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Frust pur: DHB-Keeper Andreas Wolff gegen Spanien.  

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Streik der Synapsen

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Das Debakel gegen Spanien hat für große Ernüchterung bei den deutschen Handballern gesorgt. Und doch könnte die Niederlage auch ihr Gutes haben. Ein Kommentar.

Es reichte, Andreas Wolff ins Gesicht zu blicken, um die Befindlichkeit des deutschen Handballs zu beschreiben. Aschfahl saß der Torwarthüne auf der Reservebank. Sein Blick verlor sich irgendwo im Nirgendwo. Ziemlich fassungslos, unübersehbar frustriert. Vor allem aber „gedemütigt“, wie es der Kolumnist der iberischen Sporttageszeitung „Marca“ am Tag nach der Klatsche gegen den amtierenden Europameister Spanien zu Papier bringen sollte. Die Ernüchterung der ach so ambitionierten deutschen Bällewerfer war bereits während der schrecklich schlechten 60 Minuten von Trondheim sicht- und spürbar. Die daraus abzuleitende Botschaft schmerzt alle Freunde des Handballs Made in Germany: Diese vom Verletzungspech heimgesuchte Mannschaft von Bundestrainer Christian Prokop genügt nicht allerhöchsten Ansprüchen.

Damit wäre eigentlich schon alles gesagt. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Natürlich fehlen verletzungsbedingt viele Stammkräfte. Natürlich kann diese runderneuerte Mannschaft noch nicht eingespielt sein. Und ja, es fehlte an diesem Nachmittag auch der Leitwolf(f). Wenn dann auch noch der Kapitän in Person von Uwe Gensheimer mehr Probleme mit sich selbst als mit seinen Gegenspielern hat, dann passiert, was niemand wirklich erwartet hat: Das Kollektiv bricht auseinander. Eine Erkenntnis, die im Mannschaftssport nicht wirklich neu ist. Das weiß natürlich auch der Bundestrainer, der sich am Samstag von seinen Leadern im Stich gelassen gefühlt haben dürfte. Alles, was er den vermeintlich besten deutschen Handballern mit auf dem Weg gab, löste sich mit dem Anpfiff in Luft auf. Der oft zitierte Matchplan füllte zwar viel Papier, in den Köpfen seiner offenkundig übermotivierten Nationalspieler streikten im entscheidenden Moment aber die Synapsen. Sie kannten zwar die Idee, aber was dann? Unzählige technische Fehler, ohne Leidenschaft und Emotion auf der Platte - es schien, als seien Prokops Spieler mit dem Anpfiff in Schockstarre verfallen. Die Spanier mussten nie an ihre Leistungsgrenze gehen und hatten letzten Endes leichtes Spiel mit den deutschen Leichtgewichten.

Solche ein gebrauchter Tag hat aber auch seine guten Seiten. Diese deutliche Niederlage ist zwar nicht mehr wegzudiskutieren, nach dem Niederschlag durch die Spanier mögen sie am Boden liegen, aber dieser Wirkungstreffer könnte oder besser sollte dazu führen, aufzuwachen.

Es wird noch ausreichend Gelegenheit geben, sich zu rehabilitieren. Einen Sieg heute Abend gegen Lettland im letzten Vorrundenspiel vorausgesetzt, warten auf die deutschen Handwerker in der Hauptrunde noch vier Spiele - und die Chance, sich aus eigener Kraft doch noch ins Halbfinale zu werfen. Das mag zum jetzigen Zeitpunkt vermessen klingen, aber es ist weiterhin möglich.

So eine Niederlage in der Vorrunde gegen ein Schwergewicht des Welthandballs hat schon einmal für ein Hallo-Wach-Erlebnis gesorgt. Vor vier Jahren waren die deutschen Handballer mit einer Niederlage – ebenfalls gegen Spanien – in die EM in Polen gestartet. Danach verloren die „Bad Boys“ kein einziges Spiel mehr. Im Finale fegten sie Spanien vom Parkett. Davon, keine Frage, ist diese Mannschaft aber noch weit, weit entfernt.

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