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Sportliche Pläne in der Wüste

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Zur Eröffnung der Arab Games blieben etliche Plätze im Khalifa-Stadion leer.
Zur Eröffnung der Arab Games blieben etliche Plätze im Khalifa-Stadion leer. © REUTERS

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 ist für das Fünfsterne-Wüstenemirat Katar nur einer von vielen Schritten - hin zu der 50 Milliarden Dollar teuren Vision 2030. Auch um die Olympischen Spiele 2020 bietet das Land mit.

Von Jan Christian Müller

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 ist für das Fünfsterne-Wüstenemirat Katar nur einer von vielen Schritten - hin zu der 50 Milliarden Dollar teuren Vision 2030. Auch um die Olympischen Spiele 2020 bietet das Land mit.

Carmen Smith empfängt Gäste auf der Treppe zu einem erstaunlich grauen und unauffälligen Pavillon an der Straße zum Aspire Dome, der gigantischen Sporthalle am Stadtrand von Doha. Mrs. Smith ist Australierin, seit acht Jahren mit erstem Wohnsitz Katar. Die Marketingdirektorin der WM-Bewerbung 2022 trägt den traditionellen Abaya, ein Übergewand, das vom Kopf bis zu den Füßen reicht. Sie muss die Kopfbedeckung draußen festhalten, es weht ein unangenehm kühler Nordwestwind im Dezember. Die 23 Grad bei wolkenlosem Himmel fühlen sich viel kälter an. Routiniert führt sie durch den Pavillon, in dem am 16. September 2010 die Fifa-Inspektoren empfangen wurden. Es gab Kaffee, Kuchen und Mineralwasser. „Wir hatten ansonsten nichts zu bieten“, sagt Frau Smith den großzügig eingeladenen Journalisten, „keine Metro, kein fertiges Stadion. Also mussten wir eine Vision präsentieren.“

Denselben animierten, in Deutschland produzierten Hochglanzfilm, den die Evaluierungskommission seinerzeit zu sehen bekam, zeigt Carmen Smith Besuchergruppen nun fast täglich bis zu viermal in einem fast tiefgekühlten, fensterlosen Vorführraum. Man sieht Hightechzüge aus dem Hause der Deutschen Bahn an drei Leinwänden durch die Hauptstadt und durchs ganze Land surren, man sieht computersimulierte, hochmoderne Arenen, und zwischendurch sieht man sogar mal die Wüste, in die sich die Fünf-Sterne-Stadt Doha immer weiter hineinfrisst wie ein gieriges Monster.

„Sie werden keine Beweise finden“

Als die knapp halbstündige Vorführung fast zu Ende ist, sagt eine Stimme mit Pathos: „Qatar 2022 can change the world forever.“ Dann ist Schluss und Carmen Smith beantwortet Fragen. Sie sagt, dass es bis 2022 genügend auch für Fußballfans bezahlbare Hotels geben wird (momentan wächst ein Fünf-Sterne-Koloss neben dem anderen 30, 40, 50 Stockwerke hoch aus dem Boden Dohas), sie beruhigt, dass es Bier geben wird, wenn auch nur in ausgewiesenen Zonen, die selbstverständlich ebenso klimatisiert werden wie auch die Zuwege, und die Stadien sowieso. In Europa werde ständig davon gesprochen, dass die WM in den Winter verschoben werden muss, „wir sehen das anders, wir haben eine Lösung, wir sind bereit für eine WM im Sommer.“ Die Inspektoren seien im vergangenen Jahr in eine auf 21 Grad heruntergekühlte Prototyp-Arena geladen worden, „die hatten Jacken an.“ Natürlich hat Carmen Smith auch die Korruptionsvorwürfe vernommen. Da werden ihre Gesichtszüge so kühl wie der Vorführraum: „Bitte zeigen Sie uns Beweise, dass wir die WM gekauft haben“, sagt sie, „Sie werden keine Beweise finden.“.

Drei Stadien sollen für eine WM der wunderbar kurzen Wege umgebaut werden, neun neue Arenen könnten entstehen, die größte mit 86000 Plätzen in Lusail, einem riesigen Urbanisierungsprojekt im Norden der Stadt. Für die WM soll die Gesamtkapazität 605.000 Plätze erreichen, 170.000 Plätze in Modulbauweise sollen danach zu karitativen Zwecken in ärmeren Fifa-Mitgliedstaaten wieder aufgebaut werden. Das VIP-Emirat geriert sich nur allzu gern als großzügiger Spender für die gute Sache; die Qatar Foundation ? geleitet von des Emirs liebster Gattin, der ebenso anmutigen wie innovativen Mozah bint Nasser Al Missned – verteilt an Studenten aus der ganzen Welt kostenlose Stipendien und hat in der sogenannten Education City einen hochmodernen internationalen Universitätscampus aufgebaut. So holt sich Katar für viel Geld und mit viel Weitblick Wissen ins Emirat. Denn wenn irgendwann einmal die riesigen Erdgas- und Ölreserven aufgebraucht sind, soll das Land weiter prosperieren.

Ziel: Olympische Sommerspiele 2020

Die Qatar Foundation ist auch für den Imagetransfer verantwortlich. So etwas kostet Geld. Die Stiftung beschert dem FC Barcelona binnen fünf Jahren Sponsoreinnahmen von 170 Millionen Euro. Kleinmut ist nicht Sache des ehrgeizigen Scheichs Tamin bin Hamad bin Khalifa Al Thani, 31, dem Sohn des Emirs von Katar, Hamad bin Khalifa Al Thani. Der junge Mann ist unersättlich. Er will auch die Olympischen Sommerspiele 2020 ins Emirat holen. Das IOC entscheidet im übernächsten Jahr, verlangt aus Rücksicht auf die Gesundheit der Athleten aber Wettbewerbe nicht vor Ende September.

Fußball-WM 2022 und Olympia 2020 gehören zum Mammutprojekt Qatar National Vision 2030, das 50 Milliarden Dollar verschlingen wird. Mindestens. Das ist viel angesichts von gerade mal 250.000 inländischen Einwohnern (so viel wie Braunschweig) bei einer Gesamtbevölkerung von insgesamt 1,8 Millionen Menschen (so viel wie Hamburg), aber das ist kein Problem für ein Land, halb so groß wie Hessen, das 25.500 Kubikkilometer Erdgas im gigantischen, erst 1991 erschlossenen North Gas Field unterm Meeresboden des Persischen Golfs besitzt und dessen Wirtschaft jedes Jahr um 20 Prozent wächst.

50.000 Arbeiter, ungelernte Leihkräfte aus Asien und Afrika zumeist, wuseln in Zwölf-Stunden-Schichten allein auf dem im Dezember 2012 für 15 Milliarden Dollar Baukosten fertigzustellenden neuen Internationalen Flughafen Doha herum. Dort können dann jährlich 50 Millionen Passagiere abgefertigt werden. Für den Scheich gibt es ein eigenes, pompöses Terminal, eine Trutzburg direkt am Meer, allein fast so groß wie die Flughafenhalle der Hansestadt Bremen. Qatar Airways fliegt bereits in mehr als 110 verschiedene Länder. Arnaud Richli, ein aus Frankreich rekrutierter Architekt, erklärt, dass 80 Prozent des Airports durch Sandaufschüttungen aus dem Meer gewonnen wurden und präsentiert bei der Rundfahrt über die noch verwaiste Rollbahn den Hangar mit der weltweit größten Spannweite von 240 Metern.

„Unsere Bevölkerung arbeitet entweder oder sie studiert“, erklärt Abdulla Saif al Mesallam, der Finanzchef der Qatar Solar Technologies. Eine Milliarde Euro investiert Katar gerade in die Solarenergie, inklusive Joint Venture mit der Bonner Solar World. Die WM-Stadien sollen nicht nur mit Energie aus Gas und Öl heruntergekühlt werden. Weil weder die eigene Bevölkerung noch die importierten und steuerfrei ausgezahlten Fachleute und Hilfskräfte genug Zeit zum Fußballgucken haben, müssen im Jahr 2022 Fans in Massen vor allem aus Europa gelockt werden. Die zu erwartende feuchte Hitze mit bis zu 45 Grad im Juni dürfte sich als größter Feind erweisen. Viel besser wäre eine WM im März oder Oktober.

Sherif Sabli, Deputy Manager im 300 Meter hohen Fünfsterne-Hotel The Torch mit Blick aufs moderne Khalifa Stadion mit seinen 50.000 Sitzen und die sieben Trainingsplätze der Aspire Sports Zone, freut sich auf den Besuch von Schalke 04 zur Saisonvorbereitung im Wintertrainingslager. Bayern München und Eintracht Frankfurt übernachten leider nebenan bei der Konkurrenz, fügt er entschuldigend an und beschreibt wortreich „perfekte Bedingungen“. Aber auch im Sommer 2022, glaubt der Ägypter, könne vor allem in den Abendstunden problemlos in Katar Fußball gespielt werden: „Der Klimawandel“, sagt Sabli und lächelt, „es ist schon jetzt lange nicht mehr so feucht und heiß wie vor sieben Jahren, als ich hierher gekommen bin.“ Der kleine Mann ist ein guter Verkäufer.

Im Eliteinstitut der Aspire Sports Academy for Sports Excellence sollen die Nationalspieler 2022 gezüchtet werden. Katar, Platz 95 der Fifa-Weltrangliste, scouted dafür sogar in Afrika Talente. Fußball als sozialer Aufstieg soll die Triebfeder des Erfolgs werden. Die Qatar Stars League mit ihren zwölf Teams hat zwar immerhin den Klub-WM-Halbfinalisten Al Sadd hervorgebracht, der jüngst erst beim 0:4 gegen den FC Barcelona in Yokohama ausschied. Doch die Bildersprache in der Ligabroschüre der Qatar Stars League ist deutlich: Auf nahezu allen Fotos sind im Hintergrund gähnend leere Stadien zu sehen. Dabei kostet der Eintritt nur zehn bis 50 Real (zwei bis zehn Euro). Die Saison dauert von September bis April. Im Sommer, wenn in Katar um 13 Uhr nahezu sämtliche physisch anspruchsvolle Arbeiten unter freiem Himmel abgebrochen werden, ist Pause.

Falkenjagd, Kamelrennen und Fußball

Die Leute seien fußballverrückt, wirbt Gerald Fritz, der Marketingmanager der Liga, der zuvor im deutschen WM OK 2006 und für die American Footballer der Frankfurt Galaxy gearbeitet hat, ehe er vor drei Jahren dem Lockruf nach Katar folgte. Es sei „kurzsichtig“, so der 42-jährige Deutsche, „negativ über die WM in Katar zu sprechen.“ Viel mehr könnte Deutschland sein durch die Weltmeisterschaften der Männer 2006 und der Frauen 2011 erworbenes Know-how „viel besser nutzen“, um die erste WM im Mittleren Osten zu unterstützen. Die Fußballverantwortlichen in Katar würden „sehr gerne“ mit Deutschland zusammenarbeiten. So sieht es auch Geschäftsmann Matthias Krampe, der jüngst ein Start-up-Unternehmen in Doha mitgegründet hat. Er ärgert sich vor allem über die kritischen Anmerkungen von DFB-Präsident Theo Zwanziger in Richtung Fifa und Katar. Die Aussagen schadeten den Beziehungen zu Katar.

Neben Fußball gehören die Falkenjagd und Kamelrennen zu den beliebtesten im weitesten Sinne sportlichen Freizeitbeschäftigungen der Elite in Katar. Die Kamelrennen sind ein skurriles Schauspiel: Zwischen den Höckern haben die Besitzer kleine Bohrmaschinen angebracht. Auf dem kilometerlangen Wüstenkurs Al Sheehanyia ? 30 Autominuten westlich von Doha ? begleiten sie die Rennkamele in schweren Geländewagen und drücken bei Bedarf auf ihre Fernbedienungen, um die Bohrmaschinen zu aktivieren, die unwilligen Kamelen in die Höcker piksen und den bis zu 65 Kilometer pro Stunde schnellen Tieren Beine machen. Gewettet werden darf in Katar zwar nicht, die schnellsten Kamele bringen ihren Eigentümern gleichwohl akzeptablen Ertrag: einen neuen Porsche zum Beispiel. Katar besitzt schließlich seit zwei Jahren zehn Prozent der Porsche-Holding.

Bei den Arab Games der klassischen Sportarten, die vom 9. bis 23. Dezember in Doha stattfanden, war die Resonanz dagegen bescheiden. Vom fünften Tag an gab es freien Eintritt für die Geisterspiele, deren 17 Wettkampfstätten völlig unzureichend ausgeschildert waren. Während im Aspire Dome mehr Sicherheitspersonal als Besucher bei den Spielen weilten, herrscht in der Regel auch nebenan im voluminösen Fünf-Sterne-Shopping-Center Villaggio mit seiner oft verwaisten Eisbahn unter der großen Kuppel und den Kanälen mit meist unbenutzten venezianischen Gondeln sehr übersichtlicher Betrieb.

Überdimensionierte Infrastruktur

Für das, was die Stadt an Infrastruktur bereitstellt, fehlt es trotz Verdopplung der Einwohnerzahl binnen drei Jahren noch an Menschen. Die Cafés und Restaurants am Eingang zur in Form einer riesigen Perle neu aufgeschütteten Insel The Pearl wirken einladend, aber sie sind auch fast menschenleer, genau wie die Promenade, vor der Dutzende Luxusjachten liegen. Für 700 Boote ist Platz im Hafen, zwei Millionen Quadratmeter Verkaufsfläche warten auf Pächter, und wer ein Apartment erwirbt, bekommt vom Emir die Aufenthaltsgenehmigung gleich mit. Vor dem neuen Kulturbezirk mit Amphitheater und Opernhaus entstehen auf einem künstlichen Hügel 250 Villen mit Meerblick. Der Plan: Künstler aus der ganzen Welt sollen dort einziehen und das Land inspirieren.

Garry Friend, Generalmanager des Grand Hyatt, blickt vom Privatstrand der Fünf-Sterne-Herberge rüber zur artifiziellen Pearl-Insel. Vergangenes Jahr nächtigte der FC Barcelona im Hyatt. Der Australier schüttelt den Kopf: „Unfassbar, was hier los war.“ Vor seinem Hotel drängelten die Fans und drückten sich die Nasen am Eingangsportal platt. „Die wollten alle diesen kleinen Messi sehen“, sagt Friend: „Völlig verrückt.“

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