1. Startseite
  2. Sport
  3. Sport A-Z

Streit um Diem geht weiter

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Über die Rolle, die der deutsche Sportpolitiker Carl Diem (1882 bis 1962) in der Vergangenheit gespielt hat, wird schon lange diskutiert. Nun werfen Historiker die Frage auf, ob Diem Antisemit war oder nicht?

Von Erik Eggers

Es sollte das letzte Kapitel sein im dicken Buch zur Deutung Carl Diems (1882-1962). Die Tagung „Erinnerungskultur im deutschen Sport. Carl Diem und andere ‚große Männer‘ der Sportgeschichte“, die am Wochenende an der Deutschen Sporthochschule Köln stattfand, markierte den offiziellen Abschluss des seit 2004 laufenden biografischen Projektes über den Mann, der die Olympischen Spiele 1936 organisiert, 1947 die Sporthochschule gegründet und in vier politischen Systemen den Sport gelenkt hatte. Doch ein Ende der seit Jahrzehnten schwelenden Debatte ist nicht in Sicht. Nun ist über die Frage, ob Diem Antisemit war, ein heftiger Historikerstreit entbrannt.

Als „antijüdische Ressentiments“ hatte der Oberhausener Historiker Frank Becker die Tagebucheinträge und Briefe Diems in der Zeit des Kaiserreichs, in denen er Juden als „Semitenbande“ bezeichnet hatte, in seiner Diem-Biografie eingeordnet; daraufhin waren weitere Diem-Straßen, etwa in Münster, unbenannt worden. Schärfer urteilte Ralf Schäfer in einem Aufsatz für „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“, der Diem als Vertreter eines „völkisch-antisemitische, integralen Nationalismus“ beschreibt. Das habe Diem Freundschaften mit Juden gestattet, solange sie „anständige Deutsche“ waren, schreibt Schäfer, der zuvor für Wolfgang Benz, dem Leiter des Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung, Einträge für das „Handbuch für Antisemitismus“ verfasst hatte.

Beide Historiker, die diese Äußerungen Diems erstmals publiziert haben, waren nicht anwesend in Köln: Becker sieht sich als Opfer einer geschichtspolitischen Kampagne, nachdem der Beirat des Biografie-Projektes unter der Leitung von Ommo Gruppe (Tübingen) und Michael Krüger (Münster) Teile der Ergebnisse Beckers gegenüber den Projektgebern, dem Deutschen Olympischen Sportbund (DSOB), der Krupp-Stiftung und der Sporthochschule, kritisiert hatte.

Der Projektbeirat hatte im Februar in einer Empfehlung kundgetan, es gäbe keine neuen Erkenntnisse über Diem, der Sportfunktionär sei weder „Nationalsozialist noch Rassist noch Antisemit“ gewesen. Bemerkenswert ist, dass einer der Mitglieder aus diesem Projektbeirat in Köln nun ausscherte: Hans-Joachim Teichler (Potsdam) bezeichnete die Schlussfolgerungen Schäfers zwar „am Rande der wissenschaftlichen Redlichkeit“, doch stimme er zu, dass sich bei Diem der „diskrete Antisemitismus der wilhelminischen Oberschicht“ feststellen lasse.

Schisma unter Forschern

In seinem Vortrag „Carl Diem und die Juden“ betonte Manfred Lämmer (Köln) die guten Beziehungen Diems zu vielen Juden. Diems Äußerungen wie „Judenpresse“ müsse man als zeitgenössischen Redaktionsjargon auffassen, relativierte Lämmer. Auch habe Diem nicht nur die Juden, sondern auch NS-Funktionäre und olympische Funktionäre verspottet, wenn sie nicht seinen ästhetischen Vorstellungen entsprachen. Schäfers Aufsatz nannte Lämmer ein „wissenschaftliches Wagnis“; dass Diem im „Handbuch für Antisemitismus“ ein Eintrag gewidmet werde, erscheine ihm zweifelhaft, zumal der ehemalige IOC-Präsident Avery Brundage darin nicht erscheine. Es hat sich zuletzt ein regelrechtes Schisma entwickelt zwischen den Historikern, die, wie Lämmer oder Krüger, in der Sportwissenschaft verankert sind, und denjenigen, die, wie Becker und Schäfer, der Mutterwissenschaft entspringen. Gut möglich, dass die Diem-Debatte bald auch die Geschichtswissenschaft beschäftigt.

Auch interessant

Kommentare