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Triumphator: Novak Djokovic nach seinem Erfolg in Melbourne.

Australian Open

Tennisclown a. D. macht Ernst

Novak Djokovic hat zum zweiten Mal in seiner Karriere die Australian Open der Tennisprofis gewonnen. Der Serbe ließ dem Schotten Andy Murray in einem einseitigen Finale nicht den Hauch einer Chance. Damit besitzt Djokovic jetzt endlich auch die "Statur eines Topprofis".

Von Jörg Allmeroth

Genau drei Sekunden starrte er neben dem neuen Champion grimmig ins Blitzlichtgewitter. Dann hatte Andy Murray endgültig genug von dieser letzten Statistenrolle an einem Abend, an dem er bloß wie ein Zuschauer bei der großen Novak-Djokovic-Show gewirkt hatte. Während der Schotte fluchtartig verschwand, posierte Djokovic breit grinsend für die Erinnerungsbilder. „Ich hatte nie das Gefühl, dass ich dieses Spiel verlieren könnte. Das war eine magische Nacht für mich“, sagte der 23-jährige Belgrader nach dem 6:4, 6:2, 6:3 über den gleichaltrigen Gegner von der Insel.

Der Kantersieg Djokovics war zugleich ein erhellender Moment für die Machtverhältnisse: Hinter den leicht schwächelnden Supermännern Nadal und Federer etablierte sich der geläuterte Spaßvogel vom Balkan als wichtigster Herausforderer, als Mann, der auch außerhalb seiner Wohlfühlzone Melbourne Grand-Slam-Titel gewinnen könnte.

Djokovic ist angekommen

Anders als vor drei Jahren, als Djokovic „down under“ schon einmal obenauf war als Siegertyp, dann aber wieder ganz schnell ganz viel Boden verlor, muss der Serbe nun als wirklich ernsthafter Mitbewerber um erlesene Ranglistenpositionen und Major-Pokale gelten. „2008, bei meinem ersten Sieg, habe ich mit geschlossenen Augen einfach auf die Bälle draufgehauen und Volltreffer gelandet“, sagte Djokovic, „jetzt habe ich die Statur eines Topprofis.“

Tatsächlich war Djokovics zweite erfolgreiche Grand-Slam-Mission ein meisterliches Stück – voller Präzision und Power, voller Ausdauerkraft und Beharrungswillen. Fast mühelos nahm der Weltranglisten-Dritte die Euphorie des serbischen Daviscup-Sieges vom vergangenen Dezember mit auf die Courts in Melbourne. Er hielt souverän seine Konzentration und agierte mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein. Zu bestaunen war das vor allem in der Partie gegen Federer, die ebenfalls nach drei Sätzen pro Djokovic ein schnelles Ende gefunden hatte.

Das frappierend einseitige Finale führte fast geradewegs zu der Frage, ob sich am Abend dieses 30. Januar 2011 die Karrierewege der alten Weggefährten Djokovic und Murray trennen: Während der Serbe nun schon zwei Grand- Slam-Titel und den Daviscup-Sieg eingesammelt hatte, stand der Schotte vor dem Scherbenhaufen seiner Ambitionen. Bei seinen drei Grand-Slam-Finalteilnahmen ohne jeden Satzgewinn hatte er zweimal wie ein besserer Lehrjunge gegen Federer ausgesehen, und nun, bei der vermeintlich größten Chance gegen Generationskollege Djokovic, erlebte er das größte Desaster. „Ich hoffe, dass ich noch mal die Chance gegen ihn kriege“, sagte Murray zwar hinterher mit brüchiger Stimme, doch so recht glauben konnte er das in der Stunde der Schmach wohl nicht.

Murray als Zweifler

Das Finale, in dem die ersten vier Spiele 30 Minuten dauerten, bekam nach dem Zermürbungskampf zum Start schnell klare Konturen: Murray war der Mann des Zweifels, der Wutausbrüche, der Unsicherheit, der leichten Fehler. Und Djokovic der Tempo- und Taktgeber, der Spieler mit dem weit stärkeren Ego und Durchsetzungswillen. Der eine scheiterte wieder unter der Last mächtiger Erwartungsgebirge, der andere wuchs an der Größe der Herausforderung.

„Sein Sieg war mehr als verdient“, gab Murray später geknickt zu Protokoll. Der Schotte, pausenlos über die eigenen Unzulänglichkeiten genervt, warf zwar selbst nach einem 1:3 im dritten Satz noch nicht das Handtuch, aber kaum hatte er das 3:3 geschafft, folgten wieder haarsträubende Fehler. Da verschlug es auch manchem britischen Berichterstatter, der eigens fürs Finale noch schnell den Trip ans andere Ende des Planeten auf sich genommen hatte, die Sprache. „Die Zeitungen vom Montag sollte Andy besser nicht lesen“, sagte einer aus seinem Camp später.

Djokovic, der mit Murray so gut auskommt wie Nadal mit Federer, ist in Melbourne endgültig zu einem Athleten und Wettkämpfer herangewachsen, der es mit den beiden Größten seines Sports aufnehmen kann. Und zwar auch und besonders bei den Grand-Slam-Treffen, wo der Status eines Spielers definiert wird. Die neue Seriosität, die der einstige Faxenmacher und Szeneclown für sich reklamiert, ist nicht nur Fassade. Der Mann meint es wirklich ernst damit, den Rivalen den Spaß zu verderben. Spätestens seit Melbourne 2011.

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