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Rückendeckung von Bayern-Boss Rummenigge: Jürgen Klinsmann.
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Rückendeckung von Bayern-Boss Rummenigge: Jürgen Klinsmann.

FC Bayern München

Stammplatz für den Trainer

Jürgen Klinsmann sieht seine Mannschaft in einer "Phase der Neudefinition" und erhält Rückendeckung von Bayern-Boss Rummenigge. Von Jan Christian Müller

Von Jan Christian Müller

Karl-Heinz Rummenigge hat sich gestern am Telefon keine Blöße gegeben. Der ehemalige Weltklassestürmer ist Boss der Bayern München AG und damit auch Boss von Jürgen Klinsmann. Zuvor war er Vorgesetzter von Ottmar Hitzfeld. Als jener im November 2007 in der Uefa-Cup-Partie gegen die Bolton Wanderers drei Spieler schonte, weil 42 Stunden später ein Ligaspiel gegen den seinerzeit amtierenden Meister VfB Stuttgart anstand, sagte ein erzürnter Rummenigge angesichts des 2:2 gegen die harmlosen Engländer: "Ich bin stinksauer. Die Leute haben das Recht, die beste Mannschaft zu sehen." Das ging hart und präzise gegen Hitzfeld.

Zehn Monate später hat Rummenigge in Weichspüler gebadet: Er sagt, er äußere sich nicht zur misslungenen Rotation des Hitzfeld-Nachfolgers Jürgen Klinsmann. "Das muss ich nicht." Rummenigge legt Wert darauf, dass es "kein Gespräch" mit Klinsmann zur aktuell angespannten Lage gegeben habe. "Warum sollte es das geben? Klinsmann entscheidet ganz allein." Es gebe darüber hinaus auch keinen Grund, "die Ziele infrage zu stellen: Wir wollen nach wie vor Deutscher Meister werden. Wir werden nicht nervös."

Bloß keine Panik machen. Da sind sich die Bayernbosse einig. Ihr Trainer hat auch ohne spitze Bemerkungen aus der Führungsetage schon den zweitschwersten Job im Bundesland, gleich nach Günther Beckstein. Der eine hat zu langsam reformiert, der andere zu schnell. Die Folgen sind ähnlich: Beckstein und Klinsmann brauchen jetzt, da die kühle Herbstluft dünner wird, Verbündete. Und beide müssen balkendicke Schlagzeilen ertragen.

Klinsmann kennt das, er war mal Bundestrainer und hat 1:4 in Florenz gegen Italien verloren. Das galt als ähnliche Katastrophe wie das Abschneiden der CSU am Sonntag. Die böseste Kritik kam damals von denen, die ihm jetzt beistehen müssen. Das ist einigermaßen grotesk. Er sagt: "Wenn du bei Bayern verlierst, kommen viele hinterm Baum hervor und geben ihre Meinung ab." In Wahrheit ist es schlimmer: Wenn du bei den Bayern verlierst und Klinsmann heißt, gibt es noch viel mehr bemannte Bäume. Statt Häme gab es nach dem 0:1 in Hannover und vor dem heutigen Spiel in der Champions League gegen Olympique Lyon (20.45 Uhr, Premiere) allerdings profunde Kritik: "Keine Stammelf, keine Hierarchie, kein System", schimpft die AZ. "Der Trainer Klinsmann vermittelt derzeit keinen starken und souveränen Eindruck", findet der Kicker. Einen "innerbetrieblichen Störfall" hat die FAZ, ein "Team von braver Blässe" die SZ ausgemacht. Selbst das "Jürgen Klapptnix"-Bild in Bild weicht einer kühlen Fehleraufreihung.

Als Klinsmann sich im März 2006 nicht beim Trainerkongress in der Heimat blicken ließ, zürnte Bayern-Präsident Franz Beckenbauer, da fehle einem die Kinderstube. Zuvor schon hatte Manager Uli Hoeneß nicht mehr an sich halten können: "Der soll nicht ständig in Kalifornien rumtanzen und uns hier den Scheiß machen lassen." Hoeneß und Beckenbauer sind nun gemeinsam mit Rummenigge die Männer, auf die Klinsmann zählen muss. Sie haben sich gemeinsam dem größten, teuersten und wagemutigsten Reformprojekt des deutschen Vereinsfußballs ausgeliefert. Nun bleibt dem mächtigen Trio, falls es von ersten Zweifeln gequält wird, gar keine Wahl: Sie müssen sie leugnen. Also sagt ein matt wirkender Hoeneß nach der Nicht-Leistung von Hannover folgerichtig: "Die Niederlage hatte nichts mit der Rotation zu tun."

Hoeneß gilt, so sehr das angesichts der Irritationen der Vergangenheit verwundern mag, als Vertrauter eines Trainers, der zu viel auf einmal wollte. Der versucht, seinen Leitspruch, jeden Spieler jeden Tag besser zu machen, zu leben, indem er die von Hitzfeld jedenfalls nicht besser gemachten Breno (zwölf Millionen Euro teuer) und Sosa (achteinhalb) immerhin mal mitspielen ließ.

Klinsmann und seiner Armada an Helfern (elf) muss es nun gelingen, die ferne Zukunft, für die der 19-jährige Breno steht, mit den Ansprüchen an die Gegenwart (Lucio, 30, sah das Spiel in Hannover kerngesund auf Pay-TV daheim in München) zu verknüpfen. Das ist bislang misslungen. Vielleicht auch deshalb, weil sich Klinsmann keinen erfahrenen Mann wie Joachim Löw als Co-Trainer holte, sondern den im europäischen Fußball unbeleckten US-Amerikaner Martin Vasquez. Und sicher auch darum, weil der Abnutzungskampf in der Bundesliga viel härter ist als in Testspielen gegen Nationalmannschaften, deren Motivation kleiner ist als ihr großer Name. Das Prinzip "Versuch und Irrtum" wird in nationaler und europäischer Eliteliga gnadenlos bestraft.

Der Mittelstürmer Klinsmann hatte sich einst ausbedungen, niemals aus einer ersten Elf rotiert zu werden. Als er im Frühjahr 1995 einen Vertrag mit dem FC Bayern schloss, kostete es Hoeneß die größte Mühe, die geforderte und zuvor bei den Tottenham Hotspurs durchgesetzte Stammplatzgarantie aus dem paraphierten Vertragswerk zu entfernen.

Diese Stammplatzgarantie im ausgeprägten Mannschaftssport Fußball gehört zu den größten Mysterien des an Rätseln reichen Menschen Klinsmann, dessen Mut zu brachialen Reformen dem deutschen Fußball einen Ruck gegeben hat. Gestern, nach einer Teamsitzung mit "lauteren Worten", erklärte er die Personalpuzzlespiele so: "Die Mannschaft befindet sich in einer Phase der Neudefinition." Eine Stammplatzgarantie hat nur Klinsmann selbst.

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