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Gehen getrennte Wege: Angelique Kerber (links) und Rainer Schüttler, hier in Melbourne 2019.

Tennis

Angelique Kerber trennt sich von Trainer Schüttler - im Guten

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Angelique Kerber trennt sich im Guten von Trainer Rainer Schüttler, der mit seiner Expertise nie zur kriselnden Tennisspielerin durchdrang.

Es war Anfang Dezember des vergangenen Jahres, als Rainer Schüttler im italienischen Restaurant einer Tennisanlage im schönen Königstein im Taunus saß. Schüttler hatte gerade die ersten Arbeitswochen mit Angelique Kerber hinter sich, der damals amtierenden Wimbledonsiegerin, er war mehr als zufrieden mit seinem neuen Job, dieser leicht überraschenden Partnerschaft. „Viel Spaß“ habe man zusammen, sagte Schüttler, 43, aber er war lange genug in der launischen Branche unterwegs, um nicht auch in jener Stunde die möglichen Probleme im Blick zu haben. „Wenn sich das alles doch nicht so entwickelt, wie wir uns das vorstellen, darf ich nicht im Weg stehen für sie“, sagte Schüttler, „denn sie muss die Jahre nutzen, die sie noch im Tennis hat.“

Gut ein halbes Jahr später, am Tag, als Wimbledon dramatisch früh vorüber war für Kerber, hat Schüttler diesen Worten dann auch Taten folgen lassen. Es war nämlich der Moment, in dem die Allianz zwischen der besten deutschen Tennisspielerin dieser Epoche und dem ehemaligen Weltranglisten-Fünften zerbrach. Kerber, 31, verlor in der zweiten Runde wenig inspiriert gegen die Amerikanerin Lauren Davis, sie war nicht zufrieden mit diesem Spiel, Schüttler war wohl noch weniger zufrieden mit dem Auftritt. Beide waren auch nicht zufrieden mit dem Verlauf der letzten Monate. Und so beschloss man hinterher tatsächlich im berühmten beiderseitigen Einvernehmen, „dass es besser wäre, sich freundschaftlich zu trennen“, so Schüttler, „wir sind beide unabhängig, haben beide andere berufliche oder personelle Optionen.“ Auch Kerber hatte in ihrem Tweet kurz vor dem Wochenende, der die Trennung nachträglich verkündete, erklärt, es sei nun die „richtige Zeit für einen frischen Start.“ Für einen Neuanfang mitten in der Saison, ohne Schüttlers Expertise.

Für Kerber war das Jahr 2019 ein Jahr, in dem sie sich bei ihren ewigen Achterbahnfahrten nicht im Höhenflug befand, sondern eher in Bodennähe bewegte. Das galt schon früh, bei den Australian Open, setzte sich bei den French Open fort. Und es endete vorläufig in Wimbledon, wo sie unter dem Druck einer Erfolgsmission, der Mission Titelverteidigung, scheiterte. Oft hatte man das Gefühl, als sei die ehemalige Weltranglistenerste gelähmt von dem Anspruch, sich und anderen in der Tenniswelt immer noch und immer wieder etwas beweisen zu müssen. Darunter litt jedenfalls auch das Arbeitsverhältnis zu Schüttler, womöglich hatte der Nordhesse seinerseits das Gefühl, nicht wirklich mit seinen Ratschlägen und Hilfestellungen zu Kerber durchdringen zu können. Eine gewisse Entfremdung war kaum zu übersehen, auch nicht in der Öffentlichkeit, doch man raufte sich immer wieder zusammen. Vielleicht auch, weil man sich die tiefere Krise in dieser Trainer-Spieler-Beziehung nicht eingestehen wollte.

Dabei hatten Kerber und Schüttler durchaus im Stimmungshoch begonnen, der 43-jährige Korbacher fand sogar nach der „perfekten Saisonvorbereitung“, dass seine Chefin im Tennisjahr 2019 einen neuen, berechtigten Angriff auf Weltranglistenplatz eins starten könne. Und dass sie so konstant gut spielen sollte, um in jedem Fall das Saisonfinale der acht Besten in Shenzhen im Oktober zu erreichen. Doch viele Hoffnungen zerplatzten bald, eher drehte sich die Abwärtsspirale für das Duo. Verletzungen bei Kerber kamen hinzu, Probleme auch, den optimalen Spielplan zu finden. Bei den French Open wirkte es so, als sei Kerber nach einer Fußverletzung einfach zu früh wieder auf dieser Grand-Slam-Bühne ins Rennen gegangen. Aber es war eben das eine Turnier unter den Majors, das sie noch nie gewonnen hatte.

Für Kerber war die Kooperation mit dem selbst erfolgreichen Tennisprofi und Turnier-Impresario Schüttler in mancherlei Beziehung Neuland. Schüttler ist selbst eine starke Persönlichkeit, er konnte nie ein plumper Befehlsempfänger sein. Das Problem war dann auch nicht, dass Kerber und Schüttler sozusagen wie Koch und Kellner agierten. Sondern, dass der Wissenstransfer nicht funktionierte, dass die Botschaften Schüttlers irgendwie versickerten. „Angie spielt die Musik, ich helfe ihr dabei, den richtigen Ton zu treffen“, hatte Schüttler vor der Saison gehofft – doch was sich entwickelte, war schließlich doch eine Dissonanz.

„Es gab immer diese Drehungen und Wendungen, die ich als Teil meiner Geschichte als Athletin akzeptiere“, sagte Kerber nun. Es klang ungewollt so, als wisse sie, wie kompliziert es gewesen war, die letzten Monate im Wanderzirkus an ihrer Seite erlebt zu haben. Sicher sei für ihn, sagt Schüttler, „dass es für uns beide richtig ist, wenn wir wieder eigene Wege gehen. Aber wir bleiben Freunde, ganz sicher.“

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