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Uni statt WM

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Von: Jürgen Ahäuser

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Hofft auf das Finale: Marco di Carli.
Hofft auf das Finale: Marco di Carli. © dpa

Während der Frankfurter Marco di Carli auf den Finaleinzug hofft, büffelt Kollege Jan-Philip Glania an der Uni. Das Dilemma des 24-jährigen ist auch eines des deutschen Schwimmsports.

Während der Frankfurter Marco di Carli auf den Finaleinzug hofft, büffelt Kollege Jan-Philip Glania an der Uni. Das Dilemma des 24-jährigen ist auch eines des deutschen Schwimmsports.

Jan-Philip Glania ist Deutschlands bester Rückenschwimmer. Er war Olympiateilnehmer in London und ist im vergangenen Jahr in den nur sechs Männer und Frauen umfassenden A-Kader, die sehr dünne Elite des Deutschen Schwimmverbandes, berufen worden. Bei der Weltmeisterschaft in Barcelona, die am Sonntag auch für die Beckenschwimmer beginnt, wird der gebürtige Fuldaer allerdings fehlen. Der für die SG Frankfurt startende Athlet verzichtet auf eine Teilnahme und forciert stattdessen lieber sein Zahnmedizinstudium an der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität in Frankfurt. Kurze Vollzeitkarriere als Sportler oder Vorsorge für das Leben danach? Das Dilemma des 24-jährigen Jan-Philip Glania ist auch eines des deutschen (Amateur)-Sports.

Der ehemalige Sportdirektor des seit Jahren um eine stabile Wasserlage kämpfenden Verbandes, Örjan Madsen, war während seiner Amtszeit mit der knallharten Forderung angetreten, alle Spitzenschwimmer müssten sich allein auf ihren Sport konzentrieren. Manche taten das, andere wie der ebenfalls für Frankfurt startende Medizinstudent Helge Meeuw fuhren zweigleisig.

Mal Welt- mal Kreisklasse

Der Frankfurter Cheftrainer Michael Ulmer sähe es auch lieber, wenn sich seine Sportler für eine gewisse Zeit ganz auf den Leistungssport konzentrieren könnten. „Aber wir haben hier nun mal nicht die Bedingungen wie die großen Schwimm-Nationen USA oder Australien.“ Und mit einem Stützpunkt wie in Essen, dem von Stadt, Verband und Sponsoren kräftig unter die Arme gegriffen wird, kann die Schwimmgemeinschaft vom Main auch nicht mithalten. Die Stadt Frankfurt ist gerade dabei den heimischen Schwimmern mit einer saftigen Gebührenerhöhung das Wasser abzugraben. „Ein Ding der Unmöglichkeit“, kann sich der ansonsten immer viel Ruhe ausstrahlende Coach richtig echauffieren. Trotz aller Widrigkeiten gelingt es immer wieder Spitzenschwimmer hervorzubringen und auch nach Frankfurt zu holen.

Seit 2004 gehört Marco di Carli zur Elite von Deutschlands Wassersprintern, und seit 2006 krault er für die SG Frankfurt. Die Karriere des nicht auf den Mund gefallenen Athleten lässt sich griffig auf die Formel bringen: mal Welt- mal Kreisklasse. Di Carli hat sich mit einiger Mühe als Dritter des 100-Meter-Finales bei der Deutschen Meisterschaft für den Badewettkampf auf dem Mont Juic qualifiziert.

Weil Steffen Deibler sich über die 100 Meter Delphin mehr Chancen ausrechnet, darf die Carli in der Königsdisziplin bei der WM auch als Einzelstarter ins Wasser hechten. Eine Bürde muss der durch die Sportfördergruppe der hessischen Polizei leidlich abgesicherte Sprinter dabei nicht mehr tragen. In Barcelona geht er befreit an den Start.

Mehr Zeit zur Erholung

Vor zwei Jahren reiste der aus Loningen in Niedersachsen stammende Schwimmer als Weltranglistenerster zur WM in Schanghai und ging im Strudel der globalen Konkurrenz schon frühzeitig unter. Mit dem Problem als halbwegs große Nummer zu einem Großereignis anzureisen und dann als – Entschuldigung – bleierne Ente wieder aufzutauchen, steht der 28-Jährige nicht allein. „Das ist ein Problem des deutschen Schwimmsports“, stellt Ulmer nüchtern fest.

Die Phase des „Taperns“, die Phase, um sich zwischen zwei Wettkämpfen richtig zu erholen, gleichzeitig aber den Formaufbau für die nächsten Wettkämpfe gekonnt zu steuern, diese Phase haben DSV-Athleten und –trainer seit mehr als einer Dekade allzu häufig gründlich vermasselt. Unter dem neuen Bundestrainer Henning Lambertz (Essen) wird nun eine neue Methode erprobt. Statt zwischen der enorm harten Qualifikation und dem wichtigsten Ereignis des Jahres nur sechs bis acht Wochen zu tapern, ist die aktive Erholungsphase auf zwölf bis 14 Wochen ausgedehnt worden. Michael Ulmer hält das für die richtige Entscheidung. In Katalonien sollte allerdings niemand damit rechnen, dass die deutschen Schwimmer vor Kraft und Selbstvertrauen geradezu explodieren. Die Wassersportler gelten als mental immer noch sehr anfällig. 48,24 Sekunden ist die Bestzeit von Marco di Carli. Das ist immer noch Deutscher Rekord und war genau jene Marke, die ihn 2011 zum Weltranglistenersten machte. Die Form seines Athleten bezeichnet Ulmer nach einigen gesundheitlichen Problemen als „aufsteigend“. Bei der WM traut der Coach seinem einzigen Barcelona-Fahrer eine 48er-Zeit zu. Um das Finale zu erreichen müsste der 28-Jährige wohl sehr nahe an seiner Bestzeit kratzen. Da wiegt Michael Ulmer den Kopf ein wenig. Doch der Trainer weiß selbst: Sein Schwimmer mit dem roten Schopf ist eigentlich immer für eine Überraschung gut.

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