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Verspricht der Eintracht einen heißen Tanz: Jürgen Klinsmann.

Hertha BSC

Noch zeitgemäß?

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Im zweiten Spiel von Jürgen Klinsmann bei Hertha BSC steht das System auf dem Prüfstand.

Jürgen Klinsmann hat vermutlich nicht gezählt, wie oft er in seinem bewegten Leben schon am Frankfurter Airport gewesen ist. Der viertgrößte Flughafen Europas diente zeitweise fast als das zweite Wohnzimmer des Weltenbummlers, der einst aus dem kalifornischen Huntington Beach den deutschen Fußball mit grundlegenden Reformen überwölbte. Als der 55-Jährige kürzlich über den großen Teich flog, wollte er eigentlich nur seiner Funktion als einfaches Aufsichtsratsmitglied bei Hertha BSC nachkommen. Doch mit der Beförderung zum Cheftrainer dauert dieser Deutschlandaufenthalt erst einmal länger. Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass Klinsmann sein erstes Auswärtsspiel in Frankfurt bestreitet, wenn die Hertha am Freitagabend bei der Eintracht antritt.

Der Druck ist nach dem ziemlich schöngeredeten Debüt gegen Borussia Dortmund (1:2) jedenfalls nicht zu leugnen. „Die Stimmung ist gut und zuversichtlich, jetzt fahren wir nach Frankfurt und geben denen einen richtigen Fight“, sagte Klinsmann am Donnerstag: „Da wird es zur Sache gehen, da wird es krachen.“ Wahrscheinlich braucht es solch eine martialische Ansage: Viele bewerten die Begegnung der auf den Relegationsrang abgerutschten Hertha als Lackmustest, ob das System Klinsmann auch im Jahre 2019 noch funktioniert. Sich einen XXL-Staff zuzulegen, während der Chefcoach als eine Art Supervisor das große Ganze begleitet: Diese Herangehensweise war bei seiner Inthronisierung als Teamchef der deutschen Nationalmannschaft 2004 ziemlich neu, anderthalb Jahrzehnte später verbirgt sich dahinter kein Überraschungseffekt mehr. Jeder Verein hat gute Spezialisten, die von der Athletik bis zur Ernährung die Themenfelder beackern. Und die in den Vereinsstrukturen bestens eingebettet sind.

Wer die Helferschar so flugs austauscht, wie es der in dieser Hinsicht kompromisslose Klinsmann mit Amtsbeginn tat, nimmt Risiken auf sich. Bei vielen neuen Gesichter kann der Überblick verloren gehen: wie am vergangenen Sonntag, als sich Youtuber Marvin Wildhage gut getarnt im Hertha-Outfit in die Trainingsgruppe schmuggelte. Klinsmann sprach zwar an den Überraschungsgast jetzt prompt eine Gegeneinladung aus („Wenn du das nächste Mal kommst, dann wartet ein Trikot hier auf dich, und dann weißt du, was die Spielregeln bei uns sind“), aber peinlich war der Vorfall trotzdem.

Gefragt wäre das Wesentliche: die Arbeit mit einer Mannschaft, die hinten zu viel zulässt und vorne zu wenig anbietet. Und die offenbar körperlich nicht voll auf der Höhe ist, auch wenn Berlins Berufsfußballer gegen den BVB bei der Laufleistung (120,7 Kilometer) einen Saisonbestwert hinlegten. Bis der zuvor für Eintracht Frankfurt tätige Schleifer Werner Leuthard hier sichtbare Verbesserungen erreicht, ist Weihnachten. Zuvor geht es für die Hertha gegen Freiburg, nach Leverkusen und gegen Mönchengladbach.

Motivation einfacher Art

In der Mannschaftssitzung soll Klinsmann seinen Spielern gesagt haben: „Das ist Berlin. Das ist die Hauptstadt. Die Fans stehen hinter euch. Zerreißt euch für sie!“ Doch nur mit Motivationssprüchen aus der Mottenkiste wird die Mannschaft kaum die Kurve kriegen. Der taktische Plan unter Pal Dardai funktionierte Jahre recht simpel: stabil stehen, Ordnung halten, Gegner bearbeiten. Und notfalls geht es halt null-zu-null aus. Nur dieses eher grau anmutende Gewand steht keinem „Big City Club“, von dem Investor Lars Windhorst träumt. Für Klinsmann ist es eine Gratwanderung. Allzu viel Reform im Eiltempo geht nicht: „Wichtig ist, nicht gleich zu viele Veränderungen vorzunehmen – und dass die Jungs ihren Rhythmus bis Weihnachten aufnehmen können.“ Der Revolutionär ahnt, dass Realismus angesagt ist. Aber wie sieht die konkrete Schlussfolgerung aus?

Strahlemann „Klinsi“ kann auf Knopfdruck sein breites Grinsen anknipsen, aber seine fußballerische Handschrift erscheint nicht ganz so hell. Vor zehn Jahren beim FC Bayern wirkten die Irritationen am Ende so immens, dass das Experiment vor Ablauf der Saison 2008/2009 endete. Zuvor war das Sommermärchen 2006 ja deshalb so groß raus- (und in die Kinos) gekommen, weil im Hintergrund Joachim Löw die taktische Regie führte. Deshalb muss die Besetzung seines ersten Assistenten verwundern: Alexander Nouri scheiterte beim SV Werder auch an seinem Faible für eine Fünferkette. Defensivdenker Nouri ist fast der Gegenentwurf zum Offensivliebhaber Löw.

Aber ohne den heutigen Bundestrainer und das Eingreifen des damaligen Platzhirsches Michael Ballack wäre Klinsmanns DFB-Mission bereits vor WM-Start gescheitert. Für ihn erwies es sich rückblickend als Segen, dass er das skeptische Grundrauschen ob seiner Person aus der Otto-Fleck-Schneise in der DFB-Zentrale nicht vernehmen konnte, weil er höchst selten zugegen war. Im Oktober 2005 wetterte Uli Hoeneß über den nicht greifbaren Teamchef: „Der soll nicht ständig in Kalifornien rumtanzen und uns hier den Scheiß machen lassen!“ Immerhin: Fehlende Präsenz ist jetzt nicht das Problem.

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