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Der Sucht entlaufen

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Von: Frank Hellmann

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© dpa

Die Geschichte über das Leben des ehemaligen Junkies und späteren Ironman Andreas Niedrig kommt in die Kinos.

Eigentlich ist es kaum möglich, das Leben von Andreas Niedrig nicht zu kennen. Zwar kommt das Schicksal des 40-jährigen Triathleten - früher Junkie, heute Ironman - unter dem Titel "Lauf um dein Leben" erst heute in die Kinos, doch die Medienmaschinerie läuft längst auf Hochtouren. Ob Morgen- oder Mittagsmagazine, Talkshows oder Frühstücksfernsehen - der Eiserne aus Oer-Erkenschwick ist immer dabei. Überdies frisst Niedrig Kilometer - auf der Promo-Tour zwischen dem Cinedom in Köln, dem Cubix in Berlin oder dem Cinestar in Leipzig.

"Ich bin selbst erstaunt wie Regisseur Adnan Köse das umgesetzt hat. Der Film erzählt die Geschichte meines bisherigen Lebens mit allen Höhen und Tiefen. Ohne Kitsch und ohne Lüge. Es ist etwas überspitzt, aber nichts dazugedichtet worden", sagt Niedrig, der in dem 102-minütigen Streifen von Max Riemelt gespielt wird. Uwe Ochsenknecht mimt auf der Leinwand seinen Trainer.

Sein Lebenslauf hält aber auch alles bereit, was ein Film braucht: Niedrig nahm schon als Jugendlicher Drogen. Er stahl, er spritzte sich Heroin, er fuhr gegen einen Baum und war fast tot. Mit 19. Mit 22 kam er aus dem Entzug. Geheilt. Weil ihn sein Vater beim Waldlauf abhängte, entwickelte er plötzlich einen sportlichen Ehrgeiz, den Küchenpsychologen alsbald als die nächste Sucht deuteten. Ein Vorwurf, gegen den Niedrig beharrlich ankämpft: "Ich habe nicht einfach eine Sucht gegen die andere ausgetauscht." Vielmehr habe ihm der Sport vor allem "Krisenmanagement" gelehrt - und dafür taugt kaum etwas so gut wie der Ironman, über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen werden Körper und Geist in allen Facetten gefordert. Niedrigs Lebensdevise: "Man kann fast alles erreichen, wenn man will."

Der gelernte Orthopädiemechaniker bestritt 1997 in Roth seinen ersten Ironman - so schnell wie nie zuvor ein "Rookie", ein Einsteiger. 8:03 Stunden. Eine Weltsensation. In Roth wurde Niedrig dreimal Dritter und einmal Zweiter. Schon damals wurde er medial inszeniert - "nur da habe ich meine Geschichte immer nur erzählt und nicht kapiert, welche Botschaft dahinter steckt." Deshalb hat er sein vor Jahren herausgegebenes Buch selbst noch einmal umgeschrieben. Im aktuellen Rummel ist fast untergegangen, dass der zweifache Familienvater - Ehefrau Sabine kehrte zurück, als er clean war - auch wieder ein sportliches Ausrufezeichen gesetzt hat: Vor knapp zwei Wochen beim Ironman Südafrika wurde Niedrig in respektablen 8:51 Stunden auf Anhieb Neunter. Dabei hatte der dreimalige Hawaii-Starter eigentlich 2006 seine Karriere schon beendet, weil eine Entzündung am Schleimbeutel beinahe zur Amputation des Fußes geführt hatte. Neunmal musste er operiert werden - und verzweifelte fast.

"Ich hatte nie an einen Rückfall gedacht, doch in diesen Tagen verlor ich die Lust am Leben", schrieb er in seinem Buch. Damals hat er sich psychologisch helfen lassen - und heute hilft er. "Prinzip Zukunft" heißt sein simples Konzept, das er Jugendlichen näher bringt. Mit Vorträgen, Seminaren und Workshops zur Suchtprävention ist Niedrig mittlerweile auf Wochen im voraus ausgebucht.

Es ist eine mitunter bizarre Doppelrolle, in der sich Niedrig bewegt. Da ist der Medienstar, der bereitwillig erzählt, wie geschockt seine 19-jährige Tochter auf den Film reagiert hat. Und da ist der Athlet, der es sportlich noch einmal wissen will. Die Deutsche Triathlon Union hat ihn just für die Langstrecken-WM nominiert und Niedrig kündigt übermütig an, alles dafür zu tun, "einmal der Beste in meinem Sport zu sein." Mit Verlaub: Dafür müsste er fast eine Stunde schneller werden - unmöglich in seinem Alter. Viele Profiathleten sehen - freilich hinter vorgehaltener Hand - den Rummel um Niedrig auch kritisch. Einig ist sich die Szene aber: Der Film ist für sie ein Muss.

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