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Gezeichnet von den Strapazen 2017: Lionel Sanders.

Ironman

Sport statt Strick

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Vor zehn Jahren noch den Drogen verfallen, ist der Kanadier Lionel Sanders heute der Topfavorit auf den bedeutendsten Ironman-Titel.

Triathleten, die sich für den Ironman Hawaii qualifizieren, sind oft sonderbare Typen. Wer nacheinander 3,8 Kilometer in der Bucht von Kailua-Kona schwimmt, 180 Kilometer auf dem Queen Kaahumanu Highway Rad fährt und 42,195 Kilometer über den Alii Drive läuft, der braucht für den Tag der Wahrheit auf Big Island einen besonderen Antrieb.

Lionel Sanders hat sich daheim ein Foto an die Wand vor seinem Laufband gehängt, wie er mit hängenden Schultern und gebeugtem Rücken dem Ziel entgegentaumelt. Das Motiv aus dem vergangenen Jahr vermittelt den Eindruck eines geschlagenen Mannes. Tatsächlich hatte der Kanadier erst wenige Kilometer vor dem Ziel den heranfliegenden Patrick Lange passieren lassen müssen. Sanders, bei seinen ersten Hawaii-Starts als Profi noch auf den Plätzen 14 (2015) und 29 (2016) gelistet, musste sich mit Platz zwei begnügen. Gleichwohl feierte ihn die Szene als denjenigen, der wie Phönix aus der (Lava-)Asche die Ironman-Welt beinahe auf den Kopf gestellt hatte.

 „Es war eine gute Leistung. Mehr aber auch nicht, denn ich sehe noch extrem viel Spielraum für Verbesserungen“, sagte Sanders nun im Interview mit dem „Triathlon Magazin“. Jetzt möchte er bitteschön die stachlige Krone aufs Haupt gestülpt bekommen. Das Szenario von Langes Überholmanöver ist sein täglicher Antrieb für die Trainingstortur. Zeitweise hat ihn der drahtig gebaute, federleicht laufende Darmstädter derart fasziniert, „dass ich ihm versuchte, nachzueifern.“ Das ging so weit, dass der 30-Jährige immer dünner und dünner wurde, bis Sanders in den Wettkämpfen förmlich aushungerte, weil er nicht mehr genügend Kalorien zu sich nehmen konnte.

Seitdem hat er aufgehört, als Lange-Kopie unterwegs zu sein, zumal er seinen unrunden, ja unkonventionellen Laufstil nicht mehr gänzlich ablegen kann. „Ich muss versuchen, das Rennen auf meine Art und Weise zu gewinnen.“ Das Defizit im Wasser nicht zu groß werden zu lassen, auf der Radstrecke wie verrückt in die Pedale zu treten, um dann auf der zweiten Marathonhälfte nicht mehr langsamer zu werden. Ob der Plan aufgeht? Sanders wird vermutlich derjenige sein, der am Samstag als Erster auf die Laufstrecke geht. Für die Vermarktungsmaschinerie der in den Besitz des chinesischen Konzerns Wanda befindlichen Ironman-Marke würde es perfekt passen, wenn dieser Eisenmann seinen Vorsprung bis ins Ziel rettet: Der Eigenbrötler ist mit seiner bewegenden Vita als Missionar in Entwicklungsmärkten wie geschaffen – viel besser als der nächste deutsche Sieger. Seine Heldengeschichte geht in Kurzform so: vom Drogensüchtigen zum Triumphator.

In der High School war der Freak noch ein talentierter Läufer, später in der Provinz Ontario kam er an der Universität mit dem Partyleben in Berührung, wie Sanders es nannte. In den langen Wintern nahm sein Konsum von Drogen und Alkohol rapide zu. Die Abwärtsspirale nahm ihren Lauf. Bis sich Sanders, so erzählte er es, Ende 2009 auf einem Stuhl mit einem Gürtel um den Hals in der Garage seiner Mutter wiederfand. Bereit sein Leben zu beenden, weil er sich weigerte, gegen die Abhängigkeit zu kämpfen.

Der Gedanke, dass Mama es niemals überwinden würde, ihn tot aufzufinden, hielt ihn vom Suizid ab. Stattdessen begann er bald wieder mit dem Laufen. Irgendwann fragte er seine Mutter, ob sie ihm ihre Kreditkarte geben würden, damit er sich zum Ironman Louisville anmelden könne. Er kam 2010 unter 10:15 Stunden ins Ziel, was eine sehr achtbare Zeit für jeden Altersklassenathleten ist. Erst recht bei seinem solchen Vorleben. Der Anfang einer neuen Leidenschaft. „Triathlon ist nur der Ausdruck tieferer Dinge, die in mir vorgehen“, sagte er einmal und räumte ein, dass er einfach die eine Sucht gegen eine andere in seinem Leben eintauschte, um die Wende zu schaffen. Sport statt Drogen.

Weil ihn viermal beim Radtraining ein Auto anfuhr und er sich selbst als Stubenhocker beschreibt, verlegte er bald weite Teile des Trainings nach drinnen. Er fuhr endlose Stunde auf einer freien Rolle, legte sich erst ein Laufband und später noch eine Gegenstromanlage, um das heimische Trainingsarsenal komplett zu machen. Eine Heizung simulierte die Hitze, die den Hawaii-Teilnehmern etwa im „Energy Lab“ zu schaffen macht. Doch die fehlende Freiluftpraxis hatte auch Schattenseiten: Beim Ironman 70.3 in Wiesbaden trug es den Exzentriker vor zwei Jahren auf dem bergigen Kurs plötzlich mit fast 70 Stundenkilometer aus der Kurve. Aber auch dieses Malheur überstand er weitgehend unbeschadet.

In diesem Jahr ist Sanders wieder mehr draußen gewesen. Wegen des heißen kanadischen Sommers habe er „alle Laufeinheiten draußen absolviert“. Und bereits seit einem Monat trainiert er nur noch auf der Trauminsel. „Ich will eins mit dem Kurs, der Hitze und dem Wind werden.“ Dabei hilft ihm, zeitweise auch zu meditieren, „am liebsten, während ich mich bewege und trainiere“. Er habe festgestellt, dass der Kopf häufiger der limitierende Faktor sei und genauso trainiert werden müsse wie der Körper. Deshalb arbeite er viel mit Visualisierung und blickte oft auf das Bild, das ihn kurz vor der Ankunft beim härtesten Ironman der Welt als Geschlagenen ausweist. Das soll nicht wieder passieren.

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