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Bundestrainer Joachim Löw und DFB-Präsident Reinhard Grindel sind zufrieden: Der Vertrag ist unterschrieben.

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Bundestrainer Joachim Löw verlängert seinen Vertrag auch deshalb bis 2020, weil er vom DFB-Chef Reinhard Grindel alles bekommen hat, was er haben wollte.

Von Jan Christian Müller

Es war im Sommer 1998, als ein gewisser Harun Arslan sich auf verschlungenen Wegen die Telefonnummer von Joachim Löw besorgte. Löw hatte den VfB Stuttgart zum Pokalsieg, ins Finale des Europapokals der Pokalsieger und auf Platz vier der Bundesliga gecoacht. Aber dem Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder erschien der schmale Mann mit dem Pottschnitt, den hängenden Schultern und dem freundlichen Wesen zu nett und freundlich, um eine Profimannschaft anleiten zu können. Löw wurde entlassen und durch Winfried Schäfer ersetzt, was sich bald als epochaler Fehler herausstellen sollte. Just zu dieser Zeit befand sich Herr Arslan im Auftrag von Fenerbahçe Istanbul auf der Suche nach einem Chefcoach. Der Deal wurde eingetütet, und bald darauf wurde der in Hannover beheimatete Türke zu Löws Berater. Das ist Arslan auch heute noch.

Die mitunter wundersamen Usancen im Profifußball wollen es so, dass nicht etwa der nette Herr Löw persönlich dem Deutschen Fußball-Bund seine Bereitschaft zu Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung als deutscher Bundestrainer bis zum Jahr 2020 anbot, sondern dass Harun Arslan diesen Job erledigte. Mit Arslan und nicht mit dessen Mandanten Löw verhandelten also in der vergangenen Woche DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius und Verbandschef Reinhard Grindel, am Montagmorgen erfolgte eine Telefonkonferenz mit dem gesamten DFB-Präsidium, welches den millionenschweren Kontrakt abnicken musste und dies erwartungsgemäß auch einstimmig tat. Ergo soll Löw bis mindestens zur EM 2020 Deutschlands beste Fußballspieler anleiten.

Aus diesem Grund organisierte der DFB am Montag zur Mittagszeit in aller Eile eine Pressekonferenz, in ganz ähnlicher Eile übrigens, wie vor etwas mehr als einem Jahr der am 9. November 2015 zurückgetretene Wolfgang Niersbach die Medien geladen hatte, um im selben Raum der DFB-Zentrale einen Befreiungsschlag in der WM-Affäre zu versuchen. Das ging gründlich schief. Es scheint eine halbe Ewigkeit her, weil seitdem so viel passiert ist. Nur der Bundestrainer ist noch immer Joachim Löw und soll es auch im Alter von dann 60 Jahren mit inzwischen viel breiteren Schultern noch sein. Löw hatte Niersbach vor einem Jahr in einer DFB-Pressemitteilung versucht zu unterstützen („größtes Vertrauen“), musste aber bald einsehen, dass auch sein Eintreten nicht reichte, um den Präsidenten im Amt zu halten.

Mit Niersbachs Nachfolger Grindel kann Löw inzwischen bestens leben. Grindel habe sofort ja gesagt, als er vor der Europameisterschaft um einen zusätzlichen Assistenten gebeten habe, von Grindel habe er auch nach dem EM-Aus „Rückhalt und Vertrauen“ gespürt, Grindel gebe ihm die nötigen Freiheiten, „im sportlichen Bereich das zu tun, was wir für richtig halten“, und außerdem habe der DFB-Präsident ihm auch zugesagt, zeitnah die nur bis 2018 datierten Kontrakte mit Co-Trainer Thomas Schneider und Torwarttrainer Andy Köpke zu verlängern: „Das war die Voraussetzung.“

Grindel seinerseits legte Wert darauf, dem Eindruck entgegenzuwirken, er habe Löw gedrängt, den Vertrag zum am Donnerstag und Freitag in Erfurt stattfindenden Bundestag zu verlängern, um sich dort in ein besseres Licht rücken zu können. „Ich habe Jogi nicht täglich angerufen und ihn gesagt, du musst jetzt unterschreiben.“ Die Initiative, das war Grindel wichtig zu erwähnen, sei von Löw ausgegangen.

Gleichwohl finden beide Seiten den „in Buchstaben gegossenen Vertrauensbeweis“ (Grindel) gut, freilich aus unterschiedlichen Beweggründen. „Meine Erfahrung hat mir gesagt, dass es nicht gut ist, ohne klare vertragliche Grundlage und ein Bekenntnis zum Bundestrainer ins WM-Turnier zu gehen“, sagte der Präsident, „überflüssige Diskussionen dürfen nicht laufen gelassen werden“, man würde sonst in Interviews ständig danach gefragt. Löw ist die Fragerei egal, ihm kommt es vor allem darauf an, seine sportlichen Visionen langfristig umsetzen zu können und nun zu wissen, dass er mit den jungen Spielern, die er zu entwickeln gedenkt, zumindest bis 2020 zusammenarbeiten kann. „Herz und Kopf haben ja gesagt“, es mache „enormen Spaß, neue Ziele mit dieser Mannschaft anzugehen“. Eine Ausdehnung gar bis zur nächsten WM 2022 in Katar sei allerdings nicht thematisiert worden, „das wäre zu weit gewesen, einen Rentenvertrag will niemand“.

Tatsächlich sieht Joachim Löw in seinem schwarzen Rollkragenpullover mit Jackett drüber auch noch viel zu jung aus für einen angehenden Rentner. Grindel kann zudem „keine Abnutzungserscheinungen feststellen, ganz im Gegenteil“, der Verbandschef will beim Bundestrainer nach dem EM-Aus im Juli eine „zusätzliche Motivation“ diagnostiziert haben.

Löw ist nun, wie DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius nicht vergaß zu erwähnen, der aktuell am längsten im Amt befindliche Nationaltrainer weltweit. Aus der Arbeitslosigkeit hatte ihn Jürgen Klinsmann im Sommer 2004 zum Assistenten erkoren, zwei Jahre später übernahm Löw den Chefposten vom zurückgetretenen Projektarbeiter Klinsmann. Die beiden Jahre als Co-Trainer, berichtete der Freiburger mit Wahlheimat Berlin gestern rückblickend, seien für seine persönliche Entwicklung besonders wichtig gewesen. „Da habe ich die Vereinsbrille abgesetzt, mich international umgeschaut und so meinen Horizont extrem erweitert.“ Daran werde er auch zukünftig weiterarbeiten. Löw spannte den großen Bogen vom enttäuschenden Vorrunden-EM-Aus vor seinem Amtsantritt im Sommer 2004 bis heute: „Wir sind eine Benchmark im Fußball weltweit, was die spielerischen Elemente angeht. Unsere Fußballkultur hat sich verändert. Darauf können wir bei der Nationalmannschaft und im DFB stolz sein.“ Ein klein bisschen Eigenlob durfte sein an diesem Feiertag.

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