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Strenge Geheimhaltung

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Von: Frank Hellmann

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Auch Polens Torjäger Ebi Smolarek kam gegen Albanien kaum zum Zug.
Auch Polens Torjäger Ebi Smolarek kam gegen Albanien kaum zum Zug. © Witters

Bisher versteht es der deutsche EM-Gegner Polen vortrefflich, wahre Stärke zu verbergen.

Viel verriet der putzige Schreibblock im DIN-A 6-Format nicht, den Urs Siegenthaler in Händen hielt: ein aufgedrucktes Fußballfeld, auf das allerlei Nummern und Namen, Kreise und Pfeile gekritzelt waren. Das Handwerkszeug des Chefscouts der deutschen Nationalelf, der vielleicht der aufmerksamste Augenzeuge beim Doppeltest der polnischen Auswahl im Reutlinger Stadion an der Kreuzeiche war. Dort wo demnächst der heimische SSV nicht mal mehr viertklassig kickt, stimmte sich Polen auf den EM-Auftakt gegen Deutschland ein.

Was Siegenthaler zu sehen bekam: ein maues 1:1 der B-Elf gegen Mazedonien am Montag, ein müdes 1:0 der Bestbesetzung am Dienstag gegen Albanien. Auf seine Spionagemission angesprochen, blieb der Walliser einsilbig. "Es wäre ein Fehler, Schlüsse aus den beiden Auftritten zu ziehen. Schönes Wetter war." Dazu grinste der 60-Jährige wie einer, der schon alles weiß, aber doch zur Sicherheit noch mal genau hinsah.

Die Polen, obwohl erstmals für eine EM qualifiziert, sind ja keine Unbekannten für den Scout und seinen Assistenten Christopher Clemens. Schon vor der WM waren seitenlange Expertisen über den auch damaligen Gruppengegner angefertigt worden, der schlussendlich am 14. Juni 2006 in Dortmund durch ein spätes Tor von Oliver Neuville mit 1:0 bezwungen wurde. Ein ähnlich dickes Brett wird der Favorit aus Deutschland am 8. Juni in Klagenfurt wieder bohren müssen. Wenn auch spielerisch bei den Polen derzeit wenig zusammenläuft, verbreitet deren Coach Leo Beenhakker Gelassenheit. "Wir haben nur an physischen Grundlagen gearbeitet", erklärte er, "erst jetzt geht es um Fußball." Nach dem Trainingslager in Donaueschingen steigt am Sonntag in Chorzow der finale EM-Test gegen Dänemark.

"Unsere Helden sind sehr müde. Wir sind weiter auf dem richtigen Weg", so Beenhakker unaufgeregt. Bewusst ließ der 65-Jährige in der Vorbereitung einen alten Fürstensitz in der ländlichen Abgeschiedenheit an der Donauquelle beziehen. In der Ruhe liegt die Kraft - und cooler als der niederländische Weltmann ist kaum einer. In Reutlingen lehnte der Mann mit dem schütteren schlohweißen Haar in seiner roten Trainingsjacke entspannt an einem Metallpfosten - ohne erkennbare Gemütsregung, wenn mal wieder ein einfacher Pass misslang. Ihn, der Trinidad und Tobago zur WM nach Deutschland führte, der in Spanien, Saudi-Arabien, Mexiko und der Türkei arbeitete, kann so schnell nichts erschüttern.

Einbürgerung leicht gemacht

Staatspräsident Lech Kaczynski verlieh ihm nach geglückter Qualifikation den "Orden für die Wiedergeburt Polens". Das Staatsoberhaupt setzte sich auch für Beenhakkers dringlichsten und umstrittensten Wunsch ein: die Einbürgerung des in São Paulo geborenen Roger Guerreiro. Der 26-Jährige spricht weder polnisch noch besitzt er polnische Ahnen, debütierte nun aber gegen Albanien. Gut möglich, dass die Geheimwaffe von Legia Warschau auch gegen Deutschland eingesetzt wird. Die ganze Nation fiebert dem Vergleich gegen den großen Nachbarn entgegen - noch nie hat Polen gewonnen. "Diesmal haben wir eine starke und intakte Mannschaft", sagt der Wolfsburger Jacek Krzynowek. Rechts soll Jakub Blaszczykowski von Borussia Dortmund das Spiel antreiben, vorn der ehemalige Dortmunder Ebi Smolarek wie in der Qualifikation die Tore schießen. Doch die wahren Stärken der Polen liegen weiter hinten: Wird es ernst, agiert die Elf kompakt und robust, steht gut organisiert in der Defensive. Da ist die Handschrift Beenhakkers deutlich zu erkennen. Mariusz Lewandowski und Dariusz Dudka, die Doppel-Sechs, bilden das Herzstück des Bollwerks. Und darauf basiert Beenhakkers Ankündigung: "Es ist eine unheimlich schwere Aufgabe, Deutschland zu schlagen. Aber es wird auch eine unheimlich schwere Aufgabe, Polen zu schlagen."

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