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Jüngster Sieger beim ATP-Finale in London und Nachfolger von Alexander Zverev: der erst 21 Jahre junge Stefanos Tsitsipas.

ATP-Finale in London

Stefanos Tsitsipas: Der furchtlose Tennis-Jesus

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Der Weltmeister aus Griechenland will an die Spitze, so lange die drei Altstars noch mitspielen.

Es war schon spät an seinem größten Tennistag, als Stefanos Tsitsipas noch immer nicht wirklich schlauer war. Das Finalmatch gegen den lange unbeugsamen Österreicher Dominic Thiem, der nervenzehrende Tiebreak-Krimi im Entscheidungssatz, schließlich der WM-Triumph in Londons Arena mit den allerletzten drei gewonnenen Punkten zum hauchdünnen 6:7 (6:8), 6:3, 7:6 (7:4)-Erfolg. „Unfassbar“ sei das Ganze, „nicht von dieser Welt“, befand Tsitsipas: „Ich weiß jetzt gar nicht, wie ich das alles begreifen soll. Es ist zu viel des Guten.“

Aber er war, keine Zweifel, der verdiente, würdige Weltmeister der Tennisprofis. Der jüngste Champion seit Lleyton Hewitt 2001, mit gerade mal 21 Jahren. Und auch dies war Stefanos Tsitsipas: Ein Karrieresprinter, der die filmreife Tellerwäscher-Millionärs-Story auf seine Art in Szene setzte – nämlich vom WM-Sparringspartner der Superstars noch im Jahr 2016 bis zum Titelhelden im November 2019, bei seinem Turnierdebüt. Und mehr soll nun, nach dem „WM-Märchen“, noch kommen, sehr bald schon, wenn es nach Tsitsipas geht: „Ich spüre, dass ich ganz nahe dran bin an einem Grand-Slam-Sieg“, sagte er am Sonntag. Nach einem Titelmatch, bei dem man erstmals das Gefühl hatte, niemand vermisse im Hier und Jetzt die alten Herren der Branche, die Federers, Nadals und Djokovics.

Das Endspiel hatte Tsitsipas fast so sehr gedreht wie das ganze Jahr 2019, ein Jahr, in dem es auch ganz andere, viel dunklere Momente gab. Wenig sprach Mitte der Saison dafür, dass ausgerechnet er das Schlusswort im Welttennis haben könnte. Tsitsipas war in eine schwere Leistungs- und Sinnkrise gestürzt, nach seinem Erstrundenaus in Wimbledon gegen den Brasilianer Thomas Fabbiano verbarrikadierte sich der Grieche tagelang in einem Hotelzimmer, „Tennis war auf einmal der Horror für mich geworden“, so Tsitsipas. Die Tournee des Missvergnügens ging weiter, Niederlage folgte auf Niederlage. Dann kamen die US Open – und mit ihnen ein Blackout bei der nächsten Auftaktpleite gegen den Russen Andrej Rublew. Tsitsipas geriet in Streit mit einem französischen Schiedsrichter, nannte den Unparteiischen einen „Spinner“. Er sei über sich selbst „erschrocken“ gewesen, sagte er später: „Ich wusste: Ich muss etwas tun.“

Eiserne Arbeitsauffassung

Doch Tsitsipas griff nicht zu den handelsüblichen Werkzeugen, er entließ niemanden aus seinem Team, er bastelte auch nicht an Schlägen oder der Taktik herum. Stattdessen beschränkte er seine Internetaktivitäten radikal, verließ einige Social-Media-Portale und machte sich rar und rarer in der virtuellen Öffentlichkeit. „Es half mir einfach, innere Ruhe zu finden“, sagt er, „du wirst verrückt, wenn du alle paar Minuten etwas im Internet liest. Oder selbst Nachrichten absetzt.“

Umso sichtbarer wurde der 21-Jährige im Herbst wieder an seinem Arbeitsplatz, fast immer erreichte er die letzten Turnierrunden, schlug in Shanghai auch den Weltranglistenersten Novak Djokovic. Der Umschwung verlieh ihm auch das nötige Selbstvertrauen, das starke Ego, um es in London mit den Besten aufzunehmen. Das Meisterstück vor dem Sprung auf den WM-Thron war der Halbfinalsieg gegen Roger Federer, bei dem er mit Eiseskälte und Leidenschaft zugleich elf von zwölf Breakchancen des Maestro abwehrte.

Tsitsipas wirkt oft ein wenig zerstreut, sogar abgedreht. Manche seiner Kollegen halten ihn auch für schrill, hinter seinem Rücken wird oft über „Professor Tsitsi“ oder den „Tennis-Jesus“ gelästert. Doch vielen ist der Spaß auf dem Centre Court vergangen: Denn mag Tsitsipas auch eine Aura des lässigen Hippies verbreiten, mag er zuweilen auch wie der ewige Beachboy mit braungebrannter Haut und wehenden Locken erscheinen – in den Duellen auf dem Platz kann er stahlhart sein. Tsitsipas führt seine eiserne Arbeitsauffassung auf den strengen Einfluss von Mutter Julia zurück, einer ehemaligen Top-200-Spielerin mit russischen Wurzeln: „Sie legte ganz früh den Schwerpunkt darauf, dass ich mit Disziplin und Köpfchen spiele.“ Geprägt hat ihn auch ein Erlebnis vor fünf Jahren – damals rettete ihn sein Vater in allerletzter Sekunde beherzt vor dem Ertrinken im Meer vor Kreta: „Das hat mir eine gewisse Furchtlosigkeit verliehen. Angst, richtige Angst, habe ich in einem Match nie.“

Auf der Höhe seiner Tenniskunst strahlt Tsitsipas als der kompletteste Spieler jener jungen Wilden auf, die eine Wachablösung an der Spitze anstreben. Er verbindet Power mit Präzision, er kann in ermüdenden Grundlinienduellen genau so wie bei Netzattacken punkten. Als „coolen, kreativen, strategischen Typ“ bezeichnet ihn Patrick Mouratoglou, in dessen südfranzösischer Akademie Tsitsipas eine zweite Heimat gefunden hat. Tsitsipas habe, so Mouratoglou, „fast immer die richtige Lösung für ein Problem.“ Als Tsitsipas im Januar das Gastspiel von Federer bei den Australian Open im Achtelfinale beendete, erwies sich der Newcomer zunächst als Realist: „Die Spieler da vorne, die sind unglaublich beharrlich, sie gehen nicht einfach so weg.“ Nun findet Tsitsipas, es seit Zeit, größer und kühner zu denken: „Es wäre schön, an die Spitze zu kommen, wenn Nadal, Federer und Djokovic noch spielen. Und nicht, wenn sie schon aufgehört haben.“

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