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Vom Stockbett aufs Podest

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Von: Max Bosse

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Geübt ist geübt: Laura Dahlmeier springt gekonnt aufs olympische Podium.
Geübt ist geübt: Laura Dahlmeier springt gekonnt aufs olympische Podium. © rtr

Biathletin Laura Dahlmeier erfüllt sich mit dem Olympia-Gold ihren Kindheitstraum und geht nun unbeschwert in ihre weiteren olympischen Rennen.

Auf diesen Moment am Sonntagabend in Südkorea hat sich Laura Dahlmeier vor vielen, vielen Jahren im heimischen Garmisch-Partenkirchen vorbereitet. „Ich habe in meinem Kinderzimmer früher geübt, wie das ist, auf dem Podium zu stehen. Ich bin auf meinem Stockbett gestanden und habe gejubelt. Als kleines Kind habe ich den Traum gehabt und die Medaillenvergabe durchgespielt“, erzählte sie glücklich. Nun bekam die 24-Jährige auf dem Zeremonienplatz vor dem Athletendorf tatsächlich die olympische Goldmedaille umgehängt. Wie unheimlich wichtig ihr es war, diesen Moment in echt und nicht nur in der Vorstellung zu erleben, belegen die Akribie, mit der sich die Biathletin auf ihr erstes Olympiarennen vorbereitet hat und ihre Reaktionen.

„Sie hat sich jeden Schritt auf der Strecke angeschaut, wie man die Geländeübergänge laufen sollte, um effektiv und schnell zu sein. Auch am Schießstand“, berichtete Frauen-Bundestrainer Gerald Hönig bewundernd. „Das war Plan Gold. Der ist zum Glück aufgegangen.“ Zum Glück für den Bundestrainer, der schon nach dem ersten Rennen von der Sorge befreit wurde, dass es eine Wiederholung der Sotschi-Schmach geben könnte. Vor vier Jahren war die Frauenmannschaft ohne Medaille von den Spielen abgereist – hinzu kam der Dopingfall Evi Sachenbacher-Stehle.

Zum Glück aber auch für Laura Dahlmeier. Denn die Erwartungen, die nach fünf Weltmeistertiteln in Serie auf ihr lasteten, waren immens gewesen. „Jeder erwartet eine Medaille. Alle denken: Wenn sie ein normales Rennen macht, wird es reichen. Aber was ist ein normales Rennen?“, sagte sie. Der Druck kam zudem aus ihrem Inneren. „Es war ein unheimlich wichtiges Rennen für mich. Ich habe so sehr darauf hingearbeitet, dass ich irgendwann bei Olympia eine Goldmedaille gewinne. Ich habe immer versucht, meinen Weg zu gehen“, sagte sie.

Gefallen an Strecke und Schießstand hatte sie schon vor einem Jahr bei dem Testwettkampf gefunden. Doch nun waren die Abfahrten, eisig, schwieriger runterzufahren als noch an den Trainingstagen vergangene Woche. Noch weitaus größer war aber die Herausforderung beim Schießen. In Böen ließ der Wind die Fähnchen heftig Flattern. Der Goldplan sah daher vor, bewusst langsam zu schießen, um auf Veränderungen reagieren können. Diesen Mut, Zeit zu verlieren, haben nur wenige. Und das Können, dann auch tatsächlich die richtigen Veränderungen beim Anschlag vorzunehmen, noch weniger. „Sie drückt nicht ab, wenn ihr Zielbild nicht passt“, erklärte Hönig Dahlmeiers Stärke. „Schießt den gezielten Treffer erst, wenn alles passt.“

Was das heißt, führte die Olympiasiegerin beim neunten von zehn Schüssen vor: 15 Sekunden wartete sie, weil der Wind stärker wurde. In 15 Sekunden jagen andere locker alle fünf Patronen auf die Scheiben. Abzusetzen ist riskant, weil der Rhythmus verloren geht. Es muss neu gezielt werden. Doch darauf hatte sich Dahlmeier ebenfalls explizit vorbereitet. „So eine Pause ist gefährlich. Ich habe das oft trainiert“, sagte sie. Ihr Erfolgsgeheimnis: „Ob im Training oder bei den Olympischen Spielen, es sind immer die gleichen Dinge, die zu tun sind. Der einzige Unterschied liegt im Kopf.“ Mit dieser Gelassenheit blieb sie wie lediglich zwei weitere von 87 Starterinnen fehlerfrei, keine der Favoritinnen hatte dieselbe Ruhe. Als endlich alle 64 nach ihr gestarteten Biathletinnen im Ziel waren und der Sieg feststand, konnte sie endlich durchschnaufen. „Es hat gut getan, bei mir selber zu sein. Die Gefühle wahrzunehmen“, sagte sie. 

Vielleicht war der Druck, den sich Dahlmeier selbst auferlegte, deshalb so groß gewesen, weil sie nicht weiß, ob sie sich den Weltcupzirkus noch vier Jahre bis zur nächsten Gelegenheit antun will. Die Frage nach ihrer Zukunft im Biathlonsport beantwortete sie ausweichend: „Heute ist heute. Jetzt bin ich Olympiasiegerin, das war mein großer Kindheitstraum. Ich weiß nicht, was ich morgen mache. Ich weiß nicht, was ich nächstes Jahr mache.“ 

Erstmal zählt nur dieser Moment, auf den sie so lange hingefiebert hat, und am meisten freut sie sich nun auf zu Hause. „Wenn ich meine Emotionen mit meinen Freunden teilen darf“, sagt die Olympiasiegerin. Davor stehen aber noch fünf weitere Wettbewerbe an, in denen Dahlmeier aufs Neue nach Perfektion streben wird. Nur eben mit noch mehr Lockerheit. „Ich hoffe, dass wir gemeinsam für Deutschland noch einiges zu feiern haben“, sagt sie. Macht ja auch mehr Emotionen, die hinterher geteilt werden können. 

In die Verfolgung am heutigen Montag (11.10 Uhr MEZ) startet Dahlmeier nun mit 24 Sekunden Vorsprung. „Jetzt können es große Spiele für sie werden“, glaubt Kati Wilhelm, die als dreimalige Olympiasiegerin eine Ahnung davon hat, wie befreiend der ultimative Sieg sein kann. Vanessa Hinz, die im Sprint erst mit dem letzten Schuss mögliches Silber vergab und Fünfte wurde, hat ebenfalls gute Aussichten (40 Sekunden Rückstand).

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