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Alexander Zverev - ein kompletter Spieler.

Kommentar Alexander Zverev

Ein Star, der lernen muss

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Einen neuen Tennisboom dürfte Alexander Zverev wohl nicht auslösen - dazu ist er zu wenig massenkompatibel. Ein Kommentar.

Er könne es noch gar nicht glauben, nicht begreifen, was da gerade geschehen war. Worte, die nach großen Triumphen bei manch Sportler etwas Floskelhaftes haben, sie waren bei Alexander Zverev eine Tatsache. Die Überraschung, sie war dem jungen Mann, dem 21-jährigen Hamburger, der in Monte Carlo lebt, anzusehen, sie überwältigte ihn. Als er am Sonntag den Coup perfekt gemacht hatte, sich in London gegen die besten Tennisprofis durchzusetzen und erstmals seit 23 Jahren, seit Boris Becker, das Saisonfinale für sich zu entscheiden, da wusste Zverev nicht wohin mit seiner Freude. Statt zu strahlen, wirkte sein Blick geschafft. Statt zu jubeln, irrte Zverev auf dem Platz umher. Das war authentisch, echt, ein versteckter Glücksmoment.

„Sascha ist durch diesen Triumph als Star angekommen. Der Titel von London zeigt, dass er der Größte der neuen Generation ist“, sagte Boris Becker. Und die reinen Fakten stützen die These des ehemals besten deutschen Tennisspielers. Zum zweiten Mal nacheinander beendet Zverev die Saison als Weltranglistenvierter, dieses Jahr waren nur Finalgegner Novak Djokovic, 31 Jahre alt, Rafael Nadal, 32, und Roger Federer, 37, besser. Wenn die drei Altmeister in absehbarer Zeit ihre Karrieren beenden, scheinen weitere Titel für Zverev - auch bei den für ihn bisher enttäuschenden Grand-Slam-Turnieren - die logische Folge. 

Zverev ist ein kompletter Spieler. Starker Aufschlag, gute Grundlinienbälle, ordentlich am Netz, und ein fitter Körper, der letztlich am Ende einer kräftezehrenden Saison in London der entscheidende Faktor gegen die älteren Kollegen gewesen sein dürfte. Sportlich, das ist keine allzu gewagte Behauptung, wird Zverev noch viele weitere Jahre bei den ganz Großen mitmischen. Die zweite Herausforderung ist die Rolle als Star auszufüllen. Boris Becker etwa, er wusste die Massen nicht nur auf dem Platz, sondern auch abseits davon zu begeistern. Er löste gar den Boom einer ganzen Sportart aus. 

Davon ist Zverev weit entfernt, nicht wenige Kritiker werfen ihm eine gewisse Hochnäsigkeit vor. Um es vorsichtiger auszudrücken, ist Zverev aktuell zumindest noch nicht wirklich massenkompatibel. Entsprechend ging auch das so erfolgreiche Turnier in London lange nahezu unter. Im freiempfangbaren Fernsehen gab es keine Livebilder, bei Pay-TV-Sender Sky sahen das Halbfinale gegen Federer im Schnitt lediglich 90 000 Menschen, das Finale gegen Djokovic immerhin 150 000. Zum Vergleich: Den Testkick der Fußball-Nationalelf gegen Russland verfolgten sieben Millionen bei RTL. Neben der sportlichen Entwicklung steht Zverev also noch eine zweite, wesentlich kompliziertere bevor. Die, in die Rolle des Stars einer ganzen Sportart zu schlüpfen. Authentizität wie nach dem Triumph von London wird dabei helfen.

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