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Technischer Faustkampf vom Allerfeinsten

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Von: Jürgen Ahäuser

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Ihre Gegnerinnen haben es meist schwer: Claressa Shields (r.).
Ihre Gegnerinnen haben es meist schwer: Claressa Shields (r.). © rtr

Die Boxerin Claressa Shields lässt sich auch in Rio nicht aufhalten. Ihr Erfolg macht die Schmach für die Amerikaner erträglicher.

Falls die brasilianische Kampfrichterin und ihre vier Kollegen, aus welchen Gründen auch immer, die Absicht gehabt hätten, diesem Kampf ihre ganz eigene Sichtweise aufzudrücken, Claressa Maria Shields hat das spätestens in der vierten Runde zunichte gemacht. Die Russin Jaroslava Jakuschina lag schwer angeschlagene am Boden, berappelte sich zwar wieder, aber der Boxkampf war schon in den vorangegangenen drei Runden entschieden worden. Das wäre selbst für die zwielichtigen Verhältnisse im Boxturnier von Rio allzu dreist gewesen.

Wie schon vor vier Jahren in London ist Claressa Shields die Attraktion beim Frauen-Boxen. Bei der olympischen Premiere war die US-Amerikanerin gerade mal 17 Jahre alt. Die Frau aus der Autostadt Flint in Michigan, die heute nicht nur wegen der besseren Luft in Colorado Springs lebt, machte die Schmach der männlichen US-Kämpfer ein klein wenig erträglicher. Sie gewann damals die einzige Box-Medaille für die USA und jetzt ist sie auf dem Messegelände Riocentro dabei, ihren Coup souverän zu wiederholen. Schon damals staunten die Box-Experten.

Die 21-jährige Mittelgewichtlerin (69 bis 75 Kilo) ist das beste Beispiel dafür, dass im Frauenboxen längst nicht mehr nur wild um sich geschlagen, sondern allerfeinster technischen Faustkampf gezeigt wird. Die 1,76 Meter große, sehr gut austrainierte Olympiasiegerin hat sich unter ihrem einstigen, wegen seiner Strenge gefürchteten Trainer Jason „Heulsuse“ Crutchfield zu einem Aushängeschild für das Frauenboxen entwickelt. Als die Disziplin vom IOC in olympische Programm aufgenommen wurde, gab es in den Sport- und Feuilletonredaktionen landauf, landab heftige Diskussionen. Schließlich galt Boxen als letzte allein von Männern ausgeübte Sportart.

Neben den wenig stichhaltigen Platzhirsch-Argumenten – „Boxen ist nur etwas für Männer“ – galt die Sorge, selbstverständlich meist von Männern vorgetragen, der Brust der Frau. 2003 fanden die ersten deutschen Amateurmeisterschaften in Meppen statt. Fünf Jahre zuvor hatte der Internationale Amateurboxverband zum ersten Mal sein Okay für ein Frauen-Boxturnier gegeben. Die Diskussionen verstummten im Laufe der Zeit. Die größte Aufmerksamkeit erreichte das Frauen-Boxen als die Töchter von Muhammad Ali und Joe Frazier Laila und Jacqueline vor 16 Jahren um eine Millionen-Börse kämpften. Laila Ali ist auch das Vorbild von Claressa Shields.

Ihre Karriere ähnelt jener von den legendären, schweren, schwarzen Jungs, die sich mit den Fäusten aus den Ghettos US-amerikanischer Städte bis ins Scheinwerferlicht des Madison Square Garden gekämpft haben. Shields Vater Bo saß fast die gesamte Kindheit seiner Tochter im Knast. Hier kam er mit dem Boxen in Berührung und lehrte später seiner damals elfjährigen Tochter die ersten Punches, Jabs und Uppercuts.

Wilde Prügeleien gibt es immer noch zu sehen, aber die meisten Kämpfe der Amazonen haben, was Technik, Kampfkraft und Athletik betrifft, inzwischen ein erstaunliches Niveau erreicht. Bestes Beispiel ist Claressa Shields deren Motto lautet: „Das Beste zu geben, ist niemals genug, denn das Beste wird noch kommen.“ In der Mixed Zone legt sie mit Worten eine ähnlich hohe Schlagzahl vor wie im Ring. Ihre Aussagen beendet sie gerne mit einem keine Konter zu lassenden „you know“ – „Weißt du, ich will wieder Gold.“

Bei den Spielen kämpfen 36 Frauen in drei Gewichtsklassen über je vier Mal zwei Minuten um die Medaillen. Deutsche Boxerinnen konnten sich nicht qualifizieren. Wenn Claressa Shields weiter so entschlossen über ihre Gegnerinnen herfällt, dann haben selbst die für allerlei Gefälligkeiten anfälligen Kampfrichter keine Chance, den zweiten Olympiasieg der US-Amerikanerin zu verhindern.

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