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Dauerlächlerin in den Mixed-Grand-Slams: Martina Hingis (r.) und ihr Partner Jamie Murray beim Sieg der US-Open 2017.

Tennis

Doppelt schön auf den Nebenplätzen

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Die Wettbewerbe abseits des Center Courts sind oft unterhaltsamer als die Einzel - auch in Wimbledon.

Martina Hingis gehörte zu den großartigsten und erfolgreichsten Spielerinnen der Tennisgeschichte. Doch wenn man sich ihre Matches heute noch einmal ansieht, entdeckt man: Es gab nicht eine Martina Hingis, es waren drei Personen gleichen Namens.

Die Einzelspielerin Hingis: eine perfektionistische Leistungsmaschine, angetrieben von der Mutter. Sie feilschte mit den Schiedsrichtern um jeden Punkt, sie lächelte gelegentlich – doch nie wegen der Situation, sondern nur, weil das Ergebnis passte.

Die Doppelspielerin Hingis: Stand sie auf dem Court, wurde gestöhnt wie im Einzel, doch die Verbissenheit wich zwischen den Ballwechseln, wenn sie mit ihren Partnerinnen – überwiegend waren es Sania Mirza aus Indien und die Taiwanesin Chan Yung-Jan – kommunizierte, Blicke und Berührungen austauschte.

Und schließlich die Mixed-Spielerin Hingis: eine Komödiantin, die das Lachen gar nicht mehr aus dem Gesicht bekam, wenn sie mit Leander Paes, einem leicht bauchig gewordenen Inder, spielte. Klagte er über Rückenbeschwerden, behandelte sie ihn auf dem Platz, indem sie ihm ins Kreuz stieg. Und amüsiert nahm sie seine Verbeugung entgegen, wenn sie zusammen wieder einen Grand-Slam-Titel gewonnen hatten.

Natürlich ist die Geschichte der Martina Hingis die einer Entwicklung als Persönlichkeit über mehr als zwei Jahrzehnte. Vom Kinderstar, mit 16 beste Spielerin der Welt, zur Frau, die im Tenniszirkus keine Rolle mehr spielen musste, sondern aus freien Stücken spielen wollte. Ihre Geschichte hat jedoch auch damit zu tun, welche Wettbewerbe sie auswählte. Im Doppel ist man in der Niederlage nie allein – aber siegt in Hingis‘ Güteklasse leichter und öfter. Fünf Grand-Slam-Titel gewann die Schweizerin als Einzelspielerin, drei davon in ihrem großen Jahr 1997, hingegen 13 im Doppel und sieben im Mixed. Sie brillierte in den Frauen- und gemischten Doppeln vor allem bei ihren Comebacks in den Nuller-Jahren und von 2015 bis 2017.

Hans-Jürgen Pohmann, heute 72, war einige Jahrzehnte vor Hingis Tennisprofi – und ebenfalls ein Allesspieler. Stütze des deutschen Davis Cup-Teams, in der Einzel-Weltrangliste Top 30. Ein bisschen berühmter vielleicht sogar im Doppel mit Jürgen Faßbender, zusammen standen sie in Paris und Wimbledon im Halbfinale (1973 und 1975). Und im Mixed ist Pohmann auch angetreten, mit Helga Masthoff, der damals besten deutschen Tennisspielerin.

„Doppel zu spielen war etwas lockerer als Einzel“, blickt Pohmann zurück, „aber der Ehrgeiz war schon spürbar“. Geholfen hat das Doppel auch finanziell: „Man musste in Vorkasse treten und seine Reisen finanzieren. Wenn ich auf Asien-Tour mit drei Turnieren gegangen bin, war das Ziel, mit dem ersten die Spesen reinzuspielen.“ Dabei half der Zusatzwettbewerb des Doppels.

Das Mixed ist nur bei den ganz großen Turnieren im Programm. „Dabei steht sicher der Spaß im Vordergrund“, erklärt Pohmann. Ein gemischtes Doppel ergebe sich – wie in seinem Fall mit Helga Masthoff – „immer rein zufällig. Man spielt auf den gleichen Turnieren und sagt: ,Wollen wir mal Doppel probieren?‘“ Masthoff/Pohmann war eine funktionierende Kombo: „Wir sind fünf Mal Deutscher Meister geworden.“

Was muss der Doppelspieler nun Spezielles können, das der Einzelspieler nicht so im Programm hat. „Natürlich muss man auch gut retournieren können“, sagt Pohmann, der nach seiner Sportlerkarriere als Kommentator im Tennis weiterarbeitete, „aber entschieden wird das Doppel am Netz. Serve and Volley ist die Basis.“ Das Einzel hat sich davon wegentwickelt. Was Hans-Jürgen Pohmann ein wenig schade findet: „Zu meiner Zeit hat man in den Doppeln auch fürs Einzel lernen können.“ Flugball zum Beispiel – heute werde der kaum noch trainiert.

Im Doppel ist das Spielfeld breiter. Doch da es auf jeder Seite mit zwei Akteuren besetzt ist, geraten die Ballwechsel schneller und kürzer. Für Pohmann können „Doppelspiele sehr attraktiv sein“. Auch unter Fans, die zu Turnieren reisen, sind sie sehr beliebt. Da Doppel selten auf den Haupt-Courts stattfinden, sind sie das Hauptprogramm derer, die mit einem der billigen Ground-Tickets so viele Spiele wie möglich erleben wollen. Abseits des „Großen Tennis“, für das die Stars der Branche wie bei den Männern Roger Federer, Novak Djokovic und Rafael Nadal stehen, erlebt man bisweilen das größere Tennis. Wenn Tennis plötzlich Teamsport ist. Wie – unvergessen – bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona, als Boris Becker und Michael Stich, die großen deutschen Einzel-Konkurrenten ihrer Zeit, ihre von den Medien befeuerte Gegnerschaft ruhen ließen und sich füreinander begeisterten.

Die großen Einzel-Stars erlebt man heutzutage allenfalls bei Olympia im Doppel. Im normalen Turnierbetrieb sind sie zu spezialisiert auf ihre Solo-Performances. Nummer eins in beiden Weltranglisten – Einzel und Doppel – war bislang nur John McEnroe. Zwischen 1978 und 84 gewann der US-Amerikaner mit Landsmann Peter Fleming 57 Turniere und regelmäßig die ATP-Weltmeisterschaft, die die Saison beschließt.

In Listen, die die besten Duos aller Zeiten diskutieren, trifft man vorrangig auf Doppel-Spezialisten, wie die australischen „Woodies“ Todd Woodbridge/Mark Woodforde, die in den 90er-Jahren sechsmal Wimbledon gewannen. Woodbridge spielte dann noch mit dem Schweden Jonas Björkman weiter und kam auf 16 Grand-Slam-Titel, mehr als jeder andere.

Noch mehr Turniersiege verbuchen die US-amerikanischen Zwillinge Bob und Mike Bryan, 41 Jahre alt. Sie haben in ihrer langen Karriere je um die 16 Millionen Dollar Preisgelder eingespielt – überwiegend im Doppel.

In Paris gab es für die Überraschungssieger Kevin Krawietz/Andreas Mies 580 000 Euro; die Frauen Elise Mertens (Belgien)/Aryna Sabalenka (Weißrussland), die sowohl in Indian Wells als auch kurz danach in Miami gewannen (in Kombination das „Sunshine Double“), haben dieses Jahr jeweils über 1,2 Millionen Dollar eingespielt – dabei fanden sie erst bei den Australian Open zueinander.

Multikulti ist mehrheitsfähig bei der Doppelbesetzung. Von den 20 jahresbesten Doppeln bei den Frauen kommen lediglich vier aus demselben Land. Bei den Männern sind es neun.

Über Grenzen hinweg spielen – auch dazu bietet sich im Doppel die Chance. Aisam-Ul-Haq Qureshi, ein muslimischer Pakistaner, trat in Wimbledon einmal (2003) mit dem jüdischen Israeli Amir Hadad und einmal mit dem Hindu Rohan Bopanna aus dem mit seinem Land verfeindeten Indien an. „Unser Spiel hat nichts mit Politik und Religion zu tun“, lautete Qureshis Botschaft.

Berühmt als Doppelspieler wurde auch Mansour Bahrani aus Iran. Im Exil musste er sich als Profi durchschlagen und spezialisierte sich aufs Doppel. Er brachte eine humoristische Note ins Spiel und kann von seiner Rolle als Tennisclown auch zwei Jahrzehnte nach dem Rücktritt in Showmatches profitieren.

Das Doppel geht gnädig um mit den Helden des Racketsports. „Es ist nicht so laufintensiv, nicht so anstrengend, man kann es länger spielen“, sagt Hans-Jürgen Pohmann. Die Bryan-Brüder mit ihren 41 oder der Inder Leander Paes, 46, sind die lebenden Beispiele. Und bei den Frauen sind Stars von einst wie Billie Jean King, Martina Navratilova und Martina Hingis in späteren Lebensabschnitten zurückgekehrt und haben Mixed-Titel gewonnen.

Mindestens ein Aufbauprogramm sollen Doppel und Mixed auch für Andy Murray sein, den Liebling der Briten. Im Einzel-Ranking ist die ehemalige Nummer eins nach einer Hüft-Operation abgeglitten auf Platz 148, verkündete im Januar 2019 bereits das Ende der Karriere – doch inzwischen glaubt der Schotte, noch einmal Anschluss finden zu können. Mit Partner traut er sich wieder auf den Platz, das Wimbledon-Vorbereitungsturnier in Queens gewann er mit Feliciano Lopez (Spanien), in Eastbourne spielte er mit Marcelo Melo (Brasilien), für Wimbledon hat er mit Pierre-Hugues Herbert (Frankreich) gemeldet. Für das Mixed suchte er nach einer Frau, bekam aber Bedenken, dass, falls er im Doppel weit kommt, das Programm der zweiten Wimbledon-Woche zu üppig ausfallen könnte. Dann wäre es Stress – wie im Einzel.

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