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Bitte keine Sonderbehandlung: Daniel Ulrich, Dennis Winkens und Daniel Marzi (v.l.) vom Team „Penta.Bcon“.

E-Sport

Spielen ohne Grenzen

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In der Realität sind sie durch ihre körperliche Behinderung eingeschränkt, aber in der Welt der Computerspiele stehen sie ihren Gegnern in nichts nach. Besuch bei einem Trio, das von Berlin aus die Profiszene aufmischen will.

Für Andreas Schätzke gibt es nur eine Antwort – und die fällt klar und deutlich aus: Natürlich können Menschen mit einer Behinderung genauso gut Computer spielen wie Menschen ohne Handicap! Die drei Spieler, die in dem von Schätzkes Organisation gegründeten E-Sport-Team „Penta.Bcon“ auf Profi-Niveau durch virtuelle Welten streifen, sind für ihn das beste Beispiel. „Die totale Inklusion ist in der digitalen Welt real“, sagt der Mitbegründer der Berliner Organisation Penta, denn: Alle Spieler hätten die gleichen Möglichkeiten und seien mit den richtigen Eingabegeräten auf Augenhöhe.

Ob mit Behinderung oder ohne. Schätzke und seinen Mitstreitern bei Penta geht es darum, die gesellschaftliche Diskussion voranzutreiben und auch die Politik stärker einzubinden. Es gehe darum, aufzuzeigen, was Gaming und E-Sport möglich machten – vor allem für Menschen mit Behinderung. Derzeit stehe oftmals der Generationenkonflikt im Vordergrund: Eltern fragen sich, warum ihr Kind so viel Zeit vorm Bildschirm verbringt, es gibt etliche Studien über Computerspielsucht und die psychischen Gefahren des Abtauchens in die künstlichen Welten voller Monster, Waffen und Gewalt. Aber das sei nur die eine Seite der Medaille, sagt Schätzing, er sieht die Chancen der virtuellen Sport-Welten: „E-Sport ist eine Industrie, die bisher nur wenige verstehen, weil sie komplex und sehr dynamisch ist“, sagt Schätzke.

Der Begriff E-Sport, also elektronischer Sport, bezeichnet den sportlichen Wettkampf zwischen Computerspielern. Laut einer Umfrage des Bundesverbands „Interaktive Unterhaltungssoftware“ von 2018 spielen mehr als drei Millionen Deutsche regelmäßig Turniere in verschiedenen Videospielen. Ob nun Profis oder Amateure ihre Spielfiguren auf Computer oder Konsole steuern, die Zuschauerzahlen solcher Wettbewerbe steigen stetig, auch die Preisgelder wachsen: Die elektronischen Wettkämpfe zwischen Computerspielern generierten 2017 weltweit 557 Millionen Euro an Erlösen. Experten gehen davon aus, dass diese Summe in den nächsten drei Jahren die Milliarden-Euro-Marke knacken wird. Auch die Spieler selbst verdienen mit – erst in diesem Jahr gewann ein 16-Jähriger drei Millionen Dollar, weil er bei der Weltmeisterschaft im Spiel „Fortnite“ der Beste war. Im Spiel „Dota 2“ gingen in diesem Jahr mehr als 15 Millionen Dollar an das fünfköpfige Siegerteam.

Nun machen sich also auch Dennis Winkens, Daniel Ulrich und Daniel Marzi auf, um in der Welt der Profizocker mitzumischen. Die drei Spieler von „Penta.Bcon“ werden künftig im Shooter-Spiel „Apex Legends“ antreten. „Apex ist ein neues Spiel, das drei Spieler erfordert“, erklärt Andreas Schätzke. Der Vorteil: „Wir können zeitig in das Spiel einsteigen, erkunden alle Möglichkeiten, die es bietet und freuen uns letztendlich auf die kommenden Turniere.“ Im Verlauf dieser Turniere und Wettbewerbe treten die drei Penta-Spieler gegen andere Teams ohne Behinderungen an. Eine Sonderbehandlung will keiner der drei. Deshalb, sagt Andreas Schätzke, habe das Penta-Team bisher auch alle Einladungen zu Liga-Wettkämpfen ausgeschlagen, die ausschließlich für Menschen mit Behinderungen ausgetragen würden. „Wir brauchen es nicht“, betont Schätzke. Die Spieler anders zu behandeln, sei der falsche Weg. Es gehe darum, klarzustellen: Ein Spieler im Rollstuhl kann in der virtuellen Welt ein genauso fähiger Athlet sein wie jemand, der kein Handicap hat.

Letztendlich soll das Engagement der drei Spieler in einem Vollzeitvertrag mit angemessenem Gehalt münden. „Unsere Jungs sollen mittel- bis langfristig davon leben können“, sagt Schätzke. Dafür müssen die drei nun trainieren und ihr Zusammenspiel verbessern. Dazu werden Trainingslager im Berliner E-Sport-Leistungszentrum ausgerichtet, ansonsten wird online geübt. Schon bald soll es erste Events und Qualifikation für nationale und internationale Wettbewerbe geben.

E-Sport
Der Begriff „E-Sport“, also elektronischer Sport, bezeichnet den sportlichen Wettkampf zwischen Computerspielern. Mehr als drei Millionen Deutsche spielen regelmäßig Turniere oder sind in verschiedenen Videospielen in Ligen aktiv.

Penta ist eine E-Sport-Organisation aus Berlin, die im Januar 2014 ihre Arbeit aufnahm. Entstanden ist sie durch eine Fusion von fünf Vereinen. Die Unternehmergesellschaft hat sich die Förderung und Entwicklung des E-Sports auf professionellem Level auf die Fahne geschrieben. In Berlin haben sie 2017 das deutschlandweit erste E-Sport-Leistungszentrum (500 Quadratmeter) gegründet. Dort trainieren zum einen die Mitglieder von Penta und anderen Organisationen, zum anderen dient es als Austragungsort für Veranstaltungen und Turniere.

Die Teams der Organisation sind aktiv in League of Legends, Rainbow Six, Fifa, Fortnite, Apex Legends, Paladins, Playerunknown’s Battlegrounds und Hearthstone. mic

Dass die drei jungen Männer ohne Nachteile in die Welt der „Apex Legends“ aufbrechen können, haben sie einem kleinen Gerät namens „Bcon“ zu verdanken. Ausgesprochen wird es „Beacon“, die Abkürzung steht für „better control“. Das durch Kickstarter ermöglichte Gerät, zielte gar nicht auf Spieler mit einer Behinderung, sondern ist für alle Gamer gedacht. „Irgendwann ging aber die Glühbirne an und wir erkannten, dass es die technische Grundlage ist, um Menschen mit körperlicher Behinderung die komplette Inklusion zu ermöglichen“, erzählt Penta-Geschäftsführer Schätzke.

Erdacht und entwickelt hat den Bcon das Karlsruher Startup CapLab. Rund 60 000 Dollar kamen per Crowdfunding anfangs zusammen. Für Carsten van Husen, einen der beiden Geschäftsführer und Gründer des CapLab, ist die Vielseitigkeit des Bcon die große Stärke der Erfindung: „Der User kann das Gerät an seine Bedürfnisse anpassen.“ Spieler ohne Beeinträchtigung schnallen sich das Gerät einfach um den Fuß und verknüpfen eine der Bewegungsachsen – entweder die vertikale oder die horizontale – mit einem Tastenbefehl. Bewegt der Spieler den Fuß nach oben, kann er damit beispielsweise in einem Spiel die Waffe nachladen oder sich die Punkteübersicht anzeigen lassen. „Im Grunde ist es wie ein sechster Finger, der es einem erlaubt, noch etwas gleichzeitig zu machen“, sagt van Husen. Da auch Befehle an den Neigungswinkel gekoppelt werden können, kann der Bcon sogar mehrere Tasteneingaben hintereinander übernehmen.

Die Spieler von Penta nutzen den Bcon auf unterschiedliche Weise. Dennis Winkens ist vom Hals abwärts gelähmt, er hat das Gerät auf seiner Schirmmütze befestigt und steuert es mit dem Kopf. Daniel Marzi sitzt auch im Rollstuhl, aber er kann beide Arme bewegen und benötigt den „sechsten Finger“ daher nicht. Daniel Ulrich hat eine Fehlbildung des rechten Arms und trägt das Gerät am rechten Fuß. Er nutzt es, um Nachzuladen, zu sprinten oder im Spiel über den Boden zu rutschen. Das Entscheidende ist aber: „Er hilft mir dabei, meinen Fokus nicht zu verlieren“, erzählt der 30-Jährige.

Daniel Ulrich, der sich im Internet den Nickname „Skrelldorn“ gegeben hat, zockt schon seit Kindertagen. „Mein erstes Spiel war Punch-Out für das NES von Nintendo – damals war ich vier.“ Ein Jahr später spielte er auf der Konsole Zelda. Seine Behinderung habe ihn nie vom Spielen abgehalten. „Ich musste lernen, damit umzugehen.“ Seine ersten Schritte Richtung Computerspiel als Wettbewerb machte er im Shooter „Counterstrike“. Er bewarb sich damals auch bei einem Clan, um mit anderen zu spielen. Seine Behinderung war dabei nie ein Thema gewesen. „Sie hatten sich später, als sie es erfahren haben, gewundert, weil sie nie etwas bemerkt hatten.“ Als er vor Kurzem den Bcon zum Probieren angeboten bekam, begann er anschließend auch „Apex Legends“ zu spielen. „Mein Ziel ist es, mal groß rauszukommen“, sagt Ulrich und lächelt.

Es geht ihm dabei aber nicht um das Geld, wie Daniel Ulrich betont, sondern eher um die großen Events, auf denen er von Fans angefeuert wird und sich mit anderen messen kann. Aber er hofft auch, so etwas wie ein Vorbild sein zu können; dass durch Erfolge seines Teams weitere Menschen mit Behinderungen motiviert werden, im E-Sport Fuß zu fassen. Ulrich hat den Eindruck, derzeit scheuten manche Spieler mit Handicap noch davor zurück, an Wettkämpfen teilzunehmen. „Vielleicht trauen sie sich, wenn sie uns gesehen haben“, sagt Ulrich. Auch er will keine Extrawurst: „Wir jammern nicht über unsere Einschränkungen. Sie sind eher Ansporn, 110 Prozent zu geben. Ich will definitiv keine Sonderbehandlung.“

Dass die drei jungen Spieler für Aufsehen sorgen werden, das steht für Penta-Chef Andreas Schätzke außer Frage. Und auch andere werden dem Vorbild aus Berlin nacheifern. „E-Sport und Gaming hatten immer schon das Inklusionspotenzial, es wurde aber erst spät entdeckt. In den nächsten Jahren werden noch viele inklusive Projekte entstehen“, da ist Andreas Schätzke sicher. „Es wird sich einiges auf dem Markt tun.“

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