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Ferraris unter sich

Fair-Play gegen Kommerz

Teamorder scheidet Geister

Die Formel 1 duelliert sich abseits der Strecke. Grund: die Teamorder bei Ferrari. Es ist auch ein Kampf der Romantiker gegen die Realisten.

Von Olaf Bachmann

Zwei Stunden nach dem Grand Prix sah es auch im Hockenheimer Motodrom so aus, als habe ein Tornado ganze Arbeit geleistet. Es herrschte das scheinbar nackte Chaos. Die spiegelverglasten Teampavillons waren schon ausgeweidet und standen zum Abtransport bereit. Sie wirkten wie die Fassaden eines potemkinschen Dorfes, das im Zwei- oder gar Ein-Wochen-Takt seine Standorte wechselt. Der Wanderzirkus Formel 1 zieht nach Budapest weiter, schon am Mittwoch soll das Fahrerlager am Hungaroring stehen, die Zeit drängt also. Doch selbst Ferrari lag im Plan.

Es war noch keine Stunde her gewesen, da Stefano Domenicali endlich Rede und Antwort stand. Unmittelbar nach dem Großen Preis von Deutschland hatte der Teamchef der Scuderia vor RTL-Reporter Kai Ebel die Flucht ergriffen. Dem Patron dürfte in diesem Moment der Kontakt zu seinen Fahrern Felipe Massa und Fernando Alonso wichtiger gewesen sein, als schnelle und vor allem nicht abgestimmte Antworten auf unangenehme Fragen. Domenicali wollte Zeit gewinnen, um Erklärungen und Ausflüchte zu finden in einer Affäre, die die Formel 1 wieder einmal zu zerreißen droht. Es geht um Teamorder, um einen manipulierten Rennausgang, um einen geschenkten (an Alonso) und gestohlenen Sieg (Massa), um Lügen und Videos inklusive sinnigen Tonmaterials.

Es ist ein hoffnungsloses Unterfangen, es allen Parteien Recht machen zu wollen. Das wissen auch die Kommissare des Automobil-Weltverbandes (FIA). Auf der einen Seite steht die Fair-Play-Fraktion, die einen ethisch einwandfreien Rennausgang erwartet. Diese Klientel geht so weit, es richtig zu finden, wenn sich Kollegen – wie die Red-Bull-Piloten Sebastian Vettel und Mark Webber in Istanbul – im Duell über den Haufen fahren: Großer Sport.

Auf der anderen Seite steht die Phalanx kommerziell gepolter Strategen, die im Streben nach dem Gesamterfolg bereit ist, Einzelinteressen zu opfern. Sie hält es für richtig, dass Massa seinem Teamkollegen Alonso den Sieg überlassen musste, um dessen Titelchancen zu verbessern.

Ferrari hat plump agiert

Die Diskussion zeigt, dass die Teamorder-Problematik der Quadratur des Kreises ähnelt. Sebastian Vettel sagte: „Wir erhalten unseren Scheck vom Team. Ich denke, das ist etwas, das wir immer respektieren müssen.“ Ähnlich äußerte sich Michael Schumacher, dem in seiner langen Karriere mehr als einmal der vor ihm fahrende Teamkollege aus dem Weg komplimentiert worden war. Das sei keine Kaffeefahrt, beschied der Ex-Champion, im Falle eines Misserfolgs könnte Ferrari „am Ende als Depp dastehen“.

So lange muss man gar nicht warten. In den einschlägigen Fan-Foren tobt derzeit der Krieg der Worte zwischen den Gegnern, die man die Romantiker und die Realisten nennen könnte. Zwischen allen Argumenten scheint immer wieder einmal der Vorwurf durch, wie plump und blöde Ferrari den Platztausch arrangiert habe. Manchmal ist es eben so, dass die Zuschauer Wert darauf legen, wenigstens einigermaßen intelligent übers Ohr gehauen zu werden.

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