+
Wenigstens bei Kindern beliebt: Tom Brady, Quarterback der New England Patriots.

Super Bowl

Arroganz trifft auf Seelenlosigkeit

  • schließen

Die Patriots gegen die Rams – beim Super Bowl am Sonntag spielen die wohl unbeliebtesten NFL-Teams gegeneinander

Unter den American-Football-Fans in den USA war ein kollektives Stöhnen zu vernehmen, als die New England Patriots vor 14 Tagen im Playoff-Halbfinale Kansas City besiegten und zum neunten Mal in 19 Jahren in den Super Bowl einzogen. Ein beliebtes Internet-Meme zeigte eine verzweifelt schreiende Frau, die vermeintlich auf die Nachricht reagierte, dass sie schon wieder Tom Brady und die Patriots im Endspiel sehen muss. Die „New York Post“ fasste die Stimmung im Land treffend zusammen, als sie schrieb, die Patriots seien außerhalb der Staaten Massachusetts, New Hampshire, Maine und Vermont der Staatsfeind Nummer eins.

Man hat die Dauersieger aus Boston satt, mitsamt ihrer Selbstgewissheit und der als arrogant wahrgenommenen Ausstrahlung ihre Superstars Tom Brady, 41. „Es ist schwer jemanden zu mögen, der so perfekt ist“, schrieb die „Post“, „mit seinen Millionen und seiner Supermodel-Frau. Sogar seine verdammte Avocado-Eiscreme ist nervig.“

Insofern sollte man meinen, dass die Mehrheit des Landes vor dem Super Bowl am Sonntag (22.45 Uhr, Pro Sieben) die Los Angeles Rams anfeuert. Sie sind ein junges, frisches Team mit einem sympathischen Coach und einem energischen Quarterback. Und sie haben das Zeug dazu, die alten, selbstgefälligen Patriots endlich vom Thron zu stürzen. Doch auch die Begeisterung für die Rams hält sich in weiten Teilen des Landes in Grenzen. „Es ist schwierig, sich in diesem Jahr wirklich für eine der beiden Mannschaften zu erwärmen“, sagt der Sportkolumnist des Wochenmagazins „The Nation“, Dave Zirin.

Insbesondere in St.Louis wird man wohl kaum jemanden finden, der sich am Sonntag für die Rams begeistert. Hier hat man bitter jene Skrupellosigkeit und Kälte zu spüren bekommen, die es für die meisten Amerikaner schwer macht, am Sonntag aus ganzem Herzen das Team aus LA anzufeuern. „Die meisten Leute in Saint Louis wollen, dass die Rams am Sonntag verlieren, auch wenn man die Patriots fast genauso hasst“, sagte Rick Freeman, ein ehemaliger Rams-Fan, der „Los Angeles Times“.

Rams zogen nach Los Angeles

Rick war ein Saisonkartenbesitzer der Rams, bevor diese nach der Saison 2015 St. Louis verließen, um nach Los Angeles umzusiedeln. Er war dabei, als die Rams 1999 gegen die Tennessee Titans den Super Bowl gewannen und als sie 2001 das Endspiel ganz knapp gegen die New England Patriots verloren. Doch um das Jahr 2010 herum begann sich Rick von seiner Lieblingsmannschaft zunehmend verraten zu fühlen.

Es war die Zeit in welcher der Bauunternehmer Stanley Kroenke die volle Eignerschaft des Klubs übernahm. Der Milliardär, dem in den USA auch die Basketballmannschaft Denver Nuggets, die Eishockeymannschaft der Colorado Avalanche gehören, gelobte damals, alles zu tun, um die Rams in St. Louis zu halten. Doch viele trauten ihm nicht.

Im Nachhinein stellte sich das Misstrauen als gerechtfertigt heraus. Kroenke, der seither auch eine Mehrheit an Arsenal London erworben hat und sich als größter Sporteigner unserer Zeit zu profilieren sucht, hatte von Anfang an andere Pläne.

Kroenke wollte weg aus der Provinz und zurück in den größten Medienmarkt des Landes, Los Angeles, das seit dem Umzug der Rams 1995 kein Football-Team mehr hatte. Trotzdem ließ er die Stadt St. Louis erst noch zappeln. Er rang St. Louis Zuschüsse zur Stadionsanierung über 124 Millionen ab, nur um die Ausbesserungen dann als ungenügend abzuqualifizieren und als Ausrede dafür zu benutzen, aus dem bestehenden Vertrag auszusteigen.

In der Zwischenzeit hatte Kroenke in Los Angeles ein Grundstück gekauft und orchestrierte hinter verschlossenen Türen jenen Deal unter den NFL-Besitzern, der letztendlich sowohl die San Diego Chargers als auch die Rams nach LA brachte, wo sie ab 2021 gemeinsam im wohl extravagantesten Stadion spielen werden, das die Welt bislang gesehen hat. Mehr als zwei Milliarden soll der Spaß kosten und Kroenkes Ego ein Denkmal setzen.

Die Seelenlosigkeit des Teams und des Besitzers waren anfangs ein Handicap für die Rams in Los Angeles. Die Fans, die so lang ohne Football ausgekommen waren, zeigten sich zunächst zurückhaltend. Doch der Erfolg dieser Saison spielt Kroenke in die Hände. Der Acht-zu-Null-Lauf zum Saisonbeginn, das Superspiel gegen Kansas City, in dem so viele Touchdowns erzielt wurden wie noch nie in der NFL-Geschichte, und schließlich die Conference Championship gegen New Orleans lockten die Angelinos ins Stadion. Mittlerweile kommen regelmäßig rund 75 000 Fans in das Los Angeles Coliseum.

So wird man zumindest in Los Angeles am Sonntag bei Viewing Parties mit Chicken Wings die Rams bejubeln – so wie man in Boston ganz gewiss auch die Patriots anfeuert. Der Rest des Landes wird sich den Super Bowl hingegen eher teilnahmslos betrachten und hoffen, dass im kommenden Jahr sympathischere Teams auflaufen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion