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Fing in den 80ern als Sportfunktionär an, ist seit 2013 die Nummer eins im Weltsport: Thomas Bach.

IOC-Präsident Thomas Bach

Thomas Bach, der Strippenzieher

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Nach der Verschiebung der Olympischen Spiele ins kommende Jahr warten „tausende Fragen“ – vor allem jene, ob der viel kritisierte IOC-Präsident Thomas Bach seiner Führungsrolle gerecht wird.

Rund zwölf Stunde nach dem lauten, aber doch nur allzu erwartbaren Knall, der historischen Verschiebung der Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio in das kommende Jahr hinein, richtete Thomas Bach dann auch einige Worte direkt an die Protagonisten. Er, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), wollte wie einer von ihnen wirken. Wie ein starker Sportpolitiker, an dem Krisen und Kritik jeglicher Couleur und Heftigkeit abprallen, der die Sorgen der tausenden Sportlerinnen und Sportler rund um den Globus versteht, verinnerlicht hat, sie ernst nimmt und darüber hinaus die Zuversicht nicht verliert.

Also arrangierte sich Bach möglichst lässig, so lässig wie es sich für einen IOC-Boss maximal ziemt. Er suchte nicht den Schutz hinter einem Pult, einem Podium oder einem Schreibtisch, stattdessen nahm er mittig vor der Kamera auf einem Stuhl Platz. Er trug nicht die ihn ansonsten stets einengende Krawatte um den Hals, sondern öffnete noch den obersten Knopf seines Hemdes, um dann von einem Dauerlächeln flankiert folgende Worte zu sprechen: „Ich kann keine idealen Lösungen versprechen, aber ich kann versprechen, dass wir die bestmöglichen Spiele haben werden.“ Und weiter: „Die Sommerspiele sind das komplexeste Ereignis auf diesem Planeten. Es gibt für eine Verschiebung Olympischer Spiele keine Blaupause.“

Seine knapp 30 Sekunden dauernde Ansage an die Sportlerwelt beschloss Bach schließlich damit: „Die Tokio-Spiele 2021 können ein Fest der Menschheit nach dem Überstehen dieser beispiellosen Coronavirus-Krise sein, eine wahre Feier unserer aller Zielstrebigkeit, ein echter Beweis des olympischen Geistes, der uns alle vereint.“ Salbungsvolle Worte eines angeknockten Präsidenten, die viele der Zuhörer wohl inmitten eines Gedankenchaos zurückließen. Für wen kämpft Thomas Bach wirklich? Für uns? Für sich? Für alle?

Ganz klar, der 1953 in Würzburg geborene und später in Tauberbischofsheim aufgewachsene Bach sieht sich derzeit mal wieder einer breiten Front an Kritikern ausgesetzt, von allen Seiten muss er Verbalhiebe einstecken, von Funktionären, Politikern, Fans, und – besonders schmerzhaft – natürlich auch von den Sportlern selbst. Zu zögerlich, so die Meinung der Krittler, sei der Entschluss gefallen, die Tokio-Spiele zu verschieben. Und überhaupt gehe es bei dem Ganzen ja eh am Ende nur um die Kohle.

Für Bach ist es längst nicht das erste Mal, dass er mitten im Gegenwind steht. Recht schnell nachdem der Fechter a.D., der 1976 mit der deutschen Mannschaft die olympische Goldmedaille in Montreal holte (damals übrigens noch mit markantem Schnauzer), seine Funktionärskarriere begann, suchte er die Nähe zu Menschen, die ihn auch persönlich weiterbrachten. Er arbeitete als enger Vertrauter von Adidas-Chef Horst Dassler, der sich später des Vorwurfs der Bestechung von Sportfunktionären ausgesetzt sah. Er war so etwas wie ein Zögling des einstigen IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch, unter dem die Kommerzialisierung beim IOC so richtig begann, damit aber auch eine Zunahme an Korruption einherging. Später suchte er zum Beispiel auch die Nähe zu Ahmad Al-Fahad Al-Sabah, einem Scheich aus Kuwait, der jahrelang die undurchsichtigen Geldtöpfe des IOC verwaltete und 2013 dann vor der Präsidentenwahl erfolgreich als mächtiger Stimmenbeschaffer für Bach fungierte – nicht umsonst trug der Scheich, der mittlerweile infolge einer Anklage wegen Fälschung all seine IOC-Ämter ruhen lässt, einst den inoffiziellen Titel „Königsmacher“.

Nun ist Thomas Bach nie unlauteres Verhalten nachgewiesen worden, gewiss ist der ehemalige DOSB-Präsident aber Zeit seiner Funktionärslaufbahn stets ein Teil des Systems gewesen. Er ist jemand, der weiß, welche Lobbyarbeit er wo und wann und wie zu verrichten hat. Der „FAZ“ sagte er selbst mal in einem Interview: „Der überraschendste Angriff im Fechten ist der kerzengerade Ausfall. Den habe ich gern gepflegt. Aber man muss auch das andere beherrschen.“ Statt frontal zu attackieren, taktiert Bach lieber, er wägt ab. Sicher ein nicht unwesentlicher Aspekt für seinen erfolgreichen Weg bis ganz an die Spitze des olympischen Sports.

Thomas Bach, mittlerweile 66 Jahre alt, versteht es vor allem, in Krisenzeiten die Ruhe zu bewahren. Selten strahlt er Unsicherheit aus, so groß die Vorwürfe an das IOC oder auch ihn persönlich auch sind. Manch einer mag das als unangenehm abgezockt empfinden, andere als höchst professionell. Irgendwo dazwischen dürfte die Wahrheit liegen. Mit Blick auf den enormen Aufwand, der durch die Verschiebung der anstehenden Spiele nun auf das IOC wartet, mutet diese Eigenschaft zumindest nicht hinderlich an. „Das ist ein großes Puzzle, jedes Teil muss passen. Wenn man ein Teil rausnimmt, ist das ganze Puzzle zerstört“, sagte Bach gestern. Die Zusatzkosten aufgrund der Verschiebung werden auf fünf bis sechs Milliarden Euro geschätzt

Das IOC hat mittlerweile eiligst eine Task-Force aufs Gleis gesetzt, Name „Here we go“, die „tausende Fragen“ zu klären habe. Vor allem, wann genau die Tokio-Spiele denn nun stattfinden sollen. „Es ist nicht beschränkt auf die Sommermonate“, so Bach, also eventuell schon im Frühjahr. Die Olympiamacher wollen rasch in eine Abstimmung mit allen 33 internationalen Sportfachverbänden gehen. Schon am heutigen Donnerstag soll es eine gemeinsame Telefonschalte geben, erklärte Bach: „Das ist der erste Schritt. Dann müssen wir schauen, welche Optionen wir haben.“

Die erste Verlegung in der Geschichte Olympischer Spiele ist auch für Bach die bisher größte Prüfung seines Schaffens als IOC-Präsident. Klar, vor vier Jahren wurden die Spiele in Rio de Janeiro vom in Brasilien grassierenden Zikavirus bedroht, letztlich aber erwiesen sich große Teile der damals herrschenden Hysterie als unbegründet. Selbst das russische Staatsdoping, das Bach mit einem verbalen Schlingerkurs weitestgehend wegmoderierte, konnte den Juristen IOC-intern kaum aus der Balance bringen. In den kommenden Tagen und Monaten aber muss er sich mehr denn je beweisen – und bestenfalls den tausenden Sportlerinnen und Sportlern Antworten liefern: Für wen kämpft Thomas Bach? Für uns? Für sich? Für alle?

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