Ticket nach Japan klappen, will Bechmann an der Europameisterschaft in Frankreich (26. bis 30. August) starten. Dann sogar mit guten Aussichten auf eine Medaille, da kaum ein europäischer Topathlet, der bei Olympia war, sich auch noch in Paris quälen wird. Der DLV hat seinen Athleten sogar ein Startverbot erteilt. „Klar wäre ich zwei Wochen enttäuscht, wenn es mit Olympia nicht klappt. Aber ich habe noch zwei oder drei Olympiazyklen vor mir“, sagt Bechmann.

Genügend Gelegenheiten also, um sich auch noch auf den ganz großen Bühnen mit Niklas Kaul zu messen.

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