Hessen mögen Kendo

Stockkampf wie im Fantaysfilm

Das der japanischen Samurai-Tradition entstammende Kendo hat sich vor allem in Deutschland verbreitet. Hessen zählt zu den stärksten Bundesländern. Von Margit Rehn

Kendo hat zweifellos etwas Exotisches an sich. Wenn sich, wie bei der deutschen Mannschaftsmeisterschaft am vergangenen Wochenende in Frankfurt, mehr als 100 Kämpferinnen und Kämpfer zu ihren Aufwärmzeremonien in Kreisen zusammenfinden und jede noch so banale Dehnübung mit archaisch anmutenden Schreien (Kiai) begleiten, fühlt sich der Betrachter leicht in die Szenerie eines Fantasyfilms versetzt.

Zu derlei wilden Assoziationen trägt auch die Ausrüstung der Kampfsportler bei: Ein bodenlanges nachtblaues Gewand, das entfernt an eine Mönchskutte erinnert und absolut nicht so aussieht, als könne man sich sportlich darin bewegen, wird von diversen Schutzutensilien flankiert, zu denen auch eine Maske mit seitlich weitschweifigen Flügeln gehört, die bei handgefertigten Hochpreismodellen aus Hirschwolle besteht. Gekämpft wird schließlich mit einem Pseudoschwert aus Bambuslamellen (Shinai), das, wie Michael Walsdorf, der Sprecher des Hessischen Kendo-Verbandes (HKenV) versichert, durchaus kein harmloses Spielzeug sei, sondern, etwa bei Splitterung, auch Augenverletzungen hervorrufen könne.

Kiai muss rechtzeitig kommen

Typisch und besonders einprägsam ist darüber hinaus das laute Geschrei der Aktiven, das einer Art Wissenschaft für sich gleichkommt: "Mit dem Schrei der inneren Stimme wird Kampfbereitschaft signalisiert", sagt Walsdorf und erklärt dann, dass es für jede Schlagform einen passenden "Kiai" gibt und im fünfminütigen Duell überhaupt nur dann gepunktet wird, wenn der richtige Schrei auch noch zum richtigen Zeitpunkt erfolgt. Die darüber hinaus quasi unentwegte Intonierung so gut wie aller Bewegungsabläufe durch Kehllaute sei frei und folge keinerlei sprachlichen Regeln.

Die der japanischen Samurai-Tradition entstammende Kampfsportart, die in ihrem Herkunftsland sowohl beim Polizeitraining wie auch als Breitensportart in der Schule beliebt ist, hat in den 60er Jahren den Sprung nach Deutschland geschafft. Im Wiesbadener Judo Club sei Kendo laut Michael Walsdorf seinerzeit zuerst angeboten worden und habe sich anschließend, vom Rhein-Main-Gebiet ausgehend, vor allem in deutschen Großstädten flächendeckend verbreitet. Um eine so genannte Akademikersportart handele es sich allerdings nicht unbedingt. Die unterschiedlichsten Berufsgruppen seien vielmehr vertreten und auch vom Alter her gebe es bei den Aktiven eine breite Palette. Walsdorf: "Kendo kann auch noch in einem höheren Alter betrieben werden." Dies liege an der für den Breitensport geeigneten Philosophie, die er als "Miteinander im Kampf" bezeichnet. Der so genannte "Weg des Schwertes" unterscheide sich aber insofern vom weitläufig verwandten Aikido, als der Stockeinsatz in diesem Fall nur eine von vielen Spielarten sei und Wettkämpfe überhaupt nicht stattfänden.

Beim Kendo, wo der Wettkampf mit ritueller Note zelebriert wird, gilt Deutschland im europäischen Vergleich als führend. Und in Deutschland wiederum zählt Hessen zu den stärksten Bundesländern. Das hat sich auch in Frankfurt gezeigt, wo das Gastgeberteam bei den Männern knapp vor Bayern und Berlin den deutschen Meistertitel gewann. Bei den Frauen siegte Niedersachsen vor Berlin und Hessen.

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