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Mehr als nur aufmerksame Beobachterin: Heike Ullrich, die neue DFB-Direktorin Vereine, Verbände und Ligen, bei der Frauen-EM 2017.
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Mehr als nur aufmerksame Beobachterin: Heike Ullrich, die neue DFB-Direktorin Vereine, Verbände und Ligen, bei der Frauen-EM 2017.

Heike Ullrich

Die Strippenzieherin

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Heike Ullrich ist in der neuen Organisationsstruktur des Deutschen Fußball-Bundes zur mächtigsten Frau auf operativer Ebene aufgestiegen.

Es ist ein Hingucker im Büro von Heike Ullrich und hängt direkt hinter ihrem Schreibtisch: ein auf Posterformat vergrößertes Farbfoto aus dem Jahre 1979. Sie als einziges Mädchen, das inmitten einer fröhlichen Schar von Jungen auf einem Fußballplatz einen kleinen Pokal empfängt. Der wiederum steht als Erinnerungsstück auf ihrem Büroschrank. Auf der Plakette: E-Jugend, zweiter Preis. Den Rest der Geschichte erzählt sie gerne selbst: „Das war der einzige Pokal, den ich mit meinem Verein SV WBR Wartjenstedt für unsere Dorfgemeinschaft gewonnen habe. Ich bin in einem eher ländlichen Bereich groß geworden, in dem es selbstverständlich war, dass die Mädchen mit den Jungs Fußball gespielt haben.“

Obwohl sie damals Talent, Hingabe und Ehrgeiz mitbrachte, musste sie dennoch bald mit Fußball aufhören, „weil der niedersächsische Fußballverband Mixed-Teams nicht zugelassen hat.“ Als ihre Sonderregel in der C-Jugend erlosch, wechselte sie zwangsweise die Sportart und spielte Volleyball, wo sie es beim ESV Bayreuth – wohin es die gelernte Bankkauffrau später aus Studiengründen verschlagen hatte – immerhin bis in die Bayernliga brachte. 

Seit dem 1. Januar ist die 48-Jährige in einer Position angekommen, in der sie solchen Unfug wie vor fast vier Jahrzehnten mit einem Federstrich beenden könnte. Ullrich, die zuvor die Direktion Frauen- und Mädchenfußball geführt hatte, verantwortet neuerdings den gesamten Spielbetrieb unter dem DFB-Dach. Sie koordiniert künftig DFB-Pokal, Dritte Liga, Frauen-Bundesliga oder A- und B-Junioren-Bundesliga. Als Generalsekretär Friedrich Curtius die Aufgabe an sie herantrug, erbat sie sich einen Tag Bedenkzeit. „Ich bin ein Mensch, der die Dinge gerne bewusst macht.“ 

Speziell auf Funktionärsebene sind Frauen in Vereinen und Verbänden bis heute stark unterrepräsentiert, und auch ein eigenes DFB-Programm („Leadership“) wird daran so schnell nicht so viel ändern. Der größte deutsche Sportverband führt bis heute selbst nur eine Vizepräsidentin (Hannelore Ratzeburg) in seinen Reihen. Insofern ist es bemerkenswert, welche Befugnisse der diplomierten Sportökonomin in einem Hause mit fast 400 Mitarbeitern übertragen worden sind: Als sie 1996 in der Otto-Fleck-Schneise im Frankfurter Stadtwald anfing („ungefähr als Mitarbeiter mit dem Arbeitsausweis Nummer 84“), war sie für das Teammanagement der Frauen-Nationalmannschaften und den Spielbetrieb Frauen zuständig. „Learning by doing“ unter Anleitung sei das oft gewesen. 

Dass sie in die Phalanx einer Männerwelt eindringt, hat sie bis heute nicht so empfunden. „Ich habe mich nie als Quotenfrau wahrgenommen. Ich hatte nicht eine Situation, in der ich mich unwohl gefühlt habe, weil ich als einzige Frau in einem Raum mit vielen Herren saß.“ Statt über Frauenquoten in den (Männer-)Strukturen des deutschen Fußballs zu reden, würde sie gleich noch den nächsten Schritt gehen. „Es geht auch um das Thema Generationen: Alt kann auch von Jung lernen und umgekehrt.“ 

Als ihren Mentor nennt sie Willi Hink, den langjährigen Leiter des Spielbetriebs, der nur wenige Büroräume weiter sitzt. Ullrich geht davon aus, schon bald „mehr Aufgaben mit Managementcharakter“ gestellt zu bekommen; sie freut sich darauf, „strategische Entscheidungen“ zu treffen. Ein praktisches Beispiel: „Bisher wurden die Größe der Werbefläche auf einem Trikot von drei verschiedenen Stellen geprüft. Das kann man sicherlich verschlanken.“ 

Die gebürtige Hildesheimerin gilt als kompetent und loyal, fleißig und gewissenhaft; jeder, der sie erlebt hat, preist zudem ihren ausgleichende Art. Muss sie aber nicht künftig häufiger die Ellbogen ausfahren? „Es gibt immer wieder inhaltliche Auseinandersetzungen. Immer im richtigen Rahmen, im richtigen Ton und auf die Sache bezogen.“ Angst vor unpopulären Entscheidungen hat sie keine.

Durchsetzungsstarke Vorreiterin auf Vereinsebene war Katja Kraus, ehemalige Nationaltorhüterin vom FSV Frankfurt, die zeitweise beim Hamburger SV auf Vorstandsebene arbeitete. Ullrich hat ihre Bücher gelesen und pflegt bis heute Kontakt, „und ich hole mir bei ihr auch schon mal einen Rat“. Dass am Sonntag der Bundesligist FSV Mainz 05 möglicherweise eine Frau zur Präsidentin kürt (die FR berichtete), begrüßt Ullrich: „Viele Frauen sehen es vielleicht gar nicht als Chance, sich im ehrenamtlichen Karriereweg einzubringen. Insgesamt ist es ein langer Prozess. Man sollte bei den Entscheidungsträgern das Bewusstsein schaffen, diese Türen zu öffnen. Gleichzeitig müssen die Kandidatinnen erkennen, dass ihnen tolle Wege offen stehen.“ Wer sie unterschätzt, macht einen Fehler. Auf einer Skala von eins bis zehn ihr Selbstbewusstsein verorten? „Ziemlich weit oben. Es ist in den Jahren immer stärker gestiegen“, sagt sie, ohne dabei überheblich zu klingen. „Ich stelle mich nicht in den Vordergrund“, beteuert sie einerseits. „Ich habe gelernt, dass man Themen klar vertreten muss, um sie durchzusetzen“, betont sie andererseits. 

Dass sie mit Uefa und Fifa oft im Austausch war, dürfte einer Funktionärin helfen, die von sich sagt: „Es ist sicher eine Stärke, dass ich im Haupt- und Ehrenamt ganz gut vernetzt bin.“ Ihr Terminplan wird noch voller als ohnehin: Kurzbesuch bei den Elite-Schiedsrichtern im Trainingslager auf Mallorca, Präsenz beim Neujahrsempfang der Deutschen Fußball Liga (DFL), Informationsaustausch mit DFL-Direktor Ansgar Schwenken oder Vorstellungsbesuch bei den Präsidenten der Landesverbände standen oder stehen auf der Agenda.

Für sie ist es zu früh, programmatische Ansagen zu tätigen. Und zu weit nach vorne blicken will sie schon gar nicht. „Es ist nicht mehr möglich, eine Strategie für zehn, 15 Jahre aufzustellen. Unsere Gesellschaft erwartet ständige Veränderungsprozesse.“ Um Themen mit Konfliktpotenzial kommt sie in naher Zukunft gar nicht umhin. Der Übergang zwischen den fünf Regionalligen und Dritter Liga gehört fraglos dazu. Auf dem Außerordentlichen DFB-Bundestag Anfang Dezember wurde das heikle Thema mit einem nicht unumstrittenen Kompromiss für zwei Jahre aufgeschoben. Furcht, sich daran die Finger zu verbrennen, hat sie nicht. Im Gegenteil: „In meinen 22 Jahren beim DFB ist meines Wissens schon viermal dieser Übergang reformiert worden. Es waren immer vielschichtige Diskussionen. Mir macht es Spaß, unterschiedliche Interessenslagen zusammenzubringen.“ 

Im Grunde sei es doch gar nicht so schwierig: Es gehe darum, mit der Arbeitsgruppe alle Handlungsoptionen abzuklopfen, „und dann bin ich optimistisch, dass wir für den DFB-Bundestag 2019 eine Empfehlung aussprechen können, die breite Zustimmung findet“. Hört sich fast so an, als könne sie die erste Sitzung mit den Streithähnen kaum erwarten.

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