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Scharmützel nach dem Schlusspfiff: Die Bayern-Stars Thomas Müller (Links) und Arjen Robben geraten aneinander.

Unruhe bei den Bayern

Das Stänker-Gen

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Beim FC Bayern München geht es derzeit hoch her. Jeder giftet gegen jeden, die Nörgler haben im Augenblick Hochkonjunktur. Nur die Erfolge halten den Laden noch zusammen.

Überdimensionale Kopfhörer sind schwer in Mode. Auch Arjen Robben, der Weltstar in Diensten des FC Bayern München, trägt eine schicke Ausführung, wenn er aus den Kabinen dieser Fußballwelt kommt. Profis benutzen das Utensil häufig, um lästige Fragen überhören zu können. Da ehrt es den Niederländer, dass er sich nach dem schwer erkämpften, aber letztlich verdienten 3:1 beim SV Werder Bremen am Samstagabend nicht taub stellte und schnurstracks zum abfahrbereiten Mannschaftsbus lief. Die Öffentlichkeit wollte ja wissen, was sich da kurz vor Schluss im kalten Weserstadion zugetragen hatte, als zwei Münchner heiß liefen: eben Robben, seit Sonntag 27 Jahre alt, und Mitspieler Thomas Müller, 21 Jahre jung. „Gar nichts war da“, flötete Robben, „das ist schon geklärt, das sind Dinge, die passieren. Da wird zu viel draus gemacht.“

Da hatte Münchens Nummer zehn nach einem in jeder Hinsicht impulsiven Spiel über 90 Minuten kräftig geflunkert: Es war klar zu sehen, wie Robben auf dem zerwühlten Grün in Richtung Müller den Zeigefinger an den Mund legte, weil der nach seiner Ansicht zu viel gemeckert und gestikuliert hatte – speziell nachdem der Ball bei einem Freistoß des von seiner schweren Muskelverletzung offenbar vollständig genesene Flügelflitzer hoch im Fangnetz gelandet war. Und dann gab es noch die Bilder nach Schlusspfiff, die sogar ein handgreifliches Scharmützel vermuten ließen. Während WM-Torschützenkönig Müller schwieg und floh, machte Fast-Weltmeister Robben in ersten Fernsehinterviews direkt nach Spielende keinen Hehl daraus, was er von dem Zoff hielt: „Ich hasse das, man diskutiert nicht mit den Händen. Wir müssen Vorbilder sein. Das ist respektlos gegenüber den Kollegen. Wir müssen es uns nicht schwieriger machen, als es schon ist.“

Eine volle Breitseite, die beim FC Hollywood allemal zum nächsten Ballyhoo taugen könnte. Doch nach einem kuriosen Spiel, dem Robben die Wende gab, weil seinem 1:1 (65.) das spielentscheidende Eigentor von Per Mertesacker (76.) und der dritte Treffer von Miroslav Klose (87.) folgten, dämmerte allen alsbald, dass dieser öffentliche Disput rasch beigelegt gehört. Neu-Kapitän Philipp Lahm kündigte mit staatstragender Miene an, den Vorfall „mit allen Beteiligten intern besprechen“ zu wollen, Sportchef Christian Nerlinger erklärte, „die Sache nicht zu hoch zu hängen, wir brauchen Emotionalitäten“. Und Spielerversteher Louis van Gaal gab sich sowieso großmütig: „Ich habe das nicht gesehen, aber wenn wir schon miteinander Streit haben, muss das mit Respekt geschehen.“

Der erste Nörgler gibt klein bei. Nerlinger will nun eine gute Mentalität erkannt haben


Der Bayern-Coach ist da ja ein leuchtendes Vorbild. Kritik von ehemaligen Klub-Ikonen wie Oliver Kahn und Mehmet Scholl nennt er „Papageien-Geplapper“, zumal es seiner Ansicht nach auf überflüssigem Genöle von Präsident Uli Hoeneß fußt. Natürlich ist van Gaal gefragt worden, warum seine Mannschaft so unbeeindruckt vom Gezänk auftrumpfte? „Weil ich 40 Jahre Erfahrung habe“, beschied der 59-Jährige, um seinen geliebten Spielern sogleich Kränze zu flechten: „Was meine Mannschaft nach dem 0:1 geschafft hat, finde ich unglaublich stark und kämpferisch. Platz drei ist sehr gut. Wir sind im Champions-League-Bereich.“ Und damit im Soll. So gibt mit Nerlinger der erste Nörgler bereits klein bei. „Zeichen einer guten Mentalität und eines Sieger-Gens“ wollte der Sportchef nun erkannt haben.

Vieles läuft wieder nach Geschmack des Branchenführers, bei dem Schlüsselpositionen mit neuem Personal besetzt sind. Der in den Rang des Stammtorwarts gehievte und nach dem Aachen-Spiel von van Gaal kritisierte Jung-Keeper Thomas Kraft zeigte eine souveräne Leistung. „Jede Kritik motiviert mich“, sagte der gefeierte Fan-Liebling. Und der Kroate Danijel Pranjic prägte das bayrische Ballkontrollspiel auf der „Sechs“ neben Andreas Ottl viel mehr als der wegen Rot-Gefahr als Erster ausgewechselte Bastian Schweinsteiger in der ihm vom Trainer verordneten offensiveren Rolle. Eine Maßnahme, für die sich van Gaal ausdrücklich selbst lobte – und zu der der heimliche Anführer lieber schwieg. Schweinsteiger hatte wohl Zweifel, ob er in der Münchner Drei-Punkte-Streitkultur den richtigen Ton treffen würde.

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