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Die schnellsten Frauen: Dera Dida, Mare Dibaba, Nancy Kirop und Betsy Saina (von links).

Frankfurt-Marathon

Ein starkes Starterfeld in Frankfurt

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Nie standen beim Frankfurt-Marathon so schnelle Frauen und so prägende Persönlichkeiten am Start.

Irgendwann sah Christoph Kopp den Zeitpunkt gekommen, die aus seiner Sicht etwas einseitige Gesprächsrunde zu unterbrechen. Der Sportliche Leiter beim Frankfurt-Marathon, der seit gefühlter Ewigkeit die Elitefelder zusammenstellt, hatte zwei äthiopische Sieganwärter für den Sonntag neben sich gesetzt: Kelkile Gezahegn, den Vorjahreszweiten, der nach 2:06:56 Stunden in die Festhalle stürmte. Ein schüchterner Mann, der seinen 14. Marathon angeht, angeblich erst 22 Jahre alt ist, aber viel älter aussieht. Und Mare Dibaba, die vor acht Jahren in Frankfurt in 2:25:27 ins Ziel kam, drei Jahre danach Marathon-Weltmeisterin wurde und nun in die Mainmetropole zurückkehrt. Eine reife Frau, die mit 29 Jahren viel zu sagen hatte. Musa Roba-Kinkal, in Gelnhausen lebender Ehemann der an einer Schambeinentzündung leidenden Spitzenläuferin Fate Tola, übersetzte eifrig, als Kopp darum bat, „dass auch dem jungen Mann ein paar Fragen gestellt werden“. 

Ein Randnotiz vom Athletengespräch, die für das Motto für den ältesten deutschen Stadtmarathon stand: Die Frauen stehen im Vordergrund, die Männer rücken in den Hintergrund. Vielleicht nie so krass wie bei der 37. Auflage. „Wir haben das in der Breite der Spitze vielleicht beste Frauenfeld der Veranstaltungsgeschichte“, sagt Renndirektor Jo Schindler.

Kopp hat zehn Frauen mit persönlicher Bestzeit unter 2:25 Stunden verpflichtet: „Diese große Dichte führt hoffentlich zum Erfolg.“ Die Halbmarathonzeit von exakt 70 Minuten soll ihnen den Weg weisen, um endlich den Streckenrekord bei den Frauen – aufgestellt von der Äthiopierin Meselech Melkamu vor sechs Jahren (2:21:01) – zu unterbieten. „Wir bohren seit fünf Jahren an diesem Thema und rennen seit fünf Jahren an die Tür. Irgendwann haben wir das Loch drin“, sagt Schindler. „Mare Dibaba ist von ihrer Bestzeit unter 2:20 die prädestinierte Läuferin dafür.“ 

Die 1,51 Meter kleine Läuferin ist in der Heimat ein Star. „Ich bin nicht so bekannt wie Haile Gebrselassie, aber die Menschen sprechen mich oft an“, erzählt die 29-Jährige. Als sie 2016 in Rio de Janeiro die Bronzemedaille gewann, erhöhte sich der Promi-Faktor noch einmal. Was kann die Siebte vom London-Marathon (2:27:45) in Frankfurt leisten? „Eine Zeit zwischen 2:20 und 2:23 ist möglich.“ Zu ihrer Power passt die Schlagzeile, die Äthiopien erst dieser Tage machte: Eines der bevölkerungsreichsten Länder Afrikas hat erstmals eine Frau zur Staatspräsidentin gekürt: Sahle-Work Zewde. Für die patriarchisch geprägten Gesellschaften in Ostafrika eine Sensation, die Mare Dibaba so kommentiert: „Ich bin stolz auf mein Land und mit der Regierung zufrieden. Ich möchte dazu beitragen, dass die Arbeit der Frauen anerkannt wird.“ 

Aber auch ihre Konkurrentinnen aus Kenia sind diesmal richtig starke Persönlichkeiten. Wie die gerne lächelnde und schnell sprechende Betsy Saina. Das Talent der Paris-Siegerin (2:22:56) fiel bei kenianischen Juniorenmeisterschaften auf, so dass sie 2009 an der Iowa State Universität ein Stipendium erhielt. Sie studierte Landwirtschaft und Biologie – und legte sich einen völlig neuen Blick auf die Welt zu. „Alles hat sich für mich verändert. Der Sport hat mir geholfen, eine selbstbewusste Frau zu werden.“ 

Zwei Schwestern folgten ihr in die USA, zwei Brüder leben noch in der Heimat. Sie pendelt zwischen den beiden Welten. Wenn sie in der Heimat ist, dann wundert sie sich häufig über eine gewisse Nachlässigkeit. „Wenn jemand in Kenia sagt, er besucht dich um sieben Uhr und er kommt dann um zehn, ist das normal.“ Die 30-Jährige lebt in einem anderen Rhythmus, vor allem seit sie der italienische Weltklassetrainer Renato Canova betreut. Das beinharte Programm sieht je vier über den Tag verteilte Tempoläufe über zehn Kilometer in 35 Minuten vor, „einmal sind wenige Minuten, einmal drei, vier Stunde Pause dazwischen“, erläutert sie. „Am Anfang hatte ich davor Angst, jetzt merke ich, das es meine Mentalität stärkt.“ 

Mit ihr steht Nancy Kiprop am Start, deren Vita nicht minder kraftvoll wirkt. Die 29 Jahre alte Wien-Siegerin (2:24:18) hat nicht nur zwei eigene Kinder, sondern fünf weitere im kenianischen Läufer-Eldorado Iten adoptiert. Ferner unterstützt sie ein Schulprojekt, um 64 benachteiligten Kindern den Zugang zur Bildung näherzubringen. Am Freitag stellte sie sich gemeinsam mit der US-Amerikanerin Sara Hall fürs Fotoshooting auf, die vor drei Jahren in einer bemerkenswerten Aktion vier Mädchen aus Äthiopien adoptiert hat (die FR berichtete). Die 35-Jährige geht in Frankfurt das zweite Mal auf ihre persönliche Bestzeit (2:26:20) los. Bald fliegt sie dann wieder nach Äthiopien, wo sie ein eigenes Projekte vorantreibt, um einigen von rund 60 000 Straßenkindern ein besseres Leben zu ermöglichen. 

Die Ehefrau des US-amerikanischen Weltklasseläufers Ryan Hall, der gleichzeitig ihr Trainer ist, sieht an ihrer ältesten Adoptivtochter, der gerade volljährig gewordenen Hana, wie Sport beim Ankommen in einer fremden Umgebung helfen kann. „Sie hatte es in einer völlig neuen Kultur am schwersten von allen“, erzählt sie, aber ein Cross-Country-Team an der Arizona University hätte die Persönlichkeit geformt. „Sie trainiert oft mit mir, läuft voller Leidenschaft“. Und tritt vielleicht sogar in die Fußstapfen der Ersatzmutter. Auch Sara Hall unterstützt den Frankfurter Frauen-Weg voller Überzeugung. 

 Die Organisatoren setzen den Akzent nicht grundlos: Bei allen großen Marathon-Events sind Frauen im Vergleich zu den Männern immer noch deutlich in der Minderzahl. In Frankfurt sind knapp ein Viertel der bislang gemeldeten 13 792 Läufer und Läuferinnen über die 42,195 Kilometer weiblich. Schindler: „Wir haben den Wunsch, diesen Prozentsatz im Breitensport zu erhöhen.“ Dazu sollen eine Social-Media-Kampagne (#marathongirls) oder ein von Schindlers Mitarbeiterin Petra Wassiluk demnächst initiierter Frauen-Lauftreff beitragen. Der Veranstalter: „Wir wollen damit die Scheu nehmen, sich an der Herausforderung Marathon zu versuchen.“ Denn das grundsätzliche Interesse ist vorhanden: Über die Staffeln, den Mini-Marathon bis hin zum Struwwelpeterlauf für die Kleinsten steigt der Anteil der Frauen und Mädchen auf fast 50 Prozent.

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