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Klassentreffen der Traber-Szene: das Derby auf der Rennbahn Mariendorf.

Trabrennsport

Man spricht Schwedisch

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Hinter dem Derby-Spektakel in Berlin-Westend werden die Strukturprobleme des deutschen Trabrennsports sichtbar. Trotz beachtlicher internationaler Erfolge einzelner Pferde ist die Zuchtbasis in den vergangenen Jahren stark geschrumpft.

Das Traber-Derby ist eines der ältesten deutschen Sportereignisse. Noch vor der Premiere der Olympischen Spiele der Neuzeit wurde es erstmals 1895 auf der längst nicht mehr existierenden Trabrennbahn in Berlin-Westend ausgetragen. Und Tradition wird noch immer groß geschrieben auf der Trabrennbahn Mariendorf, wo am Sonntag die 117. Ausgabe des klassischen Rennens für dreijährige inländische Pferde stattfindet.

Neun Hengste und ein Wallach kämpfen um den Gesamtpreis von 235?178 Euro. Mehr gibt es für Traber in Deutschland derzeit nicht zu gewinnen. Aber der Rennpreis ist es nicht allein, der Jahr für Jahr die Traber-Szene anlockt. Zwischen den Rennen geht es zu wie bei einem geselligen Klassentreffen. Für ein paar Tage gibt man sich dem Gefühl hin, es sei alles wie früher. Es ist fast nichts zu sehen von der schweren Existenzkrise des deutschen Trabrennsports.

Packender Vierkampf

Einen klaren Favoriten für das traditionelle „Blaue Band“ gibt es in diesem Jahr nicht. Vielmehr läuft es bei den Hengsten auf einen packenden Vierkampf hinaus, für den sich die vier Vorlaufsieger vom vergangenen Sonntag eindrucksvoll empfohlen haben. Mit gleich zwei Pferden ist der Stall Express des Hamburger Kaufmanns Harald Krogmann vertreten, der seit Jahrzehnten zu den erfolgreichsten deutschen Rennställen gehört. Dass der Stall Express das Derby aber noch nie gewinnen konnte, ist auch ein Indiz dafür, wie schwer es ist, gerade in diesem Rennen ganz vorn zu sein.

Die erste Wahl der schwedischen Trainerlegende Stig H. Johansson, von dem Harald Krogmann seit ein paar Jahren stets ein paar Rennpferde vorbereiten lässt, ist der Prodigous-Sohn Indigious, der seinen Vorlauf mit dem jungen Spitzenfahrer Erik Adielsson souverän für sich entschied. Trotz der schwächsten Kilometerdurchschnittszeit der vier Vorläufe (1:17,4) hinterließ der Hengst den stärksten Eindruck. Ein Wolkenbruch hatte die Bahn kurz vor seinem Vorlauf derart aufgeweicht, dass die Innenbahn nicht zu befahren war. Indigious zeigte sich davon gänzlich unbeeindruckt und siegte angesichts der äußeren Bedingungen unverschämt locker.

Casanova als Herausforderer

Im Finale kann Adielsson am Sonntag auf einen weiteren Vorteil hoffen. Er qualifizierte für den Stall Express auch noch den Love You-Sohn Chapeau, dessen Teilnahme nicht zuletzt in renntaktischer Hinsicht wertvoll ist. Der antrittsschnelle Chapeau könnte für Indigious wichtige Führungsarbeit übernehmen. Fahrer von Chapeau wird der aktuelle Berliner Champion Thorsten Tietz sein, der Krogmanns Pferde schon als junger Berufsfahrer in der Trainieranstalt von Altmeister Willy Rode gesteuert hat.

Erster Herausforderer dürfte am Sonntag der in niederländischem Besitz laufende Casanova (Roland Hülskath) sein, der ein schweres Rennen in der Außenspur beinahe spielerisch bewältigte. Als aussichtsreicher Kandidat gilt weiterhin Dream Magic BE (Josef Franzl), der die Niederlage im Buddenbrock-Rennen gut verdaut zu haben schien und sich sicher fürs Finale qualifizierte. Berliner Hoffnungen gelten ferner dem Buddenbrock-Sieger Global Challenger (Michael Schmid), der aber wegen seiner chronischen Startschwäche ein sehr schnelles Rennen benötigt, um sich für das Finish etwas ausrechnen zu können. Global Challenger läuft in den Farben von Marion Jauß, die sich bereits am Sonnabend Hoffnungen auf einen Sieg von Enigma im Stuten-Derby machen darf.

Der Auftakt der Derby-Woche verlief durchaus verheißungsvoll. Immer mehr Trainer aus Skandinavien, den Niederlanden und Österreich finden den Weg nach Berlin, wo jenseits des Rennbetriebs auf einer Doppelauktion mehr als 120 Jährlinge versteigert werden. Eine stolze Zahl, die außerdem signalisiert, dass ein Großteil des aktuellen Pferdehandels während der Derby-Tage in Berlin abgewickelt wird.

Hinter dem attraktiven Spektakel im Auktionsring werden jedoch die Strukturprobleme des deutschen Trabrennsports sichtbar. Trotz beachtlicher internationaler Erfolge einzelner Pferde ist die Zuchtbasis in den vergangenen Jahren stark geschrumpft. Wurden Mitte der Neunzigerjahre noch rund 2?700 Fohlen in Deutschland geboren, so erblicken inzwischen kaum mehr 500 Fohlen pro Saison das Licht der Traberwelt. Das beeinträchtigt inzwischen auch die Qualität des Derbys. Der lukrative Rennpreis setzt sich nämlich aus den vorherigen Einzahlungen der Rennstallbesitzer zusammen. Sinkt die Zahl der potenziellen Teilnehmer, so verliert auch das Derby langfristig an Bedeutung. In den Neunzigerjahren wurden regelmäßig bis zu 1?000 Pferde für das Derby genannt. Setzt sich der Schrumpfungsprozess der Zucht fort, wird auch das Derby zum Auslaufmodell.

Funktionäre schrecken zurück

Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte die Öffnung des Rennens für im Ausland geborene Pferde sein. Zuletzt waren es vor allem holländische Züchter, die ihre Pferde im deutschen Gestüt-Buch eintragen ließen. Vor der gezielten Ansprache internationaler Rennställe schrecken die Traberfunktionäre aber zurück. Man tut sich schwer mit einschneidenden Veränderungen, der Saisonhöhepunkt soll inländischen Pferden vorbehalten bleiben. Ein Blick in die Statistik spricht eine andere Sprache. In den vergangenen zehn Jahren wurde das Derby nur noch zwei Mal von deutschen Besitzern gewonnen. Und falls am Sonntag Indigious in den Kreis der Sieger einzieht, würde zwar die deutsche Nationalhymne gespielt, dazu aber überwiegend Schwedisch gesprochen.

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