Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Tim Focken wurde vor 11 Jahren in Afghanistan verwundet. Jetzt will der Sportschütze bei den Paralympics 2021 Medaillen gewinnen.
+
Tim Focken wurde vor elf Jahren in Afghanistan verwundet. Jetzt will der Sportschütze bei den Paralympics 2021 Medaillen gewinnen.

Tim Focken

Im Hinterhalt der Taliban: Afghanistan-Veteran bei den Paralympics 2021

  • Isabel Wetzel
    VonIsabel Wetzel
    schließen

Tim Focken ist der erste deutsche Kriegsversehrte bei den Paralympics. Kurz bevor die Spiele in Tokio beginnen, eskaliert die Lage in Afghanistan wieder - dem Land, in dem Focken getroffen wurde.

Tokio ‒ Tim Focken kämpfte als deutscher Fallschirmjäger jahrelang in Afghanistan. Daher kennt der heute 36-jährige Veteran die dramatische Lage in Afghanistan nur zu gut. Vor elf Jahren wurde der Bundeswehrsoldat dort von einem Scharfschützen der Taliban angeschossen. Einige dramatische Stunden und eine aufwändige Notoperation später ist klar, dass der junge Soldat den Einsatz in Afghanistan überlebt hat. „Im Endeffekt hatte ich Glück im Unglück. Ich lebe noch, alles gut“, sagte Tim Focken in einem Interview mit dem Sport-Informationsdienst (SID) kurz vor dem Start der Paralympics in Tokio.

Am 17. Oktober 2010 veränderte sich das Leben des heutigen Para-Sportschützen schlagartig. In der Ortschaft Kalasai in Afghanistan entwickelte sich ein unerbittlicher Feuerkampf, sein Trupp geriet in einen Hinterhalt der Taliban. Focken wurde in den linken Arm getroffen und es begann eine dramatische Rettungsaktion.

In Afghanistan getroffen: Kriegsveteran Tim Focken wagt Neuanfang als Sportschütze

Der erste Rettungshubschrauber, der den verwundeten Soldaten in Sicherheit bringen sollte, geriet unter Beschuss und musste abdrehen. Focken blieben daraufhin 50 Sekunden, um sich mit letzter Kraft in einen zweiten Hubschrauber zu retten. Umgehend wurde er nach Deutschland geflogen, in Koblenz folgte dann eine Notoperation von rund siebzehn Stunden. Sein Leben konnten die Ärzte retten, sein linker Oberarm ist seitdem aber wegen irreparabler Nervenschäden gelähmt, zwei Metallplatten halten seine durchschossene Schulter zusammen. Focken nahm die Situation an und wagte einen Neustart. Bei den Paralympics 2021 in Tokio, die am 24. August beginnen, tritt der 36-Jährige nun als erster Kriegsversehrter für Deutschland an.

Tim Focken
Geboren24.08.1984
GeburtsortOldenburg
LandDeutschland
SportartPara Sportschießen
VereinSchützenverein Etzhorn
BehinderungLähmung im Linken Oberarm/Schulterbereich nach Schussverletzung

In den ersten Monaten nach den Schüssen in Afghanistan und der Operation haderte Tim Focken mit sich. In einem Videointerview zu seiner Bundeswehr-Laufbahn mit Deutschlandfunk sagte er: „Meine ersten Gedanken waren zerstörerisch. Ich hatte Schuldgefühle gegenüber meinen Kameraden. Ich dachte, dass ich sie im Stich gelassen habe.“ Zudem zweifelte er an seiner Zukunft, fühlte sich nicht mehr als Soldat.

Doch Focken ist niemand, der sich von seinem Schicksal lange ausbremsen lässt. Heute sieht er stets das Positive. „Andere haben ihr Leben gelassen. Ich kann bis auf einige Abstriche fast alles tun, was ich vorher gemacht habe“, betonte der 36-Jährige im Interview mit dem SID. Ihm gehe es „gut“, im Sport habe er auch wieder „berufliche Zufriedenheit“ erlangt. Und so beschritt er recht schnell neue Wege, schloss sich 2011 dem Programm der Bundeswehr zur Sporttherapie nach Einsatzschädigung an.

Afghanistan-Veteran bei den Paralympics 2021 in Tokio: Tim Fockens Weg zur Weltspitze

Zwei Jahre nach seinem sportlichen Neuanfang bewies Tim Focken eindrucksvoll sein Talent bei den Wounded Warrior Games in den USA, gewann als erster Europäer seit acht Jahren den Mehrkampf. Danach konnte er sich seinen Para-Sport quasi frei aussuchen, in die engere Auswahl kamen Schwimmen und Sportschießen. Die Wahl fiel aufs Schießen, „weil ich alles heimatnah betreiben durfte und das Alter keine so große Rolle spielt“, erklärt er.

Innerhalb von fünf Jahren stürmte der Vater von zwei Kindern an die Weltspitze. Bei der WM 2019 wurde er mit dem Kleinkaliber Vierter - und schnappte sich damit seinen Startplatz für die Paralympics 2021 in Tokio. Die Spiele laufen vom 24. August bis zum 5. September. Und Focken hat in Tokio große Pläne. „Das Ziel jedes Sportlers muss eine Finalteilnahme sein. Dabei sein ist alles, dieses Gefühl ist schon lange weit weg“, sagte der gebürtige Oldenburger: „Ich kann in der Weltspitze mitmischen.“ Und vielleicht sogar seinen einzigartigen Weg mit einer Medaille krönen.

„Es tut im Herzen weh“: Focken kann die Lage in Afghanistan vor den Paralympics nicht ganz ausblenden

In der finalen Vorbereitung versucht er sich daher bestmöglich von den Schreckensnachrichten aus Afghanistan nach der Machtergreifung der Taliban abzuschotten, Medienberichte meidet er. Doch das gelingt nicht immer. Im Gespräch mit dem NDR sagt der 36-Jährige: „Es tut im Herzen sehr weh, das Leid, das sich dort abspielt. Die Tragik nimmt mich schon sehr mit.“

Die rasend schnelle Machtübernahme der Taliban und die dramatischen Szenen am Flughafen von Kabul haben den Sportler erschüttert und rufen Erinnerungen an seine eigene Zeit in Afghanistan hervor, „die Gedanken, wenn Kameraden sterben“. Nun will der Sportler aber wieder versuchen, die Belastung „irgendwie auszublenden“, um sich voll auf den Start der Paralympics und die kommenden Wettkämpfe zu fokussieren. (iwe/sid)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare