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Die unangefochtene deutsche Nummer eins im Tennis: Alexander „Sascha“ Zverev.

Tennis

Superstar Zverev

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Teamchef Kohlmann über den neuen Modus im Davis-Cup und Talentförderung.

Herr Kohlmann, verspüren Sie schon so etwas wie Wehmut, denn die Partie gegen Ungarn (ab Freitag in Frankfurt) könnte wegen des neuen Davis-Cup-Formats mit einer Finalrunde an einem Ort theoretisch das letzte Heimspiel für einige Zeit sein?
Nein, eigentlich nicht, denn die Qualifikationsrunde wird ja so bleiben. Heimpartien sind immer noch möglich. Dass die Begegnung in Frankfurt fast ausverkauft ist, zeigt auch, welche Bedeutung der Davis-Cup in Deutschland noch hat. Die Leute wollen die Spieler sehen. Egal, wer der Gegner ist.

Was halten Sie vom neuen Format des Wettbewerbs? Anstelle von vier über das gesamte Jahr verteilten Runden mit Heim- und Auswärtsspielen in der Weltgruppe spielen nun 18 Teams in einem einwöchigen Turnier in der zweiten November-Hälfte um die Trophäe.
Wir sind keine Freunde davon, aber man muss es jetzt so akzeptieren. Das alles immer wieder zu befeuern, bringt nichts, das sind jetzt eben die Regeln.

Geht durch den neuen Modus eine Plattform verloren, die besonders Alexander „Sascha“ Zverev helfen könnte, sein Standing in der Heimat weiter zu verbessern?
Für ihn ist es natürlich eine Möglichkeit weniger, sich hier zu präsentieren. Er hat ja nicht viele Auftritte in Deutschland. „Sascha“ spielt meist in München und Halle/Westfalen. Ob das so bleibt, weiß man nicht, denn das Problem an München beispielsweise ist, dass direkt die großen Turniere in Madrid und Rom folgen. Dann wäre er drei Wochen am Stück gefordert. Für „Sascha“ ist das mit Sicherheit keine ideale Situation. Aber auch für die anderen deutschen Spieler nicht, denn der Davis-Cup ist eine gute Plattform, sich vor heimischem Publikum zu zeigen. Und: Siege für die Nationalmannschaft sind immer noch etwas Besonderes.

Zverev meinte, wegen des Termins im November sei die Teilnahme am Davis-Cup-Finalturnier für ihn überhaupt kein Thema mehr. Haben Sie die Hoffnung, dass er irgendwann trotzdem dabei sein wird?
Seine Aussagen waren ja deutlich. Aber ich glaube, dass der zuständige Weltverband ITF auch daran arbeitet, den Termin zu ändern. Insofern bin ich mir ziemlich sicher, dass wir in zwei, drei Jahren nicht mehr im November spielen werden. Die beste Woche wäre jene nach den US Open im September. Aber da findet natürlich auch der Laver-Cup statt. Ich hoffe, ITF und ATP werden sich zusammensetzen und einen vernünftigen Termin finden.

Finden Sie, dass Zverev in Deutschland zu kritisch betrachtet wird?  Erinnert sei an seinen Ausspruch vor Journalisten nach dem Wimbledon-Aus in der dritten Runde im vergangenen Jahr: „Ihr werdet mich bestimmt nicht mehr hier sehen. Morgen bin ich auf dem Boot.“
Das war eine Aussage, die aus der Situation entsprungen ist. Er wollte damit sicherlich nicht sagen: „Lasst mich in Ruhe, ich bin der Größte.“ Ich glaube, dass da bei ihm manchmal zu viel reininterpretiert und größer gemacht wird, als es ist. Das hat wohl damit zu tun, dass da nach langen Jahren wieder einer ist, von dem man das Gefühl hat, er könnte in diese Riesenfußstapfen von Boris Becker treten – und vielleicht ein Grand-Slam-Turnier gewinnen.

Haben Sie das Gefühl, dass sich Zverev selbst hinterfragt?
Ja, das glaube ich. Man kann beobachten, dass er international schon ein Superstar ist. Als die Spieler im vergangenen Jahr bei unserem Davis-Cup-Auswärtsspiel in Brisbane vorgestellt wurden, war der Applaus für „Sascha“ mindestens genauso groß wie für alle Australier. Er ist ein sehr guter Junge. Zu seinen Teamkollegen ist er nicht nur nett, sondern kameradschaftlich. Intern wird Zverev anders gesehen als in der Öffentlichkeit, da habe ich noch nie negative Sachen gehört.

Michael Kohlmann ist seit 2015 Teamchef der deutschen Davis-Cup-Mannschaft.

Gibt es für ihn im Davis-Cup-Team eine Sonderrolle wie einst bei Boris Becker?
Aufgrund seiner Ranglistenposition mit Sicherheit, aber er verlangt jetzt keine Sonderbehandlung. Wir versuchen, es jedem Spieler so angenehm wie möglich zu machen. Es ist nicht so, dass sich alles nur um „Sascha“ dreht. Es ist die Stärke des Teams, dass die Spieler sehr gemeinschaftlich auftreten.

Hat Zverev dank Coach Ivan Lendl jetzt das perfekte Team beisammen?
Er war schon immer gut aufgestellt und hat seinem Vater und seiner Mutter natürlich am meisten zu verdanken. Mit Jaz Green hat er außerdem schon seit Jahren einen unglaublich guten Fitnesscoach an seiner Seite. „Saschas“ Physio Hugo Gravil war lange der Topmann bei der ATP. Und jetzt dieser Baustein mit Lendl für 15-20 Wochen im Jahr. Ich denke, Zverev ist bestens aufgestellt, wenn man ihn mit anderen Topspielern vergleicht.

Was glauben Sie, ist ein Grand-Slam-Sieg von Zverev nur noch eine Frage der Zeit?
Ja, das glaube ich schon. Wir haben in Spieler- und Trainerkreisen diskutiert, wer der nächste aus der „NextGen“ sein wird, der ein Major gewinnt. Und da wurde „Sascha“ schon genannt.

Auf welchem Belag sehen Sie für Zverev die größten Vorteile?
Sein Riesenvorteil ist, dass er auf allen Belägen zum Favoritenkreis gehört. Ich glaube, er hat überall seine Chancen. Nadal ist auf Asche wahrscheinlich noch einen Tick stärker. Federer und Djokovic sind vielleicht auf Rasen vielleicht noch ein bisschen konstanter. Aber sie werden nicht ewig spielen.

Bei den Australian Open gab es Irritationen um Nachwuchstalent Rudi Molleker, der behauptete, nicht mehr vom DTB gefördert zu werden. Boris Becker schlug vor, den 18-Jährigen als Hitting-Partner zum anstehenden Davis-Cup einzuladen. Wird Molleker dabei sein?
Wir werden noch einmal mit ihm sprechen. Grundsätzlich ist es immer eine gute Erfahrung für junge Spieler, beim Davis-Cup reinzuschnuppern. Insofern ist Rudi herzlich willkommen.

Hat es Sie überrascht, dass die Causa Molleker so hohe Wellen geschlagen hat?
Rudi hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren in puncto Förderung vom DTB alles bekommen, was möglich ist. Mit Jan Velthuis wurde sogar ein Bundestrainer für ihn abgestellt. Auch jetzt hat er wieder ein Angebot von uns erhalten.

Denken Sie, dass die Förderung durch die Verbände aussterben wird und die jungen Spieler mittelfristig komplett in Akademien trainieren werden? Molleker hat sich ja auch der Patrick-Mouratoglou-Academy in Nizza angeschlossen.
Das glaube ich nicht. Die Verbände übernehmen mit der Ausbildung des Nachwuchses nach wie vor eine unglaublich wichtige Aufgabe. Aber natürlich ist es jedem Spieler grundsätzlich freigestellt, einen individuellen Weg zu gehen.

Aber der DTB sieht sich weiter als Verantwortlicher, denn die Förderung für diese Spieler geht ja weiter?
Mit den Bundesstützpunkten bieten wir jungen Spielern eine optimale Infrastruktur für ihr tägliches Training. Doch auch wer einen anderen Weg wählt, kann von uns unterstützt werden – solange eine enge Absprache bezüglich der Trainingsinhalte und Turnierplanung stattfindet.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Boris Becker, dem Head of Men’s Tennis?
Boris ist in seiner Funktion als TV-Kommentator viel bei den Turnieren. Das ist von Vorteil für die Spieler, weil er sich vor Ort immer wieder gut einbringt, bei Trainingseinheiten dabei ist und sich viel mit ihnen unterhält. Vor und während der Davis-Cup-Woche tauschen wir uns intensiv aus. Boris war letztens in Hannover bei einem Nachwuchs-Lehrgang dabei. Auch das treibt er voran.

Wie würden Sie Beckers Rolle während der Davis-Cup-Woche beschreiben?
Er ist bei allen Trainingseinheiten dabei und ein volles Teammitglied. Boris sitzt zwar nicht auf der Bank, aber er bringt sich genauso ein wie andere auch.

Registrieren die anderen Verbände, dass der DTB einen Boris Becker im Team hat?
Es ist bei Boris schon so, dass sich jeder umdreht, wenn er durch die Umkleide oder durchs Restaurant läuft. Man merkt, da ist überall ein Riesenrespekt vor ihm.

Barbara Rittner hat beklagt, dass hinter der Generation Kerber/Görges/Petkovic eine Riesenlücke klafft. Wie sieht es in Sachen Nachwuchs im männlichen Bereich aus?
Wir konnten da wirklich aufschließen, wir haben in jedem Jahrgang ein, zwei Spieler, die gutes Potenzial haben, nach oben zu kommen.

Interview: Ulrike Weinrich

Zur Person

Michael Kohlmann, 45, ist seit 2015 Teamchef der deutschen Davis-Cup-Mannschaft, er übernahm das Amt von Carsten Arriens. 2018 führte er das DTB-Auswahl erstmals seit vier Jahren wieder ins Viertelfinale des traditionsreichen Wettbewerbs, wo das Team um Superstar Alexander Zverev, 21, allerdings knapp an Spanien mit Rafael Nadal scheiterte. Im bis dahin letzten Heimspiel hatte man unter Kohlmanns Ägide 2017 in der Frankfurter Ballsporthalle in der ersten Runde gegen Belgien verloren.

Der gebürtige Hagener Kohlmann, der im nahen Herdecke an der Ruhr lebt, war von 1995 bis 2013 selbst Tennisprofi auf der ATP-Tour, den Durchbruch in die Weltspitze schaffte er jedoch nie. Seine Top-Platzierung im Einzel war Rang 98 im Jahr 1998. Später machte Kohlmann sich vor allem im Doppel einen Namen, wo er 2007 auf ATP-Platz 27 rangierte und zwischen 2002 und 2007 insgesamt fünf Turniersiege feiern konnte. Auch im deutschen Davis-Cup-Team wurde er vorrangig als Doppelspieler eingesetzt zwischen 2000 und 2003. 2006 feierte er an der Seite von Alexander Waske ein Comeback fürs DTB-Team. 2007 erreichten Kohlmann und die Davis-Cup-Mannschaft das Halbfinale. FR

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