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Steffen mit Weltrekord zu Gold

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Von: Jürgen Ahäuser

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Britta Steffen freut sich über ihren Sieg über 100 Meter Freistil.
Britta Steffen freut sich über ihren Sieg über 100 Meter Freistil. © Foto: dpa

Nach 52,07 Sekunden ist die Doppel-Olympiasiegerin in Rom am Ziel ihrer Träume. Mit dem Sieg über 100 Meter Freistil ist ihre Medaillensammlung endlich komplett. Von Jürgen Ahäuser

Sie schwimmt oben, ganz oben. Britta Steffen hat es selbst mit Erstaunen gesehen. Vor vier Wochen hat sich die Berlinerin auf You Tube ihr Weltrekordrennen in ihrer Heimatstadt angesehen. "Ich konnte zum ersten Mal über die gesamte Distanz meinen Hintern sehen." Das Phänomen war einer Revolution auf dem Kleidermarkt geschuldet.

"Das krasseste Teil", in dem die Doppel-Olympiasiegerin so schnell wie nie zuvor geschwommen war, sorgt nicht nur für enormen Vortrieb, es erzeugt Auftrieb. Das Bild von der fast über dem Wasser fliegenden Britta Steffen ist aber auch ein Symbol für den Standort, an welchem die Vorschwimmerin der Republik angekommen ist. Es ist das Gefühl wie bei einem Bergsteiger. Oben auf dem Gipfel fühlt er sich völlig frei, losgelöst von allen Problemen da unten.

Psychologin nahm Britta Steffen Angst vor dem Siegen

Für Britta Steffen war es ein verdammt langer Anstieg, eine harte Tour, bei der sie sich manche Schramme einhandelte, um am Ende doch heil ins Ziel zu kommen . Gestern Abend bei der Weltmeisterschaft in Rom ging die Frau aus Schwedt wieder auf Expedition. Den letzten Achttausender, den WM-Sieg, erklomm sie im Finale über 100 Meter Freistil: Steffen gewann klar vor der Britin Fran Halsall und der Australierin Lisbeth Trickett und verbesserte ihren Weltrekord auf 52,07 Sekunden. Sie hatte es in unfreiwilliger Doppelbödigkeit angekündigt: "Der Weltmeistertitel ist das Letzte, was mir noch fehlt."

Die Dreifaltigkeit des Sports: Olympiasieg, Weltrekord und WM-Gold, sie hat sie erreicht. In Rom hätte das Streben nach Vollendung nicht besser beginnen können. Gleich am ersten Badetag flog das menschliche Tragflügelboot sie selbst beschreibt das neue Gefühl "wie Schwimmen auf einer Luftmatratze" zu einer neuen Weltbestzeit. Als Startschwimmerin der 4x100-Meter-Staffel, die Silber gewann, hatte sie nur 52,22 Sekunden gebraucht. Erfolg macht locker und nie war Britta Steffen so locker wie heute. Sie hat sich freigeschwommen. Freigeschwommen von jeder Menge Ängste, von Selbstzweifeln und vom Druck, den sie sich selbst auferlegte.

Davongeschwommen ist sie auch ihrer ehemaligen Klubkollegin Franziska van Almsick, vor deren sportlicher Übergroße sie lange, lange Zeit "regelrecht Angst" hatte. Umso interessanter ist, dass Britta Steffen sich genau desselben Umfelds bedient, das auch die Weltmeisterin von Rom 1994 die meiste Zeit ihrer Karriere betreute.

Argwohn ärgerte die Schwimmerin

Für die angenehmen Begleiterscheinungen, die große Titel nun mal mit sich bringen, ist die frühere van Almsick-Managerin Regine Eichhorn zuständig, und die tägliche Fron im Wasser und an Land wird mal väterlich, mal im Kasernenhofton von Norbert Warnatzsch begleitet. In langen Jahren hat sie mit Hilfe der Psychologin Friederike Janofske auch die Angst vor dem Siegen abgelegt. Auf 50 Prozent schätzt sie den Einfluss, den der Kopf auf ihre Leistung hat. In übertriebener Selbstbescheidenheit taxiert die Schwimmerin den Anteil, den ihr Trainer am Erfolg hat, ebenfalls auf 50 Prozent.

Britta Steffen, die vor einem Jahr bis zu ihrem ersten Olympiasieg praktisch vor der Weltöffentlichkeit und auch ein wenig vor sich selbst auf der Flucht war, ist in Rom locker und fröhlich wie nie. Herausforderungen begreift sie im Gegensatz zu früher, als "eine Chance, um daran zu wachsen". Sie hat die Favoritenrolle angenommen, "ich will Weltmeisterin werden", aber sie sagt auch: "Wenn es damit nichts wird, dann ist das auch kein Weltuntergang." Unabhängig von diesem Triumph hat sie sich ohnehin die Olympischen Spiele 2012 als Ziel gesetzt. Starallüren sind der angehenden Wirtschaftsingenieurin fremd. Ihr Lieblingsspruch ist: "Wer glaubt etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden."

Es ist gerade mal drei Jahre her, als Britta Steffen die Schwimmwelt verblüffte. Bei der Europameisterschaft in Budapest gewann die bis dahin nur eingefleischten Experten bekannte Berlinerin vier Goldmedaillen und knackte zum Erstaunen aller den Weltrekord über 100 Meter. Der Leistungssprung der Schwimmerin weckte jede Menge Argwohn, der die Athletin mächtig ärgerte. Sie verwies auf ihre acht Europameistertitel, die sie als Juniorin gewonnen hatte, bevor sie zunächst an ihren eigenen psychischen Problemen scheiterte.

Heute begegnet sie kritischen Fragen damit, dass sie frank und frei sagt: "Die Dopingfahnder können alles von mir haben."

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